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Petra Ganglbauer: Permafrost.

Prosa.
Wels: Mitter Verlag, 2011.
140 Seiten; geb.; Euro 19,80.
ISBN 978-3-9502828-8-7.

Link zur Leseprobe

In diesem Buch geht es um alles, nämlich um die Erde und ihre Zerstörung durch den Menschen – wie er sie zu seiner Flipperkugel macht, zur Murmel in seinen seltsamen Machtspielen, wie er sie wegkickt wie einen Fußball und damit sich und allem Leben den Boden unter den Füßen wegzieht. Und nein, es ist keine Apokalypse, keine Vision von einem finalen Showdown irgendwann am St. Nimmerleinstag, es ist die Realität, die in „Permafrost" eindringlich, schonungslos und bilderreich vor Augen geführt wird. Verschiedene apokalyptische Vorstellungen, wie sie etwa in „Die Angst vor dem Weltuntergang" von Jean-Paul Clébert beschrieben sind, sind aber eingearbeitet, um zusammen mit einer Bestandsaufnahme des Gegebenen ein eindringliches Gesamtbild zu entfalten, ja zu entfachen. „Permafrost" ist vieles: Anklageschrift, Bericht, Protokoll, Seismogramm, vor allem aber eines: tief gehende und aufrüttelnde Poesie. Wie in „Täter sind Risse", einem früheren Werk von Petra Ganglbauer aus dem Jahr 1996, ist die Wirklichkeit, wie sie von den Medien und den Nachrichten unter Anführungszeichen gesetzt wird, ein zentrales Thema: „Dieses Einsamkeitsgeschüttel nach dem Schreckschlag der Nachrichten", so lautet die Anfangssequenz.

An Ianus, den römischen Gott der Anfänge und Übergänge erinnernd, hat das Buch zwei Gesichter, zwei Perspektiven, die in zwei Teilen zum Ausdruck kommen: „Die Rückseite" und „Die Vorderseite". „Alles liegt im Anfang; auf den ersten Ton lauscht ihr mit ängstlichem Ohre, nur der erste Vogel, der sich zeigt, ist dem Augur bedeutungsvoll", sagt Ianus in den „Fasti" von Ovid. Und in der „Rückseite" wird auch sehr drastisch dargestellt, wie sehr die Medien den Schrecken nivellieren und zur Gewohnheit machen, irgendein „letzter Zug" (6) wird uns dann ja schon aus den Trümmerhaufen retten. „Menschlein" heißt der Protagonist, der sich im Wir verliert, ausgeliefert an einen „Master of Desaster", der im Hintergrund die Fäden zieht, sogar Katastrophen und Untergänge als Events inszeniert und als Waren inklusive Gebrauchsanweisung verkauft, vom Taschen-AKW für jedermann (27) bis zum Weltuntergangstermin zum günstigen Prepaid-Tarif (59). Die Zerstörung der Welt geht Hand in Hand mit der Zerstörung der Sprache, durch Schlag-Wörter, Schlag-Zeilen, „Schreikommas" (31), „Silbenschrott" (56). Buchstaben knicken ein, Wörter zerbröseln wie im Krieg zerschossene Gebäude. „Es fliegen die Wort-Messer der Macher" (12). Aus dem Über-Ich wird „splitterndes Unter-Ich" (31). Das einzige Gefühl ist Angst. „Die Rückseite" – eine Maschinenwelt, die Fluten aller Art erzeugt, und der einzige adäquate Kommentar, der bleibt, ist eine „Messlatte" (11), die von Zeit zu Zeit wie ein Fieberthermometer in die Untiefen hineingehalten wird und das Ausmaß der Angst, des Windes, des Bebens anzeigt. Und die oft diffus mit „nach oben offen" bezeichnete Skala wird mit weiteren Strichen versehen, bis zur letzten Konsequenz: „Die Erde verschlingt sich selbst" (68).

In der „Vorderseite" geht es um das Subjekt, ein „Ich" tritt auf und tritt in den Dialog, nicht nur mit einem „Du", sondern auch mit der Natur, in Doctor Dolittle´scher Manier mit den Pflanzen und Tieren, zugleich weicht die Gefühlsdiktatur der Angst dem ganzen Spektrum der Gefühle. Nun wäre es unpräzise zu sagen, dass Teil 1 und Teil 2 von „Permafrost" eine Schlagschattenwelt aus einem dualen Gegensatz Hölle-Himmel bzw. Böse-Gut entwürfen, vielmehr schildert der zweite Teil den Versuch des Individuums, sich – so gut es geht – sein Himmelchen auf Erden zu retten und einen Einklang mit der Natur herzustellen. Während der erste Teil lyrisch-expressiv und mit dichten, vielschichtigen Sprachbildern den Schrecken auf den Punkt und das „Menschlein" auf die Anklagebank bringt, ist der zweite Teil mit einer nicht weniger dichten Sprache prosaischer und gegen Ende zunehmend aphoristisch gehalten, wenn es etwa heißt: „Die Ordner des Lebens und der Kunst sind Gefäße, in denen die Wörter sich einfinden, die Pinselstriche, die Objekte, die Dinge, der Atem. Und alles, was sich dort sammelt, liegt auf der Straße, verführerisch" (132). Im ersten Teil wird die Makrostruktur der äußeren Welt bis in die letzten Fasern ausgeleuchtet, im zweiten die Mikrostruktur der persönlichen inneren Erfahrungswelt und wie das Subjekt die Oberfläche der Dinge wahrnimmt. Die Welt zeigt sich farbig, aber nicht idyllisch, mit Pflanzen mit „grünen Dächern" (86), die „tiefrote Farbe" (84) ist eine des „Lacks" (ebd.), der Himmel erstrahlt in „Kino-Blau" (85). Das Donnergrollen der „schweren Nachrichten" (133) ist auch in diesem Teil immer präsent. Die „Vorderseite" ist kein Paradies. Aber ein Versuch zu leben.

Mit „Permafrost" präsentiert sich Petra Ganglbauer einmal mehr als Meisterin der Sprachverdichtung und spannungsreichen Bildsetzung sowie der daraus resultierenden sprachreflexiven Gesellschaftskritik. Ein Buch, dessen enorme Sprachdichte Zeile für Zeile immer wieder Neues entdecken lässt, nicht zuletzt das „Menschlein" in einem selbst.

Günter Vallaster
14. Dezember 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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