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Andreas Tiefenbacher: Christbaumcrash.

Roman.
Klagenfurt: Kitab Verlag, 2012.
171 Seiten; gebunden; Euro 16.
ISBN 978-3-902585-87-5.

Autor

Leseprobe

Weihnachten – für viele ein Tag der harmonischen, familiären Eintracht. Doch kommt es in einigen Familien zu Dissonanzen, zu unversöhnlichem Krach oder gar zu tödlichen Familientragödien. Von einer Tragödie der speziellen Art erzählt der gebürtige Oberösterreicher Andreas Tiefenbacher in seinem neuen Roman „Christbaumcrash“. Das Buch ist im Klagenfurter Kitab Verlag erschienen.

Kurz vor Weihnachten sägt der 48-jährige Ich-Erzähler Hans Held mit einer Motorsäge den Weihnachtsbaum vor dem Wiener Rathaus um. Der Baum fliegt auf die Buden des Weihnachtsmarktes; doch verletzt wird niemand. Bis auf Held, der kurz darauf von einer Menschenmeute geschlagen und getreten wird. Die Polizei nimmt ihn mit und stellt ihn in Untersuchungshaft, er wird unwürdig behandelt, als er um einen Arzt bittet. In der Zelle und einen Tag später in der geschlossenen Anstalt einer Psychiatrischen Klinik reflektiert Held über seine Kindheit im Salzkammergut, die Erziehung, seinen persönlichen Werdegang mit Frau und Kindern. Wir erfahren etwa, wie er von seiner Frau gegängelt wird, weil er sehr lange beim Supermarkteinkauf braucht. Sie vermutet eine Geliebte und ist rasend eifersüchtig, dies bekommt er ständig zu spüren. Neben Familiärem beschäftigt Held auch Grundsätzliches wie das Alleinsein. Sein sehnlichster, täglicher Wunsch ist es, in seinem Zimmer ungestört ein Buch zu lesen – was nie klappt.
Es gibt also verschiedene Aspekte, die den Helden dazu bewegt haben, den Christbaum umzusägen. Autor Tiefenbacher überlässt es dem Leser selbst, eine Diagnose zu erstellen. Helds Persönlichkeit, die Traumata seiner Kindheit, seine Frau und die verlogene Gesellschaft werden als mögliche Erklärungen zur Verfügung gestellt, die Gewichtung liegt jeweils in der persönlichen Prädestination des Lesers.
So musste Held sich beispielsweise stets anders geben als er wollte. In seiner Kindheit darf er nicht dreckig werden, obwohl er sich gerne im Wald aufhält. Er wird erzogen, das zu tun, was die Umwelt von ihm verlangt. Das setzt sich soweit fort, dass er diese Fremdbestimmtheit verinnerlicht, dass er sie sogar zu verteidigen beginnt, obwohl er eigentlich genau das Gegenteil möchte.

Der 50-jährige Tiefenbacher zeigt sehr genau, wie die Mechanismen gesellschaftlicher Zwänge eine Person so vereinnahmen, dass sie nicht mehr weiß, wer sie tatsächlich ist. So verwundert es nicht, wenn Held gleich zu Beginn über die Wahrheit philosophiert und sich letztlich fragt, welche wahre Identität er habe. Tiefenbacher veranschaulicht dies mit dem Abholzen der Fichten im Wald, die dann auf Weihnachtsmärkten zu Christbäumen werden. Diese zwanghafte Entfremdung der Fichte aus dem Wald bei gleichzeitiger Fremdbestimmtheit als Christbaum spiegelt sehr genau die Seele des Protagonisten wieder. Das Absägen des Christbaums auf dem Rathausplatz war somit Helds Befreiungsschlag – seine Emanzipation gegen die Konventionen der Gesellschaft. Bittere Ironie jedoch: Er wird in dem Augenblick von der Gesellschaft isoliert, als er zu sich selbst gefunden hat …
Leider hat Tiefenbacher einige Episoden und Handlungen zu ausführlich ausgelegt. Auch wenn man sich teils an Thomas Bernhard erinnert fühlt, hätte eine Kürzung und Straffung dem Roman gut getan.  Auch der Schluss hätte inhaltlich zugespitzter ausfallen können und nicht gar so versöhnlich – Schade!
Trotzdem: Mit „Christbaumcrash“ ist es dem Autor und Literaturkritiker gelungen zu zeigen, wie die Gesellschaft Gleichmacherei fördert und fordert. Andersartigkeit wird unterdrückt, bis sie „amokartig“ ausbricht. Und so hält Tiefenbacher der Gesellschaft den Spiegel vor, wie sie selbst ihre sogenannten „Verrückten“ hervorbringt. Eine vielschichtige, nachdenkliche und ernüchternde Weihnachtsgeschichte!

Angelo Algieri
21. Dezember 2011

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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