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Andrea Grill: Happy Bastards.

Gedichte.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2011.

77 Seiten; gebunden; EUR 18,-.

ISBN: 978-3-7013-1188-0.

Link zur Leseprobe

Wie das Leben so spielt

Die Schreibtischlade seit langem prallgefüllt mit Kostbarkeiten, schien die Gelegenheit eines Lyrik-Debuts für Andrea Grill nun endlich gekommen. Als Autorin trat die Salzburger Linguistin und promovierte Biologin bislang vorallem mit Prosa in Erscheinung, zuletzt mit dem Roman Das Schöne und das Notwendige (2010), der wie ihr bisheriges Oeuvre beim Otto Müller Verlag herauskam. Zudem begleitet ihr Schaffen auch ein tatkräftiges Engagement als Literaturvermittlerin – sei es im Rahmen ihrer Mitarbeit bei der Zeitschrift Literatur und Kritik oder aber als Übersetzerin zeitgenössischer albanischer Literatur. Die Lyrik könnte man vielleicht als treue Wegbegleiterin der Autorin beschreiben, welche der Entstehung ihrer Prosa seit Jahren ‚beiwohnt’ und ihr so als Rückzugsraum, Experimentier- und Reflexionsfeld gleichermaßen dient. Der im September 2011 erschienene Band Happy Bastards versammelt nun erstmals eine umfassende Auswahl aus dem bis vor kurzem ein Leben im Verborgenen fristenden lyrischen Werk der Autorin. Und dieses gibt sich so bunt und vielfältig wie das (und darunter besonders Grills eigenes) Leben selbst.

Blickt man in Gedichten zurück in die Vergangenheit, kommen rasch Erinnerungsbilder der Familie, der Natur, liebgewonnener Menschen oder Gewohnheiten zum Vorschein. Die Reminiszenzen dieser nach Vergangenem greifenden Grabungsarbeit komponiert Andrea Grill zu lyrischen Miniaturkristallen von überzeugender Klarheit, Unbedarftheit und Frische. (Erste) Liebe und Beziehungskrisen, Alltägliches, Kurioses, Komisches, Trauriges, mitunter auch Politisches sind die Bausteine dieses mannigfaltigen Sprachringelspiels, das große Themen wie etwa die Verortung des eigenen Ich und des Anderen in einem aufmerksamen Detailblick auf scheinbar Unbedeutsames aufgehen lässt. Und zumeist gelingt dies auch. Verhaltene Gesten, zurückgelassene Gegenstände, Nachbarn, Windschutzscheibenputzer oder Früchte werden damit zu agilen Seismographen einer empfindsamen Innenwelt, welche die Außenwelt auf Wiedererkennungseffekte überprüft und das Bildmaterial auf seine Treffsicherheit hin selektiert. Die Gegenwart avanciert damit zur Perspektive gebenden Urteilsinstanz, deren Distanz zum Geschehenen Einschätzungen, Relativierungen, Ironie oder einfach auch nur die nötige Brise Leichtigkeit zulässt.

Das kindlich-wunderliche Moment in Grills Gedichten entpuppt sich als deren Stärke, wenn es darum geht, Kindheitserinnerungen authentisch zu vermitteln und singuläre, prägende, berührende Momente noch einmal in aller Tiefenschärfe aufblitzen zu lassen. Mitunter drängt sich der autobiographische Subtext aber so stark auf, dass sich der/die LeserIn unumgänglich als Puzzlebauer und Kommentator jenes individuellen Lebensmosaiks wiederfindet, welches unverkennbar auch jenes der Autorin ist. Das Abstraktionspotential der Verse und Anschlussmöglichkeiten an das eigene Gedächtnisrepertoire hieven in entscheidenden Momenten aber immer wieder aus dem Privatheits-Dilemma. So drängt sich beispiesweise unschwer der Gedanke an die Italien reisende Andrea Grill auf, wenn man auf die – wie man annehmen könnte – dazugehörigen Gedichte (58-61) in Happy Bastards stößt. Aber es bleibt nicht lediglich beim Freilegen von ‚realen’ Parallelen, denn noch im selben Moment entpuppen sich diese als Kleinode zweisprachiger Poesie, deren Melodie beglückenderweise auf Anhieb trifft (60). Dieser – viel zu schnell wieder geschlossene – Zyklus wäre es durchaus wert gewesen, inhaltlich stärker hervorgehoben zu werden. Thematische Gruppierungen wie diese wären auch für den gesamten, weil so vielschichtigen Band eine gewinnbringende, strukturbildende und leserfreundliche Strukturhilfe gewesen.

Zunächst aber zurück zur Natur: Sie macht dem/der LeserIn durchgehend als Thema und Form zugleich die Aufwartung. Die symbolträchtige und metaphernstiftende Kraft der Natur wirkt hier als ordnendes Narrativ, das unwiderbringlich die Spur hinaus aufs Land und damit auch unweigerlich hinein in die Kindheit verfolgt. Weniger ist diese Omnipräsenz der Natur der Tatsache geschuldet, dass wir es hier mit einer schreibenden Biologin zu tun haben, als vielmehr einer viel früher einsetzenden, prägenden Empfindung: nämlich die jener insgeheimen Erkenntnis, die da sagt: Hier kann ich sein, wie ich bin; Hier, in der Natur, bin ich zuhause. „Wald / sagt sie / nicht Bäume oder das Grüne / oder aufs Land, / hast du gewusst / dass eine erschlagene Mücke / nach Erde riecht / auf der Hand“ (37) Und diese Grundhaltung prägt und schreibt sich ein, auch in die urbane Kosmopolitin, die ihrer im Garten wartenden Mutter stets Postkarten zukommen lässt. Poesie, die bis in den Gemüsegarten hineinreicht: „sie steht, wie immer / daheim / im Garten // kann sie auf Karten / fliegen wie auf Teppichen / bis hier her zu mir / den Fliesen unter meinen Füßen / der auf Linoleum gedruckten Wiese?“ (Muttermal, 22) Eine genaue, aufmerksame und kenntnisreiche Beobachterin von Naturphänomenen tritt Seite für Seite auf den Plan (Übergangszeit, 70). Die Natur erobert mitunter auch zurück und holt sich, was ihr vorzeitig entrissen wurde (Bahnsteigkante, 66). Grill organisiert das Wachsen, Wuchern, Gedeihen und Vergehen, Duften und Verblühen in sinnliche Sprachbilder und macht, dass die Metaphern sich in ihr einnisten, zu einer Bedeutungsöffnung führen. Dementsprechend betörend wirken somit Beschreibungsformen wie jene in Absage: „auf dem Parkett benimmt sich gefiltertes Licht / Wollmäuse gerollt aus etwas wie Haaren / die die Luft verliert“ (68) Diese Übermacht der Naturbilder macht es wohl auch, dass Großstadtsettings in diesem Band zuweilen wie Fremdkörper wirken, damit aber auch die Voraussetzung für eine umso aufmerksamere Wahrnehmung ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten bilden (Citypeople, 64).

Auch Tiere fungieren in Happy Bastards als prominente und geduldige Metaphernträger: Zu Handschuhen verarbeitet (51) oder als Rennpferde missbraucht (52), verleihen sie den Gedichten mitunter auch eine politische Dimension, die durchaus über jene des Tierschutzes hinausreicht. Grills Zoon Politikon dringt ebenso durch in der Gestalt des Nashorns als Verwaltungsbeamter (Aufgeklärter Beamtenapparat, 63) , dessen absurde Anleihen à la Ionesco aber leicht abgegriffen wirken. Auch das Mythische lässt die Autorin nicht unerprobt, wenn das lyrische Ich zum Werwolf mutiert, Urängste aktiviert, mitunter auch die Grenzen des Alter Ego (67) auslotet. Personifizierungen, sei es als Tier, Gegenstand oder aber Konzept wie in Nacht (53) geraten dabei zur beinahe übermächtig werdenden rhetorischen Figur, büßen damit an Wirkung ein, muten manchmal beliebig an, vielleicht auch zu einfach gestrickt.
Das Laborieren an der Stimme, deren Tonlage und Rhythmus bleibt im Falle Andrea Grills wohl bis auf weiteres noch ein offenes Buch – auch nach vollendeter Lektüre von
Happy Bastards. Das Abarbeiten an der eigenen Stimme, an der Melodie der Verse, am sinnvollen Setzen von Strophen und Zeilenumbrüchen bleibt überraschenderweise auch in der Autorinnen-Lesung ein noch zu verhandelndes Kapitel. Das dem Schriftbild auferlegte Strophenkorsett wird im Vortrag unerwartet abgestreift, prosaische, erzählerische Momente treten stärker hervor, legen damit Sinneinheiten frei, über die man beim Lesen oft stolpert, und machen so – schlüssigerweise – die doch stark prosaisch inspirierten Sinneinheiten sinnfällig; Grill führt damit ihre eigens festgelegte Strophenform ad absurdum, die sich bisweilen wie eine unlogische Absatzfolge ausnimmt, wie prosaische Versatzstücke, die im nachhinein in Versform reorganisiert wurden und damit dem Lesefluss Hürden bereitstellen.
Brille reimt sich auf Marille (
Hab ich dir es nicht gesagt, 8) Stuhl auf Angorawool (Ende der Woche, 56). Das Gute daran: Es passt zur unverfälschten, kindlich-wunderlichen Frische dieses Debuts, zur Gabe des Überraschungseffektes, den Andrea Grill auch bereits in ihrer Prosa wiederholt unter Beweis gestellt hat. Der Nachteil dabei: die damit erzielte Pointe hinterlässt abgesehen von schierer Freude über den Gleichklang wenig Substanz. Auch könnten die dialektalen (Ent-)Wendungen und Tempora einer alltagssprachlichen, also mündlichen Provenienz in diesem doch so den Konventionen der Schrift verpflichteten Textkosmos stören – was an sich noch keinen Grund zur Beunruhigung darstellte, würde man diese ‚Ausreißer’ nicht auch schon aus der Prosa kennen und den Verdacht hegen, dass hier ein gewisses Reflexionspotential auf seine Einlösung wartet (Sturm, 41). Auch das Hantieren mit Titeln, die vom täglichen Gebrauch überstrapaziert scheinen, nimmt die Themen der Gedichte leider zu oft vorweg, löst auf, bevor sich der Text selbst erklären könnte.

Die Liebesgedichte jedoch machen mit belebender Originalität gut, was mitunter an gattungsspezifischem Erfahrungsvorsprung fehlt. Und das ist auch gut so. Als beglückende Skizze intimer Berührungen und Begegnungen zeigen sie sich als vielleicht gelungenste, sehr einfühlsam gezeichnete und vor allem starke Seelenbilder (Liebeskummer, 36), die sich wohlig räkeln in ihrer knappen Form.
Im stillen Dialog mit der Leserin / dem Leser löst
Happy Bastards hier sein Bemühen um eine phantastische (Innen-)Weltenreise auf überzeugende Weise ein, spricht Mut zu, nimmt an der Hand, vereinnahmt sanft: „Allerorts fruchtet / Fenchelholz / so einen Gang / wie den deinen / da möchte ich / für immer aufhören / bang zu sein / nie mehr Karfunkel stehlen / einfach hinter / dir her / gehen“ (17).

Antonia Rahofer
10. Jänner 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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