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Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher: Literatur in Österreich 1938–1945.

Handbuch eines literarischen Systems.
Band 2: Kärnten.
Böhlau, Wien, Köln, Weimar 2011.
312 S., geb., Euro 39,-.
ISBN 978-3-205-78653-5.

2008 wurde ein ehrgeiziges publizistisches Projekt aus der Taufe gehoben: Die an das Grazer Universitätsarchiv angeschlossene „Forschungsstelle österreichische Literatur im Nationalsozialismus“ brachte den ersten Band des „Handbuchs eines literarischen Systems“ heraus, das systematisch die österreichischen Literatur während der NS-Zeit aufarbeitet. Band eins war der Steiermark gewidmet. Im Vorwort taten die HerausgeberInnen ihre Absicht kund, sich von nun an jährlich einem Bundesland zuwenden und das Publikationsprojekt 2017 mit der Herausgabe eines Verzeichnisses der literarischen und literaturpolitischen Institutionen beenden zu wollen
Nun sind drei Jahre bis zum Erscheinen des zweiten Bandes, der sich Kärnten widmet, vergangen – im Dreijahresrhythmus würde das Unternehmen erst 2035 fertiggestellt werden. Die Tatsache, dass der irrationale Kahlschlag des Sparimperativs kleine Forschungseinrichtungen besonders hart trifft, sowie der Umstand, dass der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) – der im aktuellen Kärnten-Band als Fördergeber genannt wird – seine Publikationsförderungen mit Ende 2011 eingestellt hat, lassen die Schwierigkeiten einer Fertigstellung dieses Unternehmens erahnen. Dabei macht nun auch der zweite Band des „Handbuchs“ klar, welcher Verlust die Nicht-Fertigstellung dieses Unternehmens wäre. Es gelingt den HerausgeberInnen tatsächlich, eine – wie der Klappentext verspricht – „umfassende Materialbasis für sachliche Auseinandersetzung mit dem brisanten Thema“ zu liefern.
Einleitend erklären Uwe Baur und Karin Gradwohl-Schlacher, im zweiten Band die Rezeption zum ersten Band mitbedacht und „eine schärfere Konturierung“ vorgenommen zu haben, das heißt, dass nun ein Überblicksartikel zur zeitgenössischen Kärntner Literaturszene und eine „Bestandsaufnahme des regionalen institutionellen Systems“ aufgenommen wurde. Natürlich sprechen die beiden auch davon, endgültige Vollständigkeit nicht erreichen zu können, aber sie wollen „flächendeckend“ arbeiten und dabei versuchen, „jeder Kanonisierung [...] entgegenzutreten“. Kanonisierung lässt sich nie ausschließen, aber bereits ein Blick in das Personenlexikon zeigt, dass hier wirklich sehr breit gestreut und auch Trivial-, Volks- und Jugendliteratur, Populärwissenschaft etc. aufgenommen wurde. Den Großteil der genannten Autorinnen und Autoren kennt man nicht, aber es ist höchst interessant zu lesen, wie Schriftsteller abseits der bekannteren Namen wie Josef Friedrich Perkonig, Michael Guttenbrunner oder Ingeborg Teuffenbach Karriere gemacht haben bzw. in Schwierigkeiten waren. (Das Exil konnte nicht berücksichtigt werden.)
Die ausführliche und luzide „Einführung“ von Karin Gradwohl-Schlacher zeigt die Kärntner Spezifika auf und bindet die Entwicklungen während der Nazi-Zeit an die Jahrzehnte davor zurück. Wichtig war für das literarische Feld zum einen der „Abwehrkampf“ 1920, in den die Publizistik fest eingebunden war, zum anderen der Umstand, dass die Lehrer, so Gradwohl-Schlacher, „in einem rückständigen Bundesland ohne Universität praktisch im Alleingang die allgemeine Volksbildung bestimmten“ und daher großen Einfluss auf den Wertekanon hatten – unter den Schriftstellern ging ein beträchtlicher Anteil dem Pädagogenberuf nach. Die Autorin weist darauf hin, dass wichtige Kärntner Schriftsteller – allen voran das "Kärntner Kleeblatt“ um Emil Lorenz, Josef Friedrich Perkonig, Alexander Lernet-Holenia und Johannes Lindner – zu Beginn der 1920er Jahre sich der Moderne verpflichtet fühlten; Lindner habe mit seinem Gedichtband „Gott Erde Mensch“ ein „rares Beispiel expressionistischer Lyrik aus Kärnten“ geschaffen und mit diesem Meisterwerk die Moderne in Kärnten begründet. Nachzuvollziehen, wohin sich diese fruchtbaren Anfänge entwickelten, gehört zu den spannenden Teilen der Lektüre.Vielleicht nicht spannend, aber nicht weniger aufschlussreich sind dann die degoutanten Beispiele der Profiteure, die sich im Personenlexikon finden. So der Berliner Eduard Behm, ein Verfasser von Abenteuer- und Kolportageromanen, der 1938 günstig ein Schloss in Klagenfurt erwarb, die Besitzerin und ihre Tochter wurden Opfer der NS-Euthanasie. 1945 entzog er sich einem Kriegsverbrecherprozess durch Flucht nach Südamerika, seine Frau lebte weiterhin auf dem Schloss, eine Rückgabe an die Erben der ursprünglichen Besitzer scheiterte. Dem Handbuch ist auch zu entnehmen, dass es einen Kreis von Schriftstellern gab, die speziell von Himmler und der SS gefördert wurden. Himmlers Lieblingsautor Werner Jansen, der mit seinen populären germanischen Heldensagen sehr wichtig für die Vorstellungswelt des Reichsführers-SS war, starb während des Kriegs in seinem Rückzugsort Velden.
Baur und Gradwohl-Schlacher können auf eine wertvolle Trouvaille verweisen: Im Zuge ihrer Recherchen fand sich ein bislang unbekannter privater Druck einer Gedichtsammlung aus dem Jahr 1940, die 16 Gedichte Michael Guttenbrunners enthält und sich sich in „verdeckter Schreibweise“ mit dem NS-Terror auseinandersetzt. Zugleich werden einige kleine Details in der Biographie Guttenbrunners korrigiert, die der streitbare Dichter nachträglich geändert hat – etwa die Aussage, dass eine Inhaftierung während der NS-Zeit wegen einer aufrührerischen Rede erfolgt sei. In Wahrheit wurde Guttenbrunner wegen Diebstahls eingesperrt.
Die Annahme, dass nur sehr wenige Frauen in der Kärntner NS-Literaturszene aktiv waren, bestätigt sich nicht. Das Personenlexikon listet eine Reihe von Autorinnen auf, die sich während des „Dritten Reichs“ sehr unterschiedlich schreibend betätigten: von den Journalistinnen über die zurückgezogen in Wolfsberg lebende Gertrud Schmirger, die unter dem männlichem Pseudonym Gerhart Ellert historische Romane verfasste, bis zum bekannten Fall der NS-Karriere Ingeborg Teuffenbachs, die diese bis in die 1980er Jahre hinein unter Verschluss halten konnte.
So ergibt das Handbuch insgesamt ein spannendes, detailliertes und aufgefächertes Bild der Handlungs-, Schreib- und Karrieremöglichkeiten zwischen 1938 und 1945. Dabei ist die Entscheidung von Baur und Gradwohl-Schlacher, konkrete Zahlen zum Einkommen der Betreffenden anzugeben, sehr zu begrüßen (solche ließen sich nur in einem Teil der Fälle ermitteln). Das zeigt, welche haushohen Unterschiede hier herrschten und welche materiellen Ausmaße Karrieren erlangen konnten.

Wolfgang Straub
12. Jänner 2011



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