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Franz Schuh: Der Krückenkaktus.

Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod.
Wien: Zsolnay 2011.
Hardcover; 256 S.; Eur. 19,90.
ISBN 978-3-552-05549-0.

Link zur Leseprobe

„(D)ie Liebe, die Kunst und den Tod“ kündigt Franz Schuh im Untertitel an – große Themen scheut er nicht. Und das hat einen guten Grund, sind ja Texte laut Schuh „Hilfen, um durchs Leben zu gehen“; damit erklärt sich nicht nur der Übertitel des Buches (der titelgebende „Krückenkaktus“ ist ein Behelf, um mehrere Krücken zugleich zu transportieren), damit wird auch gleich die existenzielle Notwendigkeit seiner Denkbewegungen eingeleitet; dem müssen natürlich auch die Themen entsprechen.
Was aber nicht heißen soll, erstens: dass man darüber die vermeintlich kleinen Themen vergessen darf (die Burenwurst, den Knieschmerz, den Fernsehkrimi), und zweitens, dass man das nicht mit unerhörter Leichtigkeit, mit Witz und großer stilistischer Feinheit angehen kann.
Und das tut Schuh, nicht zum ersten Mal und auf eine Art und Weise, die das Rezensieren zu einer recht undankbaren Tätigkeit werden lässt: Begeisterung gibt nämlich als Textsorte nicht viel her. Das wird nicht einfacher, wenn man sich gerade in seinem Willen zur Skepsis vom Text sogleich verstanden – und damit sofort wieder vereinnahmt fühlt: Denn vom Klappentext bis zur Kulturnation zeigt Schuh bei all jenen Einrichtungen eine kritische Haltung, die in den verschiedensten Größenordnungen Kunst umfassen. Der erste Essay, zum Phänomen literarischer Größe (eines Thomas Mann beispielsweise), führt das vor Augen; ebenso führt er den Leser gleich ein in die von kühler Distanz wie von persönlicher Betroffenheit geprägte und dabei jede dumpfe Polemik scheuende Vorgehensweise des Autors.

Er zeigt eine kritische Haltung, wie gesagt, keineswegs eine gleich ablehnende: Der strikte Antithetiker, das weiß Schuh (und schreibt es auch), ist am ehesten anfällig dafür, umzufallen und im Mainstream zu landen. Wie in den umgebenden Texten und Bemerkungen ist der Autor also auch in seiner „Zumutung an die Kunst“, einem der Kerntexte des Bandes, nicht geneigt, einfache Positionen einzunehmen, also von der Kunst beispielsweise strikt Subversion oder Ursprünglichkeit zu fordern. Das Problem, dass von der Kunst Radikalität zu fordern ebendiese Radikalität unterbindet, und das darin enthaltene Enttäuschungspotential lotet er ebenso klarsichtig aus wie die zum Scheitern verurteilten Gegenstrategien: den grundlegenden Mangel an Vitalität beispielsweise, der in der häufig zu beobachtenden Reaktion steckt, mit schnellen Machtworten endlich Ordnung in die dialektische Verwirrung zu bringen.

Die Rettung steckt hier für Schuh auch nicht in der spätestens seit Damien Hirst und Co zu beobachtenden Facon, Kunst als Marketing zum Geschäft und das Geschäft zur Kunst zu machen – Künstler also als Broch'sche Huguenaus auf einen leeren Flucht- anstatt auf jenen Sehnsuchtspunkt hin arbeiten zu lassen, der bei Schuh doch so notwendig ist. Dass es „funktionierende“ Kunst überhaupt gebe, in diesen scheinbar unentrinnbaren Dichotomien, das sei wohl „per definitionem ein Glücksfall“.
Wer die Möglichkeit von Kunst hinterfragt, stößt irgendwann auf bloße Evidenz; wer die Möglichkeit des Guten hinterfragt, stößt zumindest auf Orte, an denen es sicher nicht ist. Dass hier gewisse Akteure und Kleinformate immer leichte Beute sind, räumt Schuh an anderer Stelle ein. Dennoch ist die Geröllhalde der Politik- und Medienlandschaft der ideale Austragungsort für Schuhs Ringen mit den fatalen (und manchmal nichtsdestotrotz komischen) Verschleifungen, die aus der Sprache eine Mördergrube machen. Die verleumderische Kraft des Terminus „Gutmensch“ zum Beispiel dient dort als willkommenes Sprungbrett, wo Moral zur übermäßigen Anstrengung wird: „Die Leute ringen mit den letzten Fesseln ihres Gewissens, bevor sie richtig schlecht werden.“

Im Autobiographischen (oder dem, was man dafür halten könnte) lässt Schuh die Zügel ein wenig locker; dort ist der Ort für Selbstdarstellung, -mitleid, -erniedrigung und -überhöhung; von einem Erzähler, der sich perfekt in seine Figur (womöglich er selbst) einfügt, in alles umfassender Ironie aufgehoben – ob er nun sein patientengemäßes Anspruchsdenken bei der Psychologin beobachtet oder durch die Fenster des AKH den variablen Graben zwischen Natur und Kultur. Der längste und zugleich rasanteste Text des Bandes beginnt mit dem Einmarsch der Kulturlandschaft ins Schuh'sche Wohnzimmer, in Form einer Übertragung der Abschiedsgala für den scheidenden Operndirektor. Die prompten Erstickungsanfälle und die panische Flucht zur nächsten Burenwurst lösen eine Erinnerungskaskade aus: Sie treiben den Leser durch Sanatoriumsaufenthalte, Sterbeszenen in Krankenhäusern und halluzinierte Liegestützexzesse, jeder Absatz eine Denkwürdigkeit.

Gerahmt und durchsetzt sind diese Texte von Gedichten, Sentenzen oft zu den Problembergen der größeren Texte und meist um eine karnevaleske Wendung reicher als diese, in denen das lyrische Ich mit Ingrimm den Valentinstag oder mit Bestürzung das Erscheinen der Natur erträgt. Mit der thematischen Überschreitung der Textsortengrenzen fügt sich das Buch, wie im Vorwort halb augenzwinkernd versprochen, schließlich zur „Komposition“.
In seiner Themenwahl beweist Schuh Risikobereitschaft; mit grandioser geistiger Beweglichkeit entkommt er den Fallstricken nicht nur; er zergliedert sie; und er zeigt, woraus sich dabei eine tragfähige Haltung zusammensetzen ließe: kaum aus feststehenden Urteilen, sehr gut hingegen aus unabschließbarer Bewegung. Eine anregende, bleibende Lektüre.

Bernhard Oberreither
1. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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