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Kurt Bartsch, Ralof Burmeister, Adelheid Koch-Didier, Stefan Schwarn (Hg.): Raoul Hausmann.   

Die Deutsche Literatur (DDL).  
Biographisches und bibliographisches Lexikon in sechs Reihen.
Reihe VI. Die deutsche Literatur von 1890 bis 1990.
Abteilung A: Autorenlexikon.
Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann, Holzboog 2012.  
195, (32) S.; geb.; m. Abb.; EUR 123.98.
ISBN 978-37728-2239-1.

Die zentralen Forschungsdesiderate, so Hans-Gert Roloff und Walter Delabar vom Herausgeberteam des Monumentalprojekts „Die deutsche Literatur (DDL). Biographisches und bibliographisches Lexikon in sechs Reihen, Reihe VI: Die Deutsche Literatur zwischen 1890 und 1990“, betreffe nicht die kanonisierten AutorInnen, sondern jene, die im „Verlauf der Literaturgeschichte vernachlässigt und vergessen wurden“ (S. 5). Ihre Stellung in der literarhistorischen Wahrnehmung zu festigen und die Weiterbeschäftigung mit ihnen zu befördern, ist Ziel einer Reihe von Sonderbänden mit monographischen Abrissen zu Leben und Werk samt Werkbibliographie.

Der erste Band dieses Projekts ist dem „österreichischen“ Dadaisten Raoul Hausmann gewidmet, der 1886 in Wien geboren wurde, 1918 einen tschechischen Pass beantragte und seine intellektuelle Heimat im Berlin der Dada-Jahre fand. Betreut wurde der Band von Kurt Bartsch, Ralf Burmeister, Adelheid Koch-Didier und Stefan Schwar, alle vier langjährige Hausmann-Forscher und/oder Betreuer wichtiger Nachlassteile. Ob der Eindruck stimmt, dass das neue Jahrtausend zunehmend weniger Bedarf zu haben scheint an den unkonventionellen Konzepten der Avantgarden des vergangenen Jahrhunderts, lässt sich mit diesem Band nur bedingt überprüfen, denn die Deadline für die Bibliographie war 2007. Die Forschungsliteratur seit der Ende der 1950er Jahre sehr zögerlich einsetzenden Rezeption bis 2000 jedenfalls füllt gut sieben Seiten, für die Jahre seit 2001 reicht eine knappe Seite.

Der Band konnte sich auf umfangreichen Vorarbeiten stützen; 1996 erschien als Nummer 10 der Reihe „Dossier“ im Grazer Droschl Verlag der von Bartsch und Koch-Didier betreute Hausmann-Band mit umfangreicher Bibliographie, und 1997 legte Koch-Didier gemeinsam mit Schwar als Ergebnis eines fünfjährigen Forschungsprojektes ein Verzeichnis der über 10.000 Blatt umfassenden Archivalien im Musée départemental Rochechouart nahe dem westfranzösischen Limoge vor, wo Hausmann nach verschlungenen Exilwegen bis zu seinem Tod 1971 lebte. Alle diese Teile sind in die umfangreiche Bibliographie des vorliegenden Bandes eingeflossen, ergänzt durch das von Ralf Burmeister erstellte Verzeichnis aus dem Berliner-Nachlass-Bestand der Berlinischen Galerie inklusive dem Nachlass von Hannah Höch. Vieles davon ist bis heute unveröffentlicht und manche der Titel klingen vielversprechend wie „Die Stadt treibt Blasen von Psychoanalyse“ (S. 120), müssen es aber nicht zwangsläufig sein. Denn was die vorangestellte Biographie von Kurt Bartsch (S 7-11) und die Werkmonographie von Adelheid Koch-Didier (S. 12-43) vor allem deutlich machen, ist das Wildwüchsige und Unsystematische von Hausmanns Denken, das Komplexe und Inkommensurable nicht nur seines Charakters, sondern auch seines Werkes, was in apartem Widerspruch steht zur schulmäßig-sorgfältigen Handschrift, wie sie die beigefügten Autorgraphenreproduktionen zeigen (z.B. s. 112).

Begriffliche Unschärfen (S. 36), „pluridisziplinäre“ Ausrichtung und „vielfältige Rezeptionsangebote“ (S. 41) machen den Reichtum, aber wohl auch die Grenze seines Werkes aus. Aus den vielfältigen philosophischen und psychologischen Welterklärungsmustern und Menschenbildern seiner Zeit bastelte Hausmann autodidaktisch ein Sammelsurium, dem originäre Konzepte genauso entsprangen wie – vermittelt wie so häufig über die Figur Otto Weiningers – Fortschreibungen aus der Patriarchenära der Gründerzeit, auch was seinen privaten Umgang mit Frauen betrifft. Die Rache der Geschichte scheint ihn dabei unbewusst eingeholt zu haben. Denn der Höhepunkt seiner Schaffens liegt in den Jahren des Berliner Dadaismus – und das sind auch die Jahre seiner Zusammenarbeit mit Hannah Höch bis 1922, deren Beteiligung an der Entwicklung seiner spezifischen Fotomontagetechnik er stets verschwieg.

Das traurigste Kapitel ist vielleicht sein schwieriges Verhältnis zur österreichischen Avantgarde der 1950er und 1960er Jahre. Sie trug zur Wiederentdeckung Hausmanns einiges bei – bereits Nummer 6/1966 der „manuskripte“ war Hausmann gewidmet. Trotzdem wurden die Jungen vom verbitterten „Meister“, wie ihn Friederike Mayröcker in Briefen anzusprechen pflegte – die autoritäre Prägung der Jugendzeit blieb dieser Generation stets erhalten – immer wieder in wilden und irrationalen Abwehr- und Neidreaktionen demontiert.

Es ist ein Verdienst dieses Bandes, mit subtilen Einführungstexten und einer sorgfältigen Bibliographie für die weitere Beschäftigung mit Figur und Werk Raoul Hausmanns alle notwendigen Handreichungen zur Verfügung zu stellen. Es bleibt zu hoffen, dass die Reihen-Herausgeber das Konzept dieser Sonderbände weiter verfolgen.

(red)
13. Februar 2012

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