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Walter Fanta: Puschnig.

Klagenfurt/Celovec: Wieser, 2011.
200 S.; Euro 21,-.
ISBN: 978-3-85129-940-3.

Link zur Leseprobe

Walter Fanta begibt sich in seinem Debütroman „Puschnig“ in ein hochgradig vermintes Gebiet – nach Kärnten. Und zwar in ein absurd-groteskes, alptraumhaft real wirkendes Kärnten, wie es sich der Nicht-Kärntner kaum vorzustellen wagt. In „Puschnig“ lesen wir von einem Bundesland voller Narren, dessen Hochkultur aus drei Vs – Villacher Fasching, Villacher Kirchtag, Volkskulturhaus – besteht, das auf den mons carantanus, den Ulrichsberg, zur rechten Vergangenheit pilgert und andächtig gen Himmel schaut, wenn der Landeshauptmann im Hubschrauber über dem Faaker See, dem Wörthersee, dem Klopeiner See kreist, „ein riesengroßer Greifvogel, [d]er […] die Fittiche über das Land gebreitet“ (180) hat.

So real wie die Schauplätze sind auch die meisten Figuren in „Puschnig“ angelegt. Walter Fanta hält in diesem Text nicht viel von Chiffren und ein Schlüsselroman ist „Puschnig“ ganz gewiss nicht. Dabei bestimmt vor allem eine hyperrealistische Figur die Szene: „[U]rplötzlich stieg er auf über Kärnten, ein braun-blau-oranger Luftballon, unaufhaltsam in die Lüfte, von droben grinste sein Genie unwiderstehlich auf das Land. Und Kärnten grinste zurück und es entstiegen den Becken und Tälern wie Septemberdämpfe 999 winzige braun-blau-orange Luftballons.“ (65) Diese 999 Nena’schen Gefolgsleute, diese apostolischen zwölf „Beaschn“, scharen sich um ihn, den Heilsbringer, den Goiserner Messias, der bei „Maria Wörth […] ans Ufer [trat] und [hinaus]schritt […] auf den Wörthersee, wir alle folgten ihm, der Siegbert, der Gernot, der Reinhard, der Karl-Heinz, alle die anderen, und ich.“ (66)

Das tagträumende, vom unheiligen Kärntner Geist beseelte „ich“, das hier dem Führer über das Wörthersee-Wasser nachtaumelt, gehört Puschnig, der titelgebenden Hauptfigur des Romans. Stefan Puschnig (eigentlich Pušnik) ist Kärntner Slowene, Studienabbrecher, Sportjournalist und, wie sich im Laufe des Textes zeigt, politischer und sexueller Opportunist. Außerdem ist er des Nachts ein Gartenzwergeserienkiller, der den kleinen Figuren Gesichter aus der Zeitung an den Kopf klebt, um diesen dann abzuhacken. Tagsüber aber wird Puschnig, nachdem er beruflich bankrott gegangen ist, der engste Gefolgsmann des „Jörg“.

Die Biographie dieses Puschnig ist mit viel Überzeichnung und Ironie dargestellt, wiewohl die einzelnen Zäsuren, die zu Ausländerhass oder der sexuellen Anbiederung an den Landeshauptmann führen, figurenpsychologisch nur bedingt nachvollziehbar sind. Die Inszenierung skurriler Begebenheiten wird hier einer tiefer gehenden Analyse vorgezogen. Fast scheint es in diesem Zusammenhang, als ob sich die Anziehungskraft Haiders noch immer einem elementaren Verstehen entziehen würde. Über Hitler wagte man lange keinen Witz zu machen, über Haider hingegen kann man seit seinem Tod nicht mehr ernsthaft sprechen – man denke an die Satiren von Stermann und Grissemann, David Schalko und eben auch Fanta. Wobei sich ja gerade auch Satiren für eine Dekonstruktion des Phänomens Haider eignen würden. Jedoch scheint bei aller vorgeblichen Respektlosigkeit eine schwer fassbare Ehrfurcht vor dem verstorbenen Politiker vorhanden zu sein, die es verhindert, den Mann als simplen Menschen mit einem nachvollziehbaren Persönlichkeitssetting darzustellen. Für eine nüchterne Beschreibung der mit Hannah Arendt gedachten Banalität des (bösen) Landeshauptmannes oder für eine Kärntner Version der Kraus’schen „Letzten Tage der Menschheit“ scheint die Zeit noch nicht reif zu sein.

Diese Problematik der unbefriedigenden Motiverklärung gilt in Walter Fantas Roman nicht nur für Puschnig, sondern auch für den arbeitslosen Junglehrer David P. Unterstützt von seinem Mentor Dr. Walther Trost versucht P. – aus nicht unbedingt nachvollziehbaren Gründen – die Umstände von Puschnigs plötzlichem Verschwinden nach dem Ulrichsbergtreffen im Jahre 1990 aufzuklären. Dabei wiederholt sich auf tragikomische Weise die Geschichte. Wie Puschnig wird auch P. – die Analogie der Figuren wird schon im Namen angedeutet – in den Bannkreis des Landeshauptmanns gezogen, wie Puschnig wird P. von IHM sexuell umworben und steigt, warum genau auch immer, darauf ein. Doch im Gegensatz zum Verhältnis mit Puschnig (aber eigentlich genau deshalb) wird dem Landeshauptmann sein Begehren zum Verhängnis, folgt auf den Abend im Stadtkrämer der Tod im Auto.

Walter Fanta hat mit seinem expliziten Roman einiges riskiert und ein klares Statement gegen ein von Führerglauben, Buberlpartien und Opportunismus geprägtes politisches Soziotop abgegeben. Die hierfür gewählte ästhetische Form ist allerdings nicht in jederlei Hinsicht gelungen. Zuweilen vermischen sich Autor- und Figurenstimme, lässt Fanta seinen sonst eher dumben Junglehrer Jandl (vgl. 106) und Musil (vgl. 62 f.) paraphrasieren. Auch erscheinen einige Szenen zu überdreht, wie beispielsweise jene Passage, in der David P. in Frauenkleidern auf dem Villacher Kirchtag ein Attentat auf den Landeshauptmann verhindert. Aber wahrscheinlich ging es dem Germanisten Fanta hier eher um eine Anspielung auf Gerhard Fritschs „Fasching“, in dem ein Mann in Frauenkleidern eine österreichische Kleinstadt vor der Zerstörung durch unbeugsame Nazis rettet, als um eine nicht nur symbolisch, sondern handlungstechnisch gelungene Situation.

„Puschnig“ hat, von Anspielungen abgesehen, mit Robert Musil oder Gerhard Fritsch wenig zu tun. Vielmehr wirkt der Text wie die stark politisierte Version eines Wolf-Haas-Krimis. Denn „Puschnig“ ist eher direkt als subtil, eher witzig als ironisch, eher brachial als poetisch, eher laut als leise. Allerdings ist keineswegs zu vermuten, dass der Autor nicht auch ganz anders gekonnt hätte. Nur scheint es, dass Fanta mit seinem frechen, ja teilweise waghalsigen Kärntenroman ein möglichst großes Publikum und nicht nur ein paar avancierte, liberal gesinnte Leser/innen erreichen wollte. Es ist „Puschnig“ also zu wünschen, dass es nicht nur von jenen gelesen wird, die sowieso mit dem Autor einer politischen Meinung sind. Vielleicht ist Kärnten dann auch irgendwann einmal nicht mehr ganz so erstickend rückwärtsgewandt, nazistisch und von allen guten Geistern „valoosn“ (164), wie es einem nach der Lektüre dieses Romans erscheinen könnte.

Gerald Lind
13. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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