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Mercedes Echerer (Hrsg.): Europa erhören - Südtirol.

Die2 records, Wien, 2010.
ISBN 978-3-902789-03-7.

Neben der Buchreihe des Klagenfurter Wieser Verlags "Europa erlesen" erschien 2010 die erste Staffel der vertonten Variante "Europa erhören" in Kooperation mit dem Verein Die2. Das Motto lautet: "Europa mit all seinen Sprachen, Klängen und Gestalten - erhörbar durch die Stimmen seiner Erzählerinnen und Erzähler" werden zu lassen. Texte aus und über Europa, Athen, Budapest, Bukarest, Dalmatien, Linz, Mähren, Wien, Südtirol und die Steiermark werden dabei von namhaften SchauspielerInnen gelesen. Durch die Beschränkung auf jeweils eine CD findet sich hier im Vergleich zu den Büchern naturgemäß nur eine Auswahl von einzelnen Texten wieder. Im speziellen Fall von Südtirol liegt noch keine Anthologie vor, weshalb das Programm von "Südtirol erhören" mit seinen dreizehn literarischen Hörproben und vier Musikstücken umso kostbarer ist.

Die Eröffnung macht das schwärmerische Gedicht "Bozen" des deutschen Romantikers und einzigen Nicht-Südtirolers Ludwig Tieck. Der schönmalerische lyrische Text hebt sich von den darauf folgenden Erzählungen umso mehr ab, als diese allesamt von AutorInnen des 20. Jahrhunderts stammen. Vorerst orientiert sich die Auswahl der Texte an der Geographie des Landes, wenn etwa der bekannte Künstler Paul Flora seinen Lebensweg "Von Glurns bis Innsbruck", von Süd- nach Nordtirol, nachzeichnet. Dann wirft einer der kritischsten Autoren, Norbert C. Kaser, einen scharfen Blick auf seine Geburtsstadt "Glurns" und auf gewohnt humoristische Weise besingt Herbert Rosendorfer seine wiedergefundene Heimat in "An Tyrol". Die Gegenüberstellung des Romantikers Tieck, der sich an der schieren Schönheit des Landes berauscht, und der kritischen zeitgenössischen AutorInnen macht die falsche Postkartenidylle deutlich. Die "schönen" aber engen Berge, das "schöne" aber karge bäuerliche Leben, der Reichtum bringende aber alles überflutende Tourismus sind die Konfliktthemen der Einheimischen und der AutorInnen. Darüber hinaus wirkt das beherrschende Thema "Option" seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute nach. Zumindest unterschwellig ist in allen Texten von Wolfgang Raffeiner, Maria E. Brunner, Franz Thaler, Josef Oberhollenzer und Joseph Zoderer davon die Rede, während die Autorinnen Brunamaria Dal Lago Veneri und Anita Pichler mit Märchen und Mythen aus dem deutschen und ladinischen Volksgut vertreten sind und auf die Archaik der Landschaft verweisen.

Somit entsteht ein anschauliches Bild von Südtirol, seinen geschichtlichen Eckpunkten und modernen Charakteristika, von seinen AutorInnen und den individuellen Schreibweisen und literarischen Besonderheiten. Der Reichtum an Literatur im Grenzland zwischen Österreich und Italien wird gerade über das Fehlen namhafter AutorInnen wie Franz Tumler, Gerhard Kofler, Oswald Egger, Sabine Gruber, Helene Flöss oder Sepp Mall spürbar. Die gelesenen Texte, die (einschließlich Musik) eine Gesamtdauer von etwa zwei Stunden in Anspruch nehmen, repräsentieren dabei ausschließlich das deutschsprachige Südtirol. Zwischen den Textausschnitten geben Musikstücke von Ossy Pardeller Zeit zum Nachdenken über das Gehörte. "Mediterrane Melodien" und "mystisch-archaische Klänge der Berge" passen zu dem Zwiespalt der Südtiroler Bevölkerung, die die ladinischen Wurzeln beschwört, aber die Verteidigung des Deutschtums gegen die italienische Zuwanderung als Hauptsache sieht. Das Ladinische wie das Italienische ist dabei kaum mehr als Beschmückung oder die Übernahme der leichteren Lebensart im Alltag. Die Blickweise dieser beiden Volksgruppen und der ihr angehörenden AutorInnen würde - vielleicht in einer zweiten Version von "Südtirol erhören" - den Südtiroler Horizont sicherlich erweitern.

Die Schauspielerin Mercedes Echerer, die insgesamt für die Herausgabe der ansprechenden Hörbuchserie verantwortlich zeichnet, liest gemeinsam mit der Südtirolerin Gerti Drassl und Robert Palfrader, der auf ladinische Wurzeln verweist. Den echten Wiener kann er aber nicht verleugnen, weshalb die bemühte Südtiroler Sprachfärbung manchmal einen gezwungenen Eindruck hinterlässt. Im Vergleich dazu gefällt mir besonders eine Hörprobe von "Steiermark erhören" mit dem Vorleser Wolfram Berger, der sich als Glücksgriff erweist. So klar geschliffen seine geschulte Schauspieler-Sprache zum Einsatz kommt, so vergnügt lässt er den "Steirer" da und dort durchblitzen. Allein sein Vortrag der "Kernpölballade", mit einer vom landestypischen Kernöl köstlich geschmierten Stimme, rechtfertigt die Anschaffung der CD. Zudem belegt die Auswahl von zwanzig Texten zur Steiermark die künstlerische Fruchtbarkeit der Region unter Einbezug von Gastronomie (Sterz und Schilcher) und Musik ("Folksmilch").

Neben dem intellektuell zusammenführenden Europa-Gedanken eignet sich "Europa erhören" ganz wunderbar als Ergänzung zu den üblichen Reiseführern, wenn man durch die Lande streift. Über "Europa erhören" lässt sich ein Gefühl dafür entwickeln, wie sich geschichtliche Ereignisse auf Menschen und Orte auswirkten und von Literaten künstlerisch verarbeitet wurden. Die literarische Orientierung lädt durchaus auch zum gründlicheren Nachlesen in den ausgewählten Büchern ein.

Beatrice Simonsen
13. Februar 2011


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