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Manfred Chobot: Der Tag beginnt in der Nacht.

Eine Erzählung in Träumen.
Wien: Sonderzahl, 2011.
120 Seiten; brosch.; Euro 15,-.
ISBN 978 3 85449 346 4.

Link zur Leseprobe

„Die Wirklichkeit wird jetzt ausprobiert.“

„Klick klick Krieg. Projizierte Bilder werden an die Wand geworfen. Klick klick Krieg. Schüsse in der Stadt. zwischen Mauerschluchten Krieg. Partisanenkrieg. Guerillakrieg. Klick klick klick. Schütze sucht Deckung schießt rennt. Klick klick Krieg. Auf der Leinwand mischen sich Bilder aus Wildwestfilmen und dem Bürgerkrieg. Klick klick klick. Atempause. Klick klick klick. Ende der Kassette. KLICK!! Zappenduster.“

„Ende der Vorstellung, sagt Hannah, „dreh das Licht auf.“
„Genug der Wirklichkeit, jetzt werden Träume inszeniert.“

„Die allgemeine Funktion der Träume besteht in dem Versuch, uns das psychische Gleichgewicht wiederzugeben, indem sie Traummaterial produzieren, das auf subtile Weise die gesamte psychische Balance wiederherstellt,“ schreibt C. G. Jung. Manfred Chobot hat für sein neues Buch allerlei Traummaterial gesammelt und zu einer karnevalesken Erzählung montiert, die sich der Herausforderung stellt, den hell ausgeleuchteten Schrecken der Wirklichkeit zu trotzen.

Die Realität, die Chobots Erzählung entwirft, verfügt über alle Freiheiten, Merkmale und Darstellungsweisen des Traums: Mehrdeutigkeit, Multiplizität des Ichs, Polyphonie, Künstlichkeit, Diskontinuität, Serialität, Verschachtelung und Simultaneität des Raumes und der Zeit. Doch das Aufbauen einer zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Tag und Nacht changierenden Ebene ist stilitstisch halsbrecherisch. Reime, Alliterationen, Metonymien, Assoziationen und Kalauer reihen sich atemlos aneinander, zielen immer haarscharf daneben und richten so als Stolpersteine im Lesefluss das Augenmerk auf das Sprachmaterial. „Die Sprache ist nichts weiter als Vereinbarung. Abmachung zwischen zweien.“ (Ergehe mich in Details). „Eine Geheimnisverständigung“, beharrt Hans Carl. „So kommen wir nicht weiter“, protestiere ich.

„Chor der Lohnschlächter: ... Es wird immer surrealer.“ Die Welt, in der der Ich-Erzähler sich bewegt, ist ein Spiegelbild seines inneren Zustandes: Ihr fehlt die Mitte und die Zusammengehörigkeit ihrer einzelnen Teile. Die Räume sind auf vielfältige Weise miteinander verknüpft, manche erscheinen mehrfach und in verschiedenen Zusammenhängen, sie sind nicht mehr reale Orte, sondern Bühnen, die verschiedene Funktionen übernehmen. „Vorhang auf: Eintritt und Begrüßung. Als Vordergrund, Mittelpunkt und Hintergrund dient ein Kaffeehaus. (Die Anwesenden dilettieren als Statisten.)“ Diese Bühnen gehorchen keiner alltäglichen Ordnung, sondern ausschließlich den Wünschen und Obsessionen des Träumers. Er ist Rockstar, Detektiv, Liebhaber, Vater, Drag Queen und Kunsträuber, schließt Freundschaft mit Onassis und Stifter, dem Blumenzüchter und Beerenfarmer, mit Schnurrbärtchen und der PIAF. Wie er die Welt sieht, so zeigt sie uns die Erzählung. Oder, um es mit den Worten Heraklits zu sagen, „die Wachen haben alle eine einzige gemeinsame Welt, im Schlaf wendet sich jeder der eigenen zu.“

Der Träumende befindet sich im Zentrum des Traumes, er lenkt ihn, spult ihn zurück, lässt ihn immer wieder neu ablaufen, denn „die Zeit hat es nicht eilig“. Vorbei laufen Bilder:
„Liebhaber-Darsteller (eine Zeitung in der Hand): Ich treffe wen, ich treffe wen, ich treffe wen, ich ... (gestikulierend) bin verabredet.“
„Vor einer Gummibaumwand spielt einer halblaut Piano.“
„Kulisse: Waldrand. Der typische Fall eines Helden.“
„Szenenwechsel. Wirtshaus. Mittag.
An einem ungehobelten Tische sitzt die zweite Frau in der Pose einer Arbeitgeberin.“
„Der Hauptdarsteller, gleichzeitig Solist und Einmann-Ensemble, wechselt unverblümt und ungestüm Kostüm und Kulissen: ,Kein Bekannter, wohin das Auge blickt!‘ (Wie das Drehbuch verlangt, liest er Zeitung - rezitiert:) Blätter, die die Welt bedeuten.‘“

„Das Leben und die Träume sind Blätter eines und des nämlichen Buches,“ sagte schon Arthur Schopenhauer. Doch wer schreibt dieses Buch? „... Buchstaben, die sich zu Wörtern fügen, GROSSE WÖRTER, formatfüllend meine Schrift, bald habe ich kein überschüssiges Papier zur Verfügung. (Mir bleibt nichts übrig, als mich zu fügen.)“ Das Selbstverständnis Chobots, als Autor nicht mehr Souverän des Textes, sondern nur mehr fügsames Medium zu sein, stellt die Autonomie des Schreibenden und in der Folge jeden auktorialen Textbegriff in Frage. Dadurch entsteht ein „witzig-absurder und poetischer Text, in dem Traum- und Schreibverfahren fast zur Deckung gebracht werden“ (Klappentext). Der Text produziert sich gewissermaßen selbst, in einem Spiel, das die poetische Funktion der Sprache vor die referentielle rückt, das Sprache und Sprechen selbst reflektiert.

„Ein Büfettier serviert Erfrischungen auf Papptellern. (Als mich mein Stift eigenwillig verlässt.) Ich mühe mich, auf benützten Esstellern mit Einwegbesteck Aufzeichnungen zustande zu bringen, jedoch zerrinnen die Buchstaben in den Soßenrückständen, sodass kaum etwas zu erkennen ist.“ Über diese - buchstäbliche - Auflösung der Buchstaben als Bedeutungsträger findet Chobot im Anschluss an die literarische Moderne und avantgardistische Kunstpraxis zu neuen, nicht-mimetischen und a-logischen Ausdrucksformen, die jenseits einer geschlossenen Form und linearen Handlung einen Weg in die Erzählbarkeit hinein aufzeigen.

„Rouge oder noir“, fragt der Croupier.
„Rouge et noir“, antwortet der Träumer.


Rezension von Martina Wunderer
14. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.





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