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Kurt Palm: Die Besucher.

Roman.
St. Pölten: Residenz Verlag 2012.
276 S.; Hardcover, Eur 21,90.
ISBN 978-3-7017-1587-9.

Link zur Leseprobe

Es rauscht im Ohr. Und rauscht und rauscht und rauscht. Und hört nicht wieder auf.
Kurt Palms Roman „Die Besucher“ beginnt mit einem Protagonisten im Krankenhaus – Diagnose: Hörsturz und Burnout. Das unentrinnbare laute Geräusch im Ohr bringt ihn an den Rand des Wahnsinns – und zuweilen auch darüber hinaus. Wie einst Van Gogh, Jean-Jacques Rousseau oder Martin Luther. Gegen dieses Rauschen aus der Hölle sind irdische Ärzte offenbar machtlos und verschreiben nur üppige Medikamentencocktails gegen sekundäre Symptome wie Depression und Panikattacken, während die Krankenschwestern es mit alternativen Methoden wie Schmerzöl oder Gesundbeten probieren – so lange, bis das Zimmer ohnehin für einen Ersteklassepatienten geräumt werden muss.

Martin Koller, Journalist, 42, verheiratet, kinderlos, schlaflos. Keine stille Nacht mehr auf Erden. Die Welt ist eine Zumutung. Sie zwingt ihn, die Vorbereitungen für den Christkindlmarkt schon im November mit anzusehen (Scheißstadt Wien), jede Menge E-Mails und SMS zu lesen (der Spam-Anteil ist noch der erfreulichste davon) und sich mit dem Kinderwunsch seiner Frau auseinanderzusetzen, vor dem er sich zunächst in eine Affäre und dann in die (vorübergehende) Impotenz flüchtet, statt ihr einzugestehen, dass ihm Kinder auf die Nerven gehen und er deshalb eigentlich keine will. Krankheit als „Scheinlösung“, liest er nach in einem Buch über Hörstürze, eine Chance zur Aufarbeitung unerledigter Angelegenheiten. In dieser Kategorie fällt ihm aber – abgesehen von „Versöhnung mit dem Bruder“ oder „Mama besuchen und mit ihr reden“ – nur Banales ein, wie „Neues Auto kaufen“, „Fensterdichtungen auswechseln“ (S.18) oder „Heizkörper entlüften“ (S. 81). Martin Koller, arroganter Griesgram, Egoist und Feigling in der Midlife-Crisis, muss eine traurige Lebensbilanz ziehen: Es passt eigentlich gar nichts, gesundheitlich nicht, in der Beziehung nicht, und der Job wackelt auch.

Aufraffen kann er sich dann aber doch, als er sich um seine todkranke Mutter in Oberösterreich kümmern muss, damit seine Schwester – die das dringend nötig hat – auf Kur fahren kann. Wenn es jemandem noch schlechter geht als ihm, dann rührt ihn das irgendwie. Wenn er sieht, dass er nicht der einzige ist, der leidet. Konnte sich Koller zu Hause bei seiner Frau nörgelnd gehen und fallen lassen, reißt er sich nun weitgehend zusammen und tut so, als wäre alles einigermaßen in Ordnung. Und hat dabei nicht immer nur seine kranke Mutter im Sinn, sondern durchaus auch den One-Night-Stand mit der Nachbarin und die Potenzmittel, die er dafür zu brauchen glaubt. Aber die üblen Vorzeichen häufen sich: ein Vogel fällt tot vom Himmel auf seine Windschutzscheibe, er träumt wirres Zeug, und eines Nachts ist das Elternhaus voller seltsamer Besucher, schräger Totenvögel in Menschengestalt, die seiner Mutter – oder gar ihm selbst? – das letzte Geleit zu geben scheinen.

Die Besucher sind schattenhafte Wesen, wandeln stumm durchs Haus wie die Verkörperung dunkler Geheimnisse, die Fleischwerdung all dessen, was nicht ausgesprochen wird und nicht angesprochen werden darf. Und da gibt es einiges: der Tod eines Kindes und Bruders in den 60er Jahren, noch vor Kollers Geburt, der wahre Zustand der Mutter, die im Sterben liegt (keine Sorge, das wird schon wieder) sowie kleinere Betrügereien, Verratsmomente sexueller und finanzieller Natur und viele, viele scheinbar unbedeutende Lügen und Schwindeleien. Sogar der Hörsturz wird hier auf einmal geheimgehalten. (Ist was mit deinem Ohr? Nein, nichts, alles in Ordnung). Wir begegnen dem urösterreichischen Motiv der Köpferl-im-Sand-Taktik angesichts unbewältigter Vergangenheit und anderer Probleme: Und hinter der Fassade krebsen bei Nacht und Nebel die Besucher herum, Boten des Verdrängten, Vergrabenen und Un(ter)bewussten breiten sich aus wie die wirrsten Alpträume.

Die Besucher verkörpern nicht zuletzt das Fremde, Unheimliche, im Sinne der Tradition phantastischer Literatur, die uns Lesende rätseln lässt, ob sich die Fiktion auf die Seite des Übernatürlichen geschlagen hat oder nur die natürliche Erklärung der Phänomene zurückhält – um dadurch (vorübergehend) mystische Effekte zu erzielen. Sie verkörpern das Fremde aber auch als das Angst einflößende Unverständliche, eine Quelle, aus der nicht zuletzt Fremdenhass entspringen kann. Nicht zufällig recherchiert Koller als Journalist auch in der rechtsradikalen Szene.
Die Besucher unterscheiden sich übrigens durch zwei anatomische Besonderheiten von den (anderen) Menschen: Sie verfügen über keine Fortpflanzungsorgane und keine Mandelkerne im Gehirn (und können deshalb keine Angst empfinden). Soll es das sein, was uns zu „normalen“ Menschen macht? Unser Sexualtrieb und unsere Ängste? Der Roman kreist also um Allzumenschliches: um die Angst (und ein bisschen auch um Sexualität, vor allem dort, wo sie mit der Angst ein Bündnis eingeht).

Kurt Palm inszeniert ganz offensichtlich gerne, das zeigt sich immer wieder: Zum Beispiel auf seiner aufwändig gestalteten Homepage, auf der er sich selbst als Autor, Regisseur und Fotograf toter und lebendiger Tiere in Szene setzt, in seinem grotesken Krimi „Bad Fucking“ und eben auch im jüngsten Roman „Die Besucher“. Diesmal ist es eine Inszenierung der Ängste geworden. Bühne frei für Ängste aller Art: Angst vor Verrat, Angst vor dem Übervorteilt-Werden, Angst vor dem Versagen (nicht nur) im Bett, Angst vor dem Fremden (Besuchern, Frauen, Babies) und Angst vor der Schlaflosigkeit und dem Ausgeliefertsein, Angst vor Schuldgefühlen und vor der Welt im eigenen Kopf. Sind diese Ängste zu Beginn zwar laute, aber doch verhandel- und unterscheidbare Figuren im Stück, scheinen sie gegen Ende alle und alles zu durchdringen – bis endlich die lang ersehnte Stille eintritt. Der Roman vollzieht eine allmähliche Wendung: Der Stil ist anfangs von einer griesgrämigen Schnoddrigkeit bestimmt, die alles und jeden durch den Kakao zieht und dabei auch auf Zitate aus Speisezetteln und Internetforen zurückgreift, gegen Ende wird das Buch aber mehr und mehr von einem beinahe mystischen Ernst bestimmt, der zwar auch nicht ganz ernst gemeint sein muss, aber doch Einbildung und Wirklichkeit zusehends im Vöcklabrucker Dauerregen zerfließen lässt.

Sabine Dengscherz
14. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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