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Gerhard Jaschke: Abwesend anwesend – Anwesend abwesend.

Noch mehr Weltbude.
Wien: Sonderzahl, 2012.
182 Seiten; broschiert; 12 Scherenschnitte; Euro 18,-.

ISBN 978-3-85449-362-4.

Link zur Leseprobe

Im Jahr 2009 hat Gerhard Jaschke seine erste „Weltbude“ herausgegeben. Günter Vallaster hat damals in seiner Literaturhaus-Rezension gemeint, dieser originelle und facettenreiche Autor habe „unveröffentlichte und verstreut in verschiedenen Anthologien und Sammelbänden veröffentlichte Texte und Essays, poetische Miszellen, Gedanken und Notizen aus den vergangenen drei Jahren … versammelt“. Sinngemäß kann man dies desgleichen für das neue „Jaschkelegium“ behaupten. Die frische Publikation „Abwesend anwesend – Anwesend abwesend“ ist, wie Gerhard Jaschke im Untertitel bestimmt, „Noch mehr Weltbude“. Und bei so viel „Weltbude“ muss erklärt werden, wie dieser Titel entstanden ist, wobei ich noch einmal den bereits erwähnten Rezensenten zitieren darf: „Einer, der sich auf dieser Insel [Anm.: gemeint ist Gerhard Jaschkes Wiener Wohnung] gerne einfand, war Josef Enengl, der einmal bei einem Besuch fasziniert feststellte: ‚Das ist ja eine Weltbude!’", womit einerseits die Begriffsbestimmung für die Behausung des Autors und anderseits ein Titel beziehungsweise ein Untertitel für zwei Bücher geboren waren.

Wie bereits in der „Weltbude“ sind auch im neuen Band Anfälle, Skizzen, spontane Wortnotizen und zahlreiche Kurzprosatexte versammelt – „Noch mehr Weltbude“ kann man sagen! „Abwesend anwesend – Anwesend abwesend“ ist wieder voller Sprachwitz, unterscheidet sich aber vom „Vorgänger“ im Ton, das neue Buch ist von einem verstärkt melancholischen getragen. Man empfindet beim Lesen eine Melancholie, die wohl auch auf Gerhard Jaschkes Erfahrungen zurück zu führen ist, die er im Winter 2009 machen musste, als er sozusagen mit ernsten gesundheitlichen Problemen konfrontiert wurde, die er – trotz großer Disziplin – offensichtlich bis heute nicht ganz überwinden konnte. Dennoch hat Jaschke sein Mut, der stellenweise im Buch aufblitzt, nicht verlassen.

In dem Titel gebenden Text reflektiert er seine heutige Situation und nimmt gleichsam zu seinem durch die Umstände veränderten Leben Stellung, wobei er die Dinge ohne Selbstmitleid beim Namen nennt: "… fragst du dich, ob du noch immer ›abwesend anwesend‹ bist, oder doch schon mehr ›anwesend abwesend‹. gänzlich anwesend bist du nach deinem schlaganfall zwar noch nicht, aber von einer gänzlichen abwesenheit ist auch nicht mehr zu sprechen, also doch mehr anwesend abwesend als umgekehrt. … heute schiebst du dich langsamst voran, schrittchen und stöckchen um schrittchen, schleifst mehr über den boden als du gehst. von laufen kann überhaupt nicht mehr die rede sein. muß auch nicht. mit ein bißchen mehr schwung, ausdauer möchtest du bloß zurückfinden in eine ahnung des ehmals locker geschafften. das wäre schon viel." (15.) „eine art zwischenbilanz“ zu seiner Behinderung zieht er im Buch immer wieder (24f, 67 sowie weitere) und entlastet sich offensichtlich auf diese Weise.

Natürlich betreibt Gerhard Jaschke nicht nur Nabelschau, sondern nimmt auch seine Kolleginnen und Kollegen wahr, das heißt, den Wiener Literaturbetrieb mit seinen Haupt- und Nebenfiguren sowie Nebengeräuschen. Er berichtet, kommentiert, lobt und polemisiert, Letzteres, wenn er einen "zotenschwengel aus der leopoldstadt" auf sein wahres Maß reduziert und ihm gleichsam vorhält, dass es noch keine hohe Kunst sei, wenn man aus jeder skurrilen Zeitungsnotiz „ein kleines theaterstück, ein wunzerl“ mache, wobei ich mit ihm übereinstimme, nicht aber, wenn er den Autor einen „kleinen fried von heute“ nennt. (S. 173.) Der Fried "von gestern" war, meine ich, ein Großer.

Ansonsten ist Gerhard Jaschke viel freundlicher und fördernder, wie man es von ihm als langjährigem Herausgeber und Chefredakteur des "Freibord" gewohnt ist. Er lobt die Toten, zum Beispiel Reinhard Priessnitz (28f), Eugenie Kain (53f) sowie Norbert Silberbauer (91ff), und die Lebendigen, so Walter Pilar (123ff) oder Heinz Cibulka, "den fotografen" (155f), beschäftigt sich mit Prinzessin Diana, Luciano Pavarotti und manch anderem Kaliber dieser Welt, kommentiert den bekannt kritischen Historiker Gerhard Botz (40) und macht Friederike Mayröcker einfallsreich zur "messie-mutter" im "manuskriptemeer" (65). Aufmerksam machen muss ich auf die eingestreuten Gedichte und ihren eigenen Ton. Wegen der vielen Brüche und Sprünge, Geradlinigkeiten und Kurven ist es eine Lektüre, die die Spannung durchgehend hält. Die neue „Weltbude“ ist womöglich da und dort – mit Absicht - windschief, aber nie langweilig.

Janko Ferk
15. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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