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Thomas Bernhard: Alte Meister - gezeichnet von Nicolas Mahler.

Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011.
Softcover, 158 S., Eur. 19,50.
ISBN 978-3-518-46293-5.

Link zur Leseprobe

Das virtuos sparsame Bildchen einerseits, die ausholende Schwarzmalerei andererseits – zwischen Nicolas Mahler und Thomas Bernhard liegen auf den ersten Blick wohl Welten. Und doch gibt es auch ein paar Gemeinsamkeiten: Immerhin war Nicolas Mahler schon öfter in Bernhard'schen Gefilden unterwegs; mit seinem Serienheld „Flaschko, der Mann in der Heizdecke“ klingt er an so manchen isolations- und rosshaardeckenverliebten Charakter Bernhards an. In „Kunsttheorie versus Frau Goldgruber“ oder „Längen und Kürzen“ betreibt Mahler munter Kulturbetriebsschelte, bekanntermaßen auch eine der Lieblingsdisziplinen Bernhards. Dazu sind beide witzig: Mahler ohnehin, und Bernhards „Alte Meister“, nicht umsonst mit dem Untertitel „Komödie“ versehen, sollte zweifellos so gelesen werden (wie man das übrigens auch beim Rest von Bernhard tun kann).

Nicolas Mahler hat nun eine Comicadaption der „Alten Meister“ vorgelegt, als erstes Buch einer neuen Suhrkamp-Reihe. Und das Zusammenspiel, soviel vorweg, funktioniert grandios: Die Tiraden des Musikphilosophen Reger, geäußert im Kunsthistorischen Museum angesichts der großen alten Meister, decken nicht nur alles ab vom Berninialtar in Rom („eine architektonische Stumpfsinnigkeit“) bis zu Heidegger (dem „nationalsozialistischen Pumphosenspießer“), sondern eben auch die Bilder an der Wand – und die sind dadurch natürlich (naturgemäß!) ein gefundenes Fressen für den respektlosen Zeichner. Während im Comic also Museumswärter Irrsiegler oder Mahlers Alter Ego (ein Strich mit Nase und Brille, ungefähr) durch die Hallen streifen, stellt Mahler den großen Meistern seine eigenen Versionen gegenüber. „Ein großes bedeutendes Bild halten wir nur dann aus, wenn wir es zur Karikatur gemacht haben“, heißt es – Tintorettos „Susanna und die Alten“ kann da schon einmal aussehen wie ein scheel beäugter Erdapfel. Bernhard'scher Bildersturm und Mahler'sche Bildchenverweigerung, Zorn und Lakonie verbünden sich hier aufs Feinste.

Stellt sich nur die berechtigte Frage: Wenn Mahler bei all den Gemeinsamkeiten eine Comicadaption Bernhards vorlegt, was kann er damit mehr tun, als das Buch in einem anderen Medium zu wiederholen? Das ist ein Vorwurf, der im Feuilleton schon erhoben wurde – scheinbar nicht ganz zu unrecht. Denn Mahler liefert auf den ersten Blick keine „neue Lesart“ der Alten Meister. Das müsste er ja auch nicht: Auf seine Kosten käme der Leser ja allein schon dadurch, dass Mahler sein eigenes Metier perfekt beherrscht. Zudem tun sich aber in den höchst reduzierten Zeichnungen unaufdringlich weitere Bedeutungsschichten auf, wenn Mahler beispielsweise mit den Kordeln und Fliesenböden des Museums Einsamkeit und Wahnsinn gewitzt (und stellenweise fast unironisch) in Szene setzt, wenn er mehrmals unauffällig den im Kunsthistorischen „tödlicherweise“ fehlenden Goya einfließen lässt oder wenn er mit klug platzierten Textblöcken gerade das vermeintlich Wesentliche entzieht.

Was Mahler tut, wenn er Bernhards zornige Posen in Bilder verwandelt, ist keine bloße Wiedergabe, sondern eine so geschickte wie dezente Neuperspektivierung. Waren die Tiraden der Bernhard'schen Charaktere selbst meist schon ironisiert, so vergrößert Mahler die Distanz zu ihnen noch einmal. Er illustriert nicht bloß; jede seiner Zeichnungen, das ist die große Kunst dabei, ist mit ihrem Restchen Welt selbst schon ironischer Kommentar, zum Dargestellten sowie überhaupt zur Idee, Dinge in Bildchen fassen zu wollen. Mahler hat überhaupt keine Lust, die Welt abzubilden – das ist die eigentliche Gemeinsamkeit mit Bernhard. Er begnügt sich mit ein paar Stellvertretern, krümeligen, rudimentären Männchen; jedes von ihnen ein so vernichtendes wie nichtiges Urteil tragend, über das sich Mahler scheinbar selbst nur schwer das Lachen verkneifen kann.
Insistenz und Maßlosigkeit, das ist vielleicht der Nenner, auf den sich dieses Zusammenspiel bringen lässt: Insistenz in der Wahl der Opfer, in den Satz- und Bildwiederholungen mit ihren leichten Variationen; Maßlosigkeit in den Urteilen, in den Vereinfachungen und Auslassungen, bis vom großen Spott nur noch die großen, schönen Gesten übrigbleiben.
Wir sind gespannt auf die nächsten Romanadaptionen aus dem Hause Suhrkamp; mögen sie alle so gut gelingen.

Bernhard Oberreither
15. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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