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Margareta Mirwald: Die Wunden der Drina.

Erzählen gegen das Vergessen.
Mödling / Maria Enzersdorf: Edition Roesner, 2011.
158 Seiten; brosch.; Euro 16,95.
ISBN 978-3-902300-60-7.

Link zur Leseprobe

Den Schwachen eine Stimme geben

Margareta Mirwalds Erzählung „gegen das Vergessen“ kommt mit gleich zwei Vorworten daher, welche die behutsame Fiktionalisierung der Schrecken des Jugoslawienkrieges in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die Mirwald versucht, in den historischen Kontext einbetten. Die Journalisten Friedrich Orter und Karla Krause bestätigen mit ihrer publizistischen Autorität quasi die Echtheit des verschwiegenen, dunklen Kapitels der jüngeren Vergangenheit, das Mirwald in Die Wunden der Drina aufschlägt, es handelt sich hier also um die Aufarbeitung echter Verbrechen mithilfe der Literatur.
Mirwald gibt in ihrem Text den tausendenden vergewaltigten, misshandelten und ermordeten Frauen des Bosnienkrieges, die unschuldig in die Mühlen der Militärs beider Seiten geraten sind, eine Stimme. Dies gelingt der Autorin auf eindrückliche Weise, die Approbation von oben durch journalistische Autoritäten hätte sie allerdings nicht gebraucht. Zu anschaulich und glaubwürdig sind die Fakten und die Beschreibung einzelner Schicksale, die Vorgehensweise der Militärs, die Mirwald zum Teil minutiös beschreibt. Hinzu kommt, dass Mirwald dieser Einbettung in historische Fakten selbst misstraut; sie stellt ihrem Text den Hinweis voran, dass es sich bei der „vorliegenden Erzählung um eine persönlich empfundene Bestandsaufnahme über die Situation der Frauen während und nach dem Balkankrieg (1991–1995) handelt und dass das Buch trotz Bemühung um größtmögliche Objektivität keine historische Abhandlung ist, sondern Eindrücke während einer Bosnienreise im Jahre 2009 widerspiegelt“.

Diese leicht gewundene Relativierung vonseiten des Verlags und der Autorin und zusätzlich die Vorworte verwirren den Leser, noch ehe die Lektüre beginnen kann. Die Frage bleibt, auf wen hier Rücksicht genommen wurde und warum? Dabei, ich wiederhole mich, bräuchte die Erzählung diesen ganzen Kontext eigentlich gar nicht.
Im Text selbst geht es um eine Erzählerin und ihre aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Haushälterin Kata, die nach Österreich emigrieren konnte. Die Erzählerin ist Lehrerin und immer wieder irritiert über die eine oder andere Wortmeldung ihrer migrantischen Schülerinnen, die ihren muslimischen, serbischen, türkischen oder bosnischen historischen Hintergrund kindlich naiv in ihre Weltsicht einbringen. Die Erzählerin, ganz politisch korrekt und wahrhaft an den Schicksalen von Opfern jedweder Art interessiert, lässt sich auf die jeweiligen Sichtweisen ein und überredet schließlich ihre Haushälterin, auf den Spuren des Krieges eine Reise nach Bosnien zu unternehmen. Die Wunden der Drina ist folglich eine Spurensuche, die Erzählung eine Reise in die Vergangenheit eines Krieges, der, 15 Jahre nach seinem Ende, im Westen vielleicht tatsächlich niemanden mehr interessiert. Kernpunkt und Fluchtpunkt dieser Spurensuche sind die Frauen als Opfer, wie sie jeder Krieg kennt. Mirwald erzählt von sex rooms und sex hotels, in die tausende Frauen und Mädchen verschleppt wurden. Die Erzählerin und ihre Haushälterin zieht es dabei immer wieder nach Visegrad, Katas Heimatstadt, die ehemals zu gleichen Teilen muslimische wie serbische Stadt, verbunden eben durch jene Brücke über die Drina. Visegrad, das „Srebrenica der Frauen“, wie Karla Krause in ihrem Vorwort schreibt. Mirwald erzählt auch davon, dass diese Massenvergewaltigungen einfach ein Krieg mit anderen Mitteln gewesen seien, um eine neue, starke, reine serbische Rasse zu zeugen. Soldaten als Vollstrecker einer abstrusen Rassenideologie. Neben die erschreckenden Beschreibungen von der grausamen Alltäglichkeit des Krieges stellt Mirwald einfühlsame Passagen, in denen die Erzählerin den Schicksalen der Frauen nachfühlt, indem sie die Landschaft betrachtet, den Fluss, die Ufer (wo viele Frauen verscharrt wurden), sie horcht einfühlsam in die Vergangenheit und vermeint die Schreckensschreie und Anklagen der Ermordeten zu hören. Auf der anderen Seite versucht die Erzählerin, den ganzen Schrecken des Krieges auf einer anderen, intellektuellen Ebene zu verstehen, mit Fragen und beharrlichem Wunsch nach Erkenntnis, nach Wissen, erdenkt sie sich eine Vergangenheit, wie sie vielleicht gewesen ist. Diese zweite Ebene erhellt sich vor allem auch in den vielen Gesprächen mit Kata, deren zu Beginn klare Meinung zu den historischen Gewissheiten zuletzt doch ins Wanken gerät.

Die Sieger schreiben Geschichte, aber selbst die härtesten Vorurteile können überwunden werden. Das ist vielleicht die hoffnungsvolle Erkenntnis, die Mirwald ihren zwei Protagonistinnen am Ende mit auf den Weg gibt. Ein Weg, der auch die Beschreibung einer Frauenfreundschaft ist, die vor allem auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag.

Bernd Schuchter
16. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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