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Egyd Gstättner: Absturz aus dem Himmel.

Roman.
214 S.; geb.; Euro 19,90.
Wien: Picus Verlag, 2011.
ISBN 978-3-85452-676-6.

Link zur Leseprobe

Egyd Gstättner lässt uns in seinem Roman „Absturz aus dem Himmel“ an einem Zwiegespräch zwischen dem älteren und dem jüngeren „Ich“ des Protagonisten Jan Philipp Möller teilhaben. Es handelt sich dabei jedoch nicht um die literarische Aufarbeitung einer Persönlichkeitsspaltung, sondern um ein tollkühnes Gedankenspiel des Kärntner Autors.
Mit 48 Jahren bekommt der Schriftsteller Möller überraschend ein mit knapp 20 Jahren verfasstes und abgeschicktes Manuskript von der österreichischen Post retourniert, mit „unzustellbar“ betitelt. Beim Durchblättern des Jugendwerks versetzt er sich um ein Vierteljahrhundert zurück in die Vergangenheit und begegnet seinem früheren Ich. Er nützt diesen Anlass um Bilanz zu ziehen und philosophiert dabei über das Schriftstellerdasein als Drahtseilakt. Frau Großholtz reißt Möller zwischenzeitlich per Email aus seiner Reflexion. Es sei ihr erlaubt, denn sie schreibt gegenwärtig ihre Dissertation über Möller, worauf er freilich stolz ist.
Mit dem Wissen von heute hätte Möller damals vieles anders gemacht. Eine Erkenntnis, die so manchem Leser vertraut vorkommen wird. Im Widerstreit mit seinem jungen Ich gibt er zu, dass er zwar derselbe Mensch geworden wäre, aber andere Entscheidungen getroffen hätte. Als Student ist Möller Bohemien und Querdenker, mit einer Leidenschaft zum Dichten und Philosophieren.
Die nicht gerade bescheidene Devise lautet systemimmanente Verweigerung und verlangt zumindest nach einem Triumph über die „liebe Republik“. Gelungen erzählt Egyd Gstättner eine amüsante Farce über Möllers Verweigerung seiner Einberufung zum Bundesheer bzw. zum Zivildienst. Auch die „Geschichte eines mündigen Staatsbürgers“ zeugt von gesellschaftspolitischer Aktualität und ist herrlich grotesk. Egyd Gstättner steht zu seinem sarkastischen Fingerzeig auf die „Fehler“ von Staat, Politik und Medien. Man nimmt ihm seine Schadenfreude keineswegs übel und möchte gar mit einem ironischen Augenzwinkern beipflichten.

Nun gelingt dem jungen Möller der Durchbruch als Schriftsteller. Ruhm ist aber vergänglich und das Leben erst Recht. Der Tod zieht sich leitmotivisch durch den Roman. Für Möller stand immer schon die Zeitungsschlagzeile zu seinem Nachruf fest: „Erstmals Meister vom Himmel gefallen“. Der Romantitel spielt darauf an, dass das wahre Genie nicht menschlicher, sondern überirdischer Natur sein müsse. Sollte es doch ein Mensch zum Genius schaffen, dann aber durch einen tosenden „Absturz aus dem Himmel“.
Aber alle großen Dichter haben Mütter und Väter. Möllers Vater bemisst den Status eines Schriftstellers in der Weltliteratur danach, ob er im Kreuzworträtsel erfragt wird. Ausgerechnet zu seiner Theater-Premiere erwacht Möllers Todesangst um seinen Vater. Sie wird ihn nicht mehr loslassen. Das Sterben des Vaters trifft nicht nur Möller mitten ins Herz, sondern auch uns. Egyd Gstättner zeigt nun eine berührende Ernsthaftigkeit. Der Wille des Vaters wird gebrochen, als dem passionierten Raucher die allerletzte Zigarette verwehrt wird.
Von der Leidensgeschichte seines Vaters traumatisiert, erlebt Möller ein Déjà-vu bei seinem Herzinfarkt kurz vor dem 40. Geburtstag: das Rauchen ist ihm künftig verboten. Egyd Gstättner scheut nicht den Vergleich seiner Leidensgeschichte mit jener von Jesus. Er provoziert damit vielleicht den einen oder anderen Leser, verschreckt aber niemanden ernsthaft, weil er keine Abwertung der Religion vornimmt. Der Verlust seines Lebenselixiers „Zigarette“ geht einher mit dem Verlust seiner schriftstellerischen Kreativität und Identität. So schreibt er ein Nichtrauchertagebuch und nimmt ein Pseudonym an. Die Rückschläge durch das Rauchverbot erscheinen ihm wie eine wenig amüsante Farce, denn ein Leben ohne Rauchen ist schlichtweg grotesk.

Der Romanheld von „Absturz aus dem Himmel“ ist Protagonist und Ich-Erzähler zugleich. Er schwenkt in die Vergangenheit, wobei die Erzählzeit das Präsens bleibt. Der ideelle Dialog findet schließlich im Hier und Jetzt statt. Gekonnt erzeugt der Autor das Gefühl, man erfahre die Gedankengänge Möllers unmittelbar. Der einfache und flüssige Erzählstil hat Leichtigkeit und steht in wohltuendem Kontrast zur Schwere der existenziellen Fragen zu Leben und Tod. Gleichsam als Unterstützung für die Suche nach Antworten gibt es intertextuelle Verweise zu Philosophen wie Kant und Schopenhauer. Für sprachliche Aufmerksamkeit sorgen populäre Formulierungen wie „Sterbepornos“, „rückdichtende Dichterfrauen“ oder „Countdown am Kruzifix“.

„Absturz aus dem Himmel“ ist ein autobiografischer Text. Egyd Gstättner erzählt als Schriftsteller von einem Schriftsteller namens Möller und meint damit eigentlich sich selbst. Er gibt viel von sich preis. Man denke dabei insbesondere an den Herzinfarkt, den er tatsächlich 2002 in Salamanca erlitten hat. Der Text besitzt eine Exklusivität, die es zu schätzen gilt. Gerne möchten wir auch weiterhin von den Gedanken und Lebenserfahrungen des Schriftstellers Egyd Gstättner lesen.

Monika Maria Slunsky
16. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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