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Irene Prugger: Letzte Ausfahrt vor der Grenze.

Erzählungen.
184 S.; geb. mit Schutzumschlag; Euro 19,90.
Innsbruck-Wien: Haymon, 2011.
ISBN 978-3-85218-699-3.

Link zur Leseprobe

Irene Prugger ist in den achtzehn Kurzgeschichten ihres Erzählbandes „Letzte Ausfahrt vor der Grenze“ der Liebe auf der Spur. Allerdings ergründet die österreichische Schriftstellerin darin nicht die wahre und einzige, sondern die alltägliche Liebe. Sie erzählt von den Chancen und Gefahren zwischenmenschlicher Beziehungen, sowie im wahren Leben Glück und Unglück sprichwörtlich nahe beieinander liegen.
Das Außergewöhnliche dieser Kurzgeschichten ist die realistische Figurenzeichnung, Irene Prugger setzt sich intensiv mit dem Menschen als Beziehungsmensch auseinander. Empathisch versetzt sie sich in ihre Heldinnen und Helden, womit sie uns Leserinnen und Lesern eine hohe Identifikation ermöglicht.
Die Therapeutin in „Paartherapie“ fühlt sich vom Glück ihrer Klienten so provoziert, dass sie sich während der Sitzung gedanklich in ihre eigene Beziehungsproblematik hineinsteigert. Die Pointe am Schluss ist gelungen: Ihre Klienten sind kein Ehepaar, sondern Geliebte, die beide verheiratet sind. Sie wollen alle drei Beziehungen retten.

Neben solch pointierten und dynamischen Kurzgeschichten gibt es auch jene, die uns zum Nachdenken anregen. „Max“ ist eine bedrückende Erzählung. Der Junge Max wird darin unschuldiges Opfer von Hanna, die ihn einsperrt. Unsere Empörung über die Racheaktion der eifersüchtigen Frau ist groß, gerade weil es sich um eine reale Problematik handelt. Subtil übt Irene Prugger Gesellschaftskritik, beispielsweise am gegenwärtigen Schulsystem oder an der Heuchelei unserer Mitmenschen.
Wie viel kann ein Mensch in seiner Liebesbeziehung an Verletzungen oder Routine ertragen? Wo liegt die Schmerzgrenze? Wie bewältigt man Einsamkeit? Diese und andere Fragen, wie wir sie womöglich selbst kennen, stellt und beantwortet Irene Prugger indirekt in ihren „Beziehungsstories“.
Die titelgebende Kurzgeschichte „Letzte Ausfahrt vor der Grenze“ beginnt mit einem spannenden Widerspruch in sich: „Die glückliche Ehefrau“ befindet sich auf der Fahrt zu ihrem Liebhaber. Oft fragt man sich als Außenstehender, wie leicht oder schwer in einer solchen Konstellation das Lügen fällt. Nun erfahren wir, dass das Lügen gegenüber dem Ehepartner geduldet wird, während unter den Liebhabern absolute Aufrichtigkeit herrscht.
Ebenfalls von einer Ehe und der Affäre des Ehemannes erzählt Irene Prugger in „Marie“, jedoch aus einer anderen Perspektive: Während die Geliebte in der Küche der nichtsahnenden Ehefrau sitzt und auf die Heimkunft des Mannes wartet, führt sie einen inneren Monolog. Sie lässt ihre Affäre, bevor sie auffliegt, Revue passieren. Dabei zieht sie einen Vergleich zwischen den Ansprüchen der Ehefrau und jenen, die sie sich als Liebhaberin erkämpft hat. Welche Frau letztlich den Kampf um den einen Mann gewinnt, bleibt offen.
Die meisten Liebesgeschichten thematisieren das Drama einer Dreiecksbeziehung zum Zeitpunkt des Auffliegens. Irene Prugger fängt den spannungsgeladenen Moment unmittelbar vor der Eskalation ein. Eine bemerkenswerte Fähigkeit der Schriftstellerin besteht darin, genau jene Momente, Situationen und Gefühle einzufangen, die für gewöhnlich nicht erzählt werden.

Der Wechsel zwischen Ich-Erzählerin, personaler und auktorialer Erzählperspektive korreliert mit dem Perspektivenwechsel auf den Begriff „Liebe“. Irene Prugger berücksichtigt, dass jeder etwas anderes darunter versteht. So muss man nicht alle achtzehn Kurzgeschichten gleich mögen oder verstehen, sondern man wird durchaus seine Lieblingsgeschichten haben.
Die Sprache ist der jeweiligen Figur und Lebenssituation angepasst. Die Paartherapeutin beispielsweise denkt in komplexen Schachtelsätzen, während der Dialog zwischen dem Taxifahrer und der Karrierefrau in „Hierarchien“ einem Small-Talk gleicht. Der Erzählton von inneren Monologen ist ruhig und fließend, während für Auseinandersetzungen die direkte Rede gewählt wird. Formal lassen sich die Kurzgeschichten in kleine Dramen, Lustspiele, Tragödien oder Komödien untergliedern. „Die Kätzin“ ist eine Fabel.

Irene Prugger hebt sich mit ihren „Beziehungsstories“ – erfreulicherweise - von den kommerziellen Liebesratgebern, die den Buchmarkt überschwemmen, ab. Sie erteilt nämlich keine Ratschläge, sondern möchte mit einer rücksichtsvollen Ironie, die allen Kurzgeschichten gemeinsam ist, zur Selbsterkenntnis anregen.

Monika Maria Slunsky
16. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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