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Philipp Korom: Öffentliche Intellektuelle in der österreichischen Presse.

Eine empirische Auseinandersetzung mit der Soziologie der Intellektuellen.
Graz: Leykam, 2008.
Reihe Grazer Universitätsverlag.
140 Seiten; brosch.; Euro 14,90 [A].
ISBN :  978-3-7011-0098-9.

Das schmale Buch, eine Diplomarbeit aus der Grazer Soziologie, besteht aus zwei Teilen, einer bündigen Geschichte der Intellektuellendiskurse des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts und einer empirischen Untersuchung, die sich der Frage widmet, wer in österreichischen Publikationsorganen sich häufig zu Wort meldet, jenseits der festangestellten Journalisten, und wie diese Wortmeldungen zu gewichten sind. Jeder der Teile liest sich spannend und informativ, die Frage ist freilich, ob die beiden Teile zusammengehören.

Der Titel, der auf Eleganz verzichtet und dafür Genauigkeit suggeriert (auf der Homepage des Verfassers ist in der Bibliographie seines Buches an die Stelle von „Auseinandersetzung“ „Validierung“ getreten), provoziert zum Nachdenken, weil man sich fragt, ob es neben den „öffentliche Intellektuellen“ noch eine andere Gruppe gibt, die jenseits – welcher? – Öffentlichkeit agieren. Es geht also nicht nur darum, den „Intellektuellen“, sondern auch die „Öffentlichkeit“ zu fassen. Dass Öffentlichkeit sich nicht auf Printmedien beschränken muss, ist heute sinnfällig; auf Internet-Plattformen melden sich Stimmen, die in Zeitungen und Sendeanstalten nicht unbedingt wahrgenommen werden. Andererseits ist der „öffentliche Intellektuelle“ ein weißer Schimmel, denn ohne eine Öffentlichkeit gibt es keine Intellektuellen. Die bürgerliche Öffentlichkeit, deren Entstehungsgeschichte Jürgen Habermas einst seine Habilitation gewidmet hat, ist gewissermaßen die Brutstätte jener Schreibenden, die sich in ihrer Kritik vom eigenen kleinen Zirkel oder ihrem Spezialgebiet freigemacht haben und zu Anwälten der bürgerlichen Sache geworden sein.

Da es dem Verfasser nur um Österreicher oder solche Publizisten geht, die lange in Österreich leben, und die sich in den Printmedien ihres Landes zu Wort melden, könnte der Titel „österreichische Intellektuelle in der Publizistik“ heißen, doch gehört es zum intellektuellen Selbstverständnis, nationale Beschränkungen wahrzunehmen, aber auch zu überschreiten. Schaut man sich die etwas mehr als hundert Namen an, um die es im zweiten Teil des Buches geht, ist auffällig, dass von ihnen nur wenige Namen über die Landesgrenze hinausdringen oder gedrungen sind, beispielsweise Karl Markus Gauß oder Franz Schuh. Es fallen die Namen vieler gescheiter und wortgewandter Leute, aber sind sie wirklich alle „Intellektuelle“ in der Tradition von Émile Zola, der mit seinem Brief an den französischen Staatspräsidenten in Sachen Dreyfus („J’accuse“) am Anfang der Intellektuellengeschichte steht? Sind Doris Knecht oder Peter Filzmaier wirklich Intellektuelle? Man mag Doris Knecht mögen oder nicht, eine Intellektuelle wird sie sich vermutlich selbst nicht nennen wollen, und auch Geisteswissenschaftler, die Zeit zu Leitartikeln und Kolumnen finden, sind deshalb noch keine Intellektuelle, sondern im schlimmsten Falle eitle Prediger, im besten Falle Schreiber, die sich mit Verstand und Leidenschaft engagieren (oder eben auch: engagiert werden). Vielleicht wäre es treffender, von österreichischen Publizisten zu sprechen? Meine Unkenntnis vieler Namen würde mich dann auch weniger beunruhigen.

Gleichwohl ist es spannend zu sehen, aus welchen Berufslagern sich diese hier zu Intellektuellen ernannten Publizisten rekrutieren: Ganz oben rangieren die Geistes- und die Sozialwissenschaftler, während Natur- und Rechtswissenschaftler nur einen kleinen Kreis zur Statistik beitragen, stärker vertreten ist dagegen die Gruppe der Schriftsteller und Kabarettisten (ist Herr Dorfer denn ein Intellektueller? Und ist jede/r Schriftsteller/in, die oder der sich in Zeitungen zu Wort meldet, ein/e Intellektuelle/r?).

Man mag einwenden, dass wenn der Verfasser Intellektuelle anders definiert als Habermas, Foucault oder Bourdieu, er sich damit auch sein Recht erschrieben hat, seine publizistische Truppe „Intellektuelle“ zu nennen. Dann hätte er freilich im ersten Teil seiner Arbeit deutlicher argumentieren müssen. Eine regelrechte Definition, was unter einem Intellektuellen zu verstehen ist, wird nicht geliefert, stattdessen werden sechs Kriterien benannt, die einigermaßen diffus sind („die Stellungnahmen des Intellektuellen ist [sic!] durch die Logik des besseren Arguments geprägt“), so dass alle Anwärter einen Platz bekommen. Der Verfasser hat den Weg einer „Synthesebildung“ eingeschlagen, bei dem verschiedene Intellektuellenmodelle einfach summiert werden. Diese Modelle versteht der Verfasser als „Idealtypen“ im Sinne von Max Weber, man könnte sie aber auch als sich zum Teil widersprechende historische Typen bezeichnen. So haben wir dann einen Typus des „revolutionären Intellektuellen“ nach dem Entwurf von Berger/Luckmann (sechziger Jahre), einen „synthesebildenden“ Typus nach Karl Mannheim (dreißiger Jahre), Bourdieus „universellen Intellektuellen“ (neunziger Jahre), während von Foucault der Typus des „spezifischen Intellektuellen“ entlehnt wird (siebziger Jahre) – am Rande gesagt, zeichnet sich der Foucaultsche Intellektuelle aber gerade dadurch aus, dass er sich nicht „auf wenige Bereiche beschränkt“, weshalb dieser Typus wohl zu Unrecht mit dem Namen Foucault verbunden wird.

Überall da, wo der Intellektuellendiskurs eine geschichtliche Dimension bekommt, beispielsweise in einem Exkurs zu Émile Zola oder zur russischen „Intelligentsia“, bekommt man als Leser wieder Boden unter die Füße, aber die Frage bleibt doch, ob hier nicht „Intellektuelle“ und „Intelligenz“ kunterbunt durcheinander gewürfelt sind.

Was ist nun mit den österreichischen „Intellektuellen“ oder besser, den freien Publizisten, los? Eines der Ergebnisse der kleinen Studie ist, und dieses scheint mir von dem skizzierten Definitions-Dilemma geprägt, dass viele österreichische Intellektuelle systemkonform sind und beispielsweise die Regierung „Schüssel I“ unterstützt haben. Der Begriff „engagierter Intellektueller“ wird hier doppeldeutig, worauf der Verfasser am Ende selbst eingeht: „In vielen dieser Institutionen [wie Politische Akademie der ÖVP, österreichische Ethikommission etc.] werden Experten-Intellektuelle von Politikern bestimmter Couleur eingesetzt, was für die Autonomie des Intellektuellen sicherlich nicht förderlich ist“. So kommt der Verfasser zum „überraschenden Befund“, dass nicht immer ein Antagonismus zwischen Intellektuellen und den herrschenden politischen Kräften“ bestehe. Wäre es da nicht einfacher zu sagen, dass nicht jeder, der politische Kommentare schreibt, ein Intellektueller ist, und dass einer, der sich „engagieren“ lässt, dennoch kein engagierter Intellektueller ist?

Michael Rohrwasser
20. Februar 2012

 


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