logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland.

Erkundungen.
Graz: Literaturverlag Droschl, 2012.
128 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-85420-796-2.

Link zur Leseprobe

Erkundungen“ verspricht der Untertitel auf dem zart in Grün und Blau gehaltenen Umschlagbild (Gewebe von Susanne Heindl, fotografiert von Norbert Stadler) und wer die Autorin kennt, die in ihrem 90. Lebensjahr steht, ahnt, dass es nicht um die Geographie eines Grenzlandes geht. Die Bezeichnung des Verlags „Berichte einer furchtlosen und stilsicheren Reisenden aus dem unbekannten Land des hohen Alters“ meidet die Nennung des Ziels der Reisenden, diese empfindliche Grenze, an die der Mensch stößt, wenn er das „Grenzland“ durchschritten hat. Ilse Helbich ist im „Zwischenland“ angekommen, was das Land zwischen Himmel und Erde meint oder das Dasein zwischen Leben und Sterben, gerade heraus gesagt. Wie groß dieses „Grenzland“ ist, wie weit der Raum des „Zwischenlandes“, kann niemand sagen. Und doch steuert die Autorin geradeaus auf die Grenze zu und teilt ungewöhnlicherweise diese Erfahrung mit uns. Mit beiden Beinen im Leben auf dieser Erde und mit dem Kopf in den Wolken erkundet sie das Diesseits, über das Jenseits spekuliert sie kaum, viel wichtiger ist ihr, die Suche abzuschließen, der ihr Leben galt.

Wie soll einer diesen Splittertext lesen?“ (S. 76) fragt die Autorin zögernd und wird vom „Lektorfreund“ im Schreiben bestärkt. Es ist ein anrührendes Fortschreiten zwischen einem stillen, ganz leichten Zögern und dann wieder dem Mut, diese Tage im Zeitraum von Jänner bis Juni 2011 festzuhalten. Die überfallsartigen Schreibanfälle, die ihr in ihrer Jugend den Schlaf raubten, sind ihr bis ins hohe Alter geblieben, so zeigt es die Uhrzeit neben dem Datum der Tagebucheintragungen. Ergänzt werden diese von längeren Essays über das Schreiben oder über die Langeweile. Erinnerungen betreffen den Krieg, den Kampf zwischen Deutschen und Russen, der sich über den Köpfen der in den Erdäpfelkeller Geflohenen entrollte. Die tagelang andauernde Todesnähe kommt jetzt in Erinnerung nach einem langen und glücklichen Leben, das wieder in die Nähe des Endgültigen rückt.

Die Notizen im Tagebuch vermitteln das Bild des Alters, in dem Beruf, Heirat, Kinder und Enkelkinder freundliche Vergangenheit und Gegenwart sind. Die Unabhängigkeit im Aufgehobensein als Lebensgefühl und die Freiheit des Seins und der Gedanken, wie Ilse Helbich sie ausschöpft, entsprechen dem Ideal des friedlichen und würdigen Alterns. Das Leben ist heiter in Betrachtung der Jugend der lieben Enkelin, der Natur und der Kunst, selbst wenn das Augenlicht schwindet und Lesen kaum noch möglich ist. Deshalb erscheinen die klarsten Bilder im Traum und bei Nacht. Kleine Zwischenfälle mit unmutigen Zeitgenossen wendet sie ganz „grande dame“ ab, verkehrt sie sogar in freundschaftliche Gefühle. Das Gute sehen und meinen im Inneren wie im Äußeren steht über allen Zumutungen. Einfachste Handlungen wie das Gehen an sich, das Finden von Gegenständen, die sie nicht mehr sehen kann, oder das Jäten der Beete werden zum Triumph über die eigene Hinfälligkeit.

Hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen dem Wollen und Können. Die Aufzeichnungen werden zum unbarmherzig genau geführten Protokoll des körperlichen Niedergangs, das von vielen klugen, poetischen Gedanken überstrahlt und von einer tiefen Nachdenklichkeit untermauert wird. So vieles an Wissen und Erfahrung ist in diesem „Zwischenland“ versammelt, das sich doch auflöst, je näher die Grenze rückt und nur dank des Aufschreibens bleibt. Über das „ich“ hinweg versucht Ilse Helbich mit dem abwechselnden Gebrauch von „sie“ Distanz zu sich selbst zu gewinnen: „Die Langeweile des allmählichen Sterbens. Sie ist alt genug, dass sie schon einigen dabei zusehen musste.“ (S. 60) Und: „Der allmähliche Rückzug aus der Außenwelt … das immer schnellere Versagen der Sinnesorgane … ist schmerzlich nur dann, wenn die Trauer der beobachtenden Nächsten spürbar wird.“ (S. 74) Im Zwiespalt des nach und nach versagenden Körpers und des funktionierenden Gehirns wird es zur Kunst, sich nicht in der Sinnsuche verloren zu geben. Das Menschsein, wie es von den Jungen verstanden wird, löst sich ganz langsam auf und muss von diesen mit einem neuen Sinn ausgestattet werden, was die Beobachtete jetzt erheitert durchschaut: „dass mich meine Umgebung ein wenig zur weisen, alten Frau, freilich eine mit einigen närrischen Gewohnheiten, aufbaut.“ (S. 105) – eine Einmischung, die sie sich früher verboten hätte.

Die Unabhängigkeit, die ihr Leben bestimmte, und die Beherrschung, mit der sie an der Kunst des Alterns arbeitet, werden doch von den Tücken des Alltags und seinen niedrigsten Anforderungen gebrochen. Dann entblößt sie, die sich gerne als „unwürdige Greisin“ (S. 120) oder zumindest „altersabgeklärt“ sähe, die Scham vor der Scham und dass sie nicht vor sich selbst besteht. Denn in diesem knappen Zeitraum eines halben Jahres nehmen die Möglichkeiten zum eigenen Lebensausdruck rasant ab und immer kleiner wird der Raum des „Zwischenlandes“. Der Mut und die Unternehmenslust weichen einem fragenden Warten, bis ihr das Verlöschen der Sehkraft die Entscheidungsfreiheit abnimmt. „Der Schreibtrieb als Movens, der meinem Leben Impuls gibt, ja, ihm die Richtung weist. Ich kann mir nicht vorstellen, anders als aus dieser Kraft zu leben.“ (S.22) Ohne das Schreiben, um das die spät berufene Autorin mit ganzem Einsatz kämpft und dabei gegen die Macula-Augenkrankheit verliert, stellt sich neben der Vergesslichkeit Verwirrung ein, wie sie in der späten Eintragung im Oktober notiert. Der letzte Satz weist darauf hin, dass der Gang durch „das Grenzland“ schon an Erdenschwere verliert: „In dem Garten. Der herbstblaue Himmel ganz nah, die Bäume schweben.“ (S. 127) Nach dem Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere im Alter von 80 Jahren und dem Erfolg ihrer autobiographischen Erzählungen (u.a. „Schwalbenschrift“, 2003, „Das Haus“, 2009), hat Ilse Helbich ihr „Schreibleben“ vollendet: „Ein Spiegel, in den etwas hineinfällt und versinkt, sichtbar und nicht mehr berührbar. Ein Spiegel, der nichts wieder hergibt.“ (S. 110)

Beatrice Simonsen
28. Februar 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Nahaufnahme Österreichische Autor/inn/en im Gespräch: Erwin Einzinger

Di, 24.10.2017, 19.00 Uhr Lesung & Gespräch Im Zentrum des Gesprächs mit Erwin Einzinger...

Ringvorlesung "Der Zeitungsausschnitt"

Mi, 25.10.2017, 11.00-13.00 Ringvorlesung In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Vergleichende...

Ausstellung
Sabine Groschup – AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN* 101 Taschentücher der Tränen und ausgewählte Installationen *F. M. gewidmet

Mit AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN präsentiert das Literaturhaus Wien textspezifische Arbeiten sowie...

Tipp
flugschrift Nr. 19 von KIKKI KOLNIKOFF aka MIROSLAVA SVOLIKOVA

Beim Auffalten der flugschrift Nr. 19 wird man umgehend konfrontiert mit einem ständigen...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Neue Beiträge zu Clemens Berger, Sabine Gruber, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Barbi...