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Hilde Spiel: Verwirrung am Wolfgangsee

Wien: Milena Verlag 2011.
(Reihe REVISITED, Band 9)
145 Seiten; gebunden; EUR 18,90.
ISBN 978-3-85286-217-0.

Link zur Leseprobe

Hilde Spiel, die österreichische Publizistin und Schriftstellerin, die im vergangenen Oktober ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, hatte Zeit ihres Lebens ein ambivalentes Verhältnis zu Österreich: 1936 emigrierte die jüdische Hilde Spiel nach England, 1946 reiste sie – als mittlerweile englische Staatsbürgerin – erstmals wieder nach Wien, ab 1955 hatte sie einen Zweitwohnsitz in St. Wolfgang, 1963 kehrte sie fix nach Österreich zurück. Noch vor der Erfahrung von Emigration und Rückkehr, von Heimweh und Heimatlosigkeit erschien 1935 ihr Roman Verwirrung am Wolfgangsee, der die Perspektive des fremden, entwurzelten Blicks auf Vertrautes gewissermaßen vorwegnimmt.

Im Zentrum dieses „literarischen Road Movies“ steht ein männlicher Ich-Erzähler, der junge Belgier Vincent, der gemeinsam mit seinem Freund Pierre und dem Schullehrer Pourtalès Frauen und berufliche Perspektiven, das gesamte „Kleingeld des täglichen Lebens“ in Brüssel zurückgelassen hat und zu einer Reise mit „nicht nur leichtem Gepäck“ aufgebrochen ist. In einem kleinen klapprigen Wagen fahren sie durch Europa und wollen „nirgendwo bleiben, nirgends sein, nur in der Bewegung.“ Die kurze Dauer ihrer Aufenthalte, die Flüchtigkeit der Begegnungen mit Einheimischen ermöglicht ihnen eine romantische Transformation der Wirklichkeit, denn: „Es ist nicht schwer, alles wunderbar zu finden, was eben schon vorüber ist.“

Als sie den Wolfgangsee erreichen, scheint die Schwelle zum Wunderbaren endgültig überschritten: Entgegen ihrer bisherigen Überzeugung, dass es kein blaues Wasser gebe, erscheint der See in einem „tiefen, wunschlosen Blau wie ein Weiher in Träumen“. Und fantastisch mutet auch die bald folgende Begegnung mit zwei jungen Österreicherinnen an, Therese und Gundel, denen sie sich als „Philosophen, Dichter und Krieger“ vorstellen. Zu viert – der ältere Pourtalès zieht sich bald zurück – erleben die Reisenden reizvolle, „hinreißende“ Stunden: Bootsfahrten, Gespräche über Literatur und Kunst, Musikabende, „surrealistische Spiele“ und – unerwarteterweise – nicht mehr als die eine oder andere zögerliche, verliebte Berührung.

Die berührende Intensität dieser Stunden steigert sich durch die behutsame, vieles nur andeutende Art, in der es der 1935 erst 24jährigen Hilde Spiel gelingt, das beständige sich einander Annähern und voneinander Entfernen der Protagonisten zu schildern: Vincent und Pierre verlassen kurzzeitig St. Wolfgang in Richtung Wien, nur um dann in Heiligenstadt die Gasse, in der Therese ihre Kindheit verbrachte, zu finden. Sie kehren zurück, „um ein Unbestimmtes zu Ende zu erleben“, und stellen fest, wie die alle vier verbindende Unfähigkeit, sich für eines der Mädchen beziehungsweise einen der jungen Männer zu entscheiden, intime Momente zu zweit unterbricht und verhindert. Das Aushalten dieser beständigen Spannung, der bewusste Verzicht auf ein Einlösen der sehnsüchtigen Erwartungen ist dasjenige, was die Besonderheit dieses kurzen Romans ausmacht: Hilde Spiel gelingt es, sich über weite Strecken an der Grenze zum Kitsch zu bewegen, ohne diese zu überschreiten.
Vielmehr lässt sie ihren Erzähler Vincent über diese eigentümliche Position reflektieren:
„Es war zu viel. Wir spürten es allesamt. Es war ein dünner Mond über dem See, vier Menschen saßen in einem Kahn und hörten das schönste deutsche Gedicht. Keiner wagte ein Wort dagegen zu sagen, aber alle hatten Angst, dies könnte in Lächerlichkeit umschlagen, wenn wir es nicht zurückführten auf ein erträgliches Maß.“ (S. 87)

An Stellen wie dieser wird das vom Wissen um die bevorstehende Trennung überschattete Glück der Protagonisten zur Parabel auf die allgemeine Vergänglichkeit von Glücksmomenten: Glück erscheint als etwas, das sich „zwischen“ Verrichtungen des Alltags ereignet und das die Erfahrung von Natur ebenso wie Momente der gelingenden Kommunikation und des Einverständnisses mit anderen Menschen zum Auslöser haben kann. Glück wird auch dargestellt als etwas, das sich im Versuch des Festhaltens transformiert: Auf ihrer Rückkehr in Richtung Belgien stellen Vincent und Pierre fest, wie die Erlebnisse nach und nach zur „Legende“ werden, wie das Aussprechen und Erinnern die Unmittelbarkeit der Empfindungen auf schmerzhafte Weise verwandelt.
Bei all dem mag man fragen: Und das 1935? Inmitten sich anbahnender zerstörerischer Konflikte und nur ein Jahr vor Hilde Spiels eigener Emigration nach England? Eine Antwort könnte lauten: Gerade in solchen Situationen ist das Bedürfnis nach Rückzug und „Innerlichkeit“ am höchsten. In diesem Sinn kann Verwirrung am Wolfgangsee auch gelesen werden als Roman über Eskapismus in schwierigen Zeiten und über die Berechtigung, die das zeitlich beschränkte Ausleben eskapistischer Bedürfnisse hat. Oder, in den Worten des Mädchens Therese:
„'Ach, Sonne – See –', sagt Therese. 'Manchmal kann man genug davon bekommen, glaubt mir. Oft denke ich, wie falsch es ist, wie es einen Schleier über alles breitet. Könnte man nicht meinen, es gäbe nur Schönheit und Ordnung in der Welt? Nein, das Wirkliche ist dahinter. Das Wirkliche kommt wieder nah, wenn man im Herbst in die Stadt zurückkehrt, wenn es wieder Zeitungen gibt –'“ (S. 103)

Was Hilde Spiels kompakten Roman auszeichnet, ist die sprachliche Kunstfertigkeit und Zartheit, mit der die damals noch sehr junge Autorin die Ambivalenzen und Zwischentöne ihrer Geschichte einfängt. Die Stilsicherheit, mit der sie allzu direktes ausspart und Leerstellen lässt, macht verständlich, warum der Roman damals wie heute als „beachtliche Talentprobe“ rezipiert wurde. Die reale Landschaft des Wolfgangsees – in einem vorgestellten Briefauszug von Hugo von Hofmannsthal als die „Landschaft der Landschaften“ bezeichnet – transformiert Spiel auf diese Weise in einen imaginären Raum, der von der Wirklichkeit einerseits entfernt ist und andererseits untrennbar mit ihr verbunden scheint. Eine lohnende Wiederentdeckung!

Gianna Zocco
29. Februar 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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