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Zoltan Szendi: Perspektivierung und Daseinsdeutung in der Lyrik der mittleren Periode Rainer Maria Rilkes.

Wien: Praesens Verlag, 2010.
288 S.; broschiert; Euro 29,20.
ISBN 3-7069-0608-1.

Die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Dichtung Rainer Maria Rilkes verlief bekanntlich höchst kontroversiell, zeigte extreme Ausschläge in der Bewertung nach oben wie nach unten. Einer ganzen Generation von Leserinnen und Lesern nach 1945 und bis Anfang der 1960er Jahre galt der Dichter aufgrund seiner aus der tristen Alltagsrealität (gängiges Stichwort: „dürftige Zeit“) erhebenden, enigmatisch anmutenden, für unterschiedlichste Lesarten offenen Lyrik und nicht zuletzt aufgrund seines – wiederum in der Sprache der Zeit – als „unbehaust“ gedeuteten Daseins und aufgrund seiner von Unstetigkeit vor allem auch in Frauenbeziehungen geprägten Biographie als der Poet schlechthin. In der Folge wurde sein Werke allerdings zum Teil vehementest abgelehnt, abgetan als apolitisch, ästhetizistisch, abgeschmackt etc. Sachlich kritische Auseinandersetzung mit Rilkes Poesie (wie z. B. in Hellmuth Himmels „Studie zur Kunst und Sprachauffassung Rainer Maria Rilkes“ Das unsichtbare Spiegelbild, 1975) war auch in der Literaturwissenschaft bis in die achtziger Jahre eher die Ausnahme. Zu dieser eher nüchternen Rilke-Forschung nun kann die vorliegende Monographie gerechnet werden, auch wenn sich der Verfasser durchaus enthusiasmiert zeigt von seinem Gegenstand. Prädikate wie „meisterhaft“ oder „einzigartig“ fließen ihm denn auch durchaus recht leicht aus der Feder, wobei ihm allerdings zu konzedieren isst, dass er sich nicht in unsachliche Schwärmerei verliert, vielmehr auf der Basis genauester Textanalysen von insgesamt 76 Gedichten aus dem Buch der Bilder und aus den Neuen Gedichten zu seinen Urteilen kommt.

Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses steht für Szendi die ästhetische Qualität dieser Texte am Schnittpunkt zwischen der Tradition des 19. Jahrhunderts und der Moderne. Seine Studie zeichnet, wie angesprochen, Genauigkeit im Umgang mit Rilkes Lyrik aus, das heißt: genauestes Augenmerk auf Details der Metrik, der Reimgestaltung, der ausgefeilten Rilkeschen Enjambement-Technik, der Rhythmik der Verse sowie der rhetorischen und stilistischen Feinheiten in ihrer jeweiligen Funktionalität vor allem im Hinblick auf spezielle Perspektivierungen, auf überraschende Perspektivenwechsel, die die Gedichte Rilkes auszeichnen - in Ansätzen übrigens schon, wie der Verfasser nachweist, bestimmend für einzelne Texte aus dem im allgemeinen von der Forschung wenig geschätzten Band Larenopfer. Der Begriff „Perspektive“ kann demnach als Leitwort der Studie gelten. Gegenüber der bisherigen Forschungsmeinung, dass die außergewöhnliche Technik des Perspektivenwechsels erst nach der Auseinandersetzung mit Paul Cezannes Kunst Rilkesche Gedichte zu bestimmen begonnen habe, beobachtet Szendi die „Bewegungsfreiheit der Sichtweise“ (Annette Gerok-Reiter nach 208) schon in der früheren Lyrik, ansatzweise eben in Gedichten aus Larenopfer, unter den Neuen Gedichten etwa in den drei Sonetten des „Kathedralen-Zyklus“, vor allem in dem mit „Zoomeffekt“ (210) arbeitenden Dinggedicht Die Fensterrose, das in metaphysische Erfahrung mündet, durch Tempuswechsel einen Perspektivenwechsel signalisiert, den Wechsel von unmittelbarer Erfahrung zu Reflexion, von religiöser zu ästhetischer Erfahrung.

Szendi betont die Faszination, die Rilkes Gedichte aus dessen mittlerer Periode dank der große Interpretationsspielräume eröffnenden „Rätselhaftigkeit“ der „Daseinsdeutungen“ (41) ausstrahlen, lässt diese Spielräume auch offen, ebnet die Mehrdeutigkeiten der Texte jedenfalls nicht ein. Ein Hauptaugenmerk richtet der Verfasser auf motivische Querverbindungen, speziell in Zyklen, in Rilkescher Terminologie „Gedicht-Kreisen“ (170), und zwar nicht nur in vom Dichter ausgewiesenen, in „geschlossenen Zyklusformen“ (vgl. 173ff.) und in „Kettenartigen Gedichtreihen“ (vgl. 190ff.), sondern auch in „offenen Formen“ (vgl. 207ff.). Gegenüber Einzelgedichtanalysen offenbart der Blick auf solch zyklische Gebilde meist einen ästhetischen Mehrwert, erlaubt die Erkenntnis unterschiedlicher Perspektiven, wie sie beispielsweise in Gedichten zu beobachten sind, die die Problematik der Dichterexistenz thematisieren.

Rilke nimmt bemerkenswerte Projektionen und Identifikationen vor, um die schöpferische Existenz zu ergründen. Dass im Gedicht Der Lesende die kontemplative Haltung, die Welt-, um nicht zu sagen: Geschichtsvergessenheit der in ihre Tätigkeit und in Reflexionen über die Erfahrungen des Daseins versunkenen Titelgestalt mit der des Dichters in Zusammenhang gebracht werden kann, liegt an der Problematisierung von Innen und Außen, der Verinnerlichung des Außen als des entscheidenden schöpferischen Akts, der Aufhebung der Grenzen zwischen Immanenz und Transzendenz, die – für Rilke durchaus nicht ungewöhnlich - keinesfalls im herkömmlichen religiösen Sinn verstanden werden kann, jedenfalls mit christlichen Anschauungen inkompatibel erscheint. Auch nicht allzu überraschend erscheint Szendi im „Gedicht-Kreis“ Die Stimmen. Neun Blätter mit einem Titelblatt die Identifikation des Dichters mit Blinden und Mönchen, ja auch mit Irren, mit der auf das Wesentliche konzentrierten Innenorientierung der Genannten. Nachdrücklich identifiziert Rilke den Dichter mit den „Dürftigen“ (nach 178), die er als privilegiert ansieht. Der Zusammenhang von Leben und Leiden in deren Dasein erscheint der des Poeten vergleichbar. Durch diese Perspektive aus der Position einer Randexistenz im Stimmen-Zyklus werden herkömmliche Vorstellungen vom Sein des Schöpfers als second maker, als von göttlicher Inspiration Befeuerter u. ä. umgedeutet und umgewertet.

Nicht weniger ungewöhnlich erscheinen Rilkes Umdeutungen von antiken Mythen, etwa des Eros-Thanatos-Motivs. Szendi hebt insbesondere die des Orpheus-Mythos im Gedicht Orpheus. Eurydike. Hermes aus den Neuen Gedichten hervor, derzufolge das Unternehmen des Sängers von vornherein zum Scheitern verurteilt sein muss aufgrund der Verschiedenheit der Seinsweisen im Diesseits und im Hades. Ungewöhnlich auch der Umgang mit Motiven aus Altem und Neuem Testament. Ob in Gedichten über David, Joshua, Elias oder andere, übrigens auch meist mit dem Dichter identifizierte Propheten, Rilke ist – so Szendi nachdrücklich - nicht auf religiöse Thematik fokussiert, vielmehr auf existentielle Grenzsituationen, auf Wendepunkte im Leben der jeweiligen Gestalt. Manche Umwertungen „religiöser“ Motive sind der Blasphemie nahe, so Rilkes Deutung der Engel im gleichnamigen Gedicht aus dem Buch der Bilder, die nicht Botschafter Gottes darstellen, „vielmehr gelangweilte Repräsentationsfiguren“ (125), oder in den beiden Pietà-Gedichten, in deren erstem nicht der Schmerz Mariae im Zentrum steht, sondern die Sinnlichkeit der Maria Magdalena, und in deren zweitem die Gottesmutter ihrem Sohn entfremdet erscheint. Auch die in den Gedichten Das Jüngste Gericht vorgenommene Umdeutung des Geschehens am Jüngsten Tag als eines keine transzendentale Hoffnung erlaubenden, grotesk Grauen vergegenwärtigenden wäre noch beispielhaft anzuführen. Die Perspektivierungen Rilkes sind durchwegs irritierend, im positiven, Reflexion herausfordernden Sinne provozierend.

Vieles an Detaileinsichten Szendis wäre erwähnenswert, ein interessanter Aspekt sei noch hervorgehoben, nämlich die gelegentliche Nähe Rilkes zu einer Ästhetik des Hässlichen, wie man sie aus der frühen Lyrik Gottfried Benns kennt, und zwar in dem schon 1906 entstandenen Lied des Selbstmörders, im 1907 verfassten Gedicht Die Versuchung, in der Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten oder im Gedicht Die Bettler, beide von 1908, mithin in Gedichten, deren Entstehungszeit vor Benns expressionistischen Anfängen liegt.

Im Anhang der Untersuchung finden sich „zwei Fallstudien“. Unter dem Titel „Versachlichung und Poetisierung bei Lenau und Rilke“ arbeitet Szendi die Bedeutung der Einsamkeit für beide Autoren als eines Aspekts der schöpferischen Existenz und als Thema heraus. Zwei allerdings nicht überzubewertende Parallelen sieht der Verfasser in der Neigung Lenaus und Rilkes zu balladesk narrativen Gedichten und in der Schwierigkeit, sie literarhistorisch zuzuordnen. Lenau stehe am Anfang der Wende von der traditionellen Dichtung des 19. Jahrhunderts zur Moderne, Rilke am Ende. Besonders wichtig erscheint Szendi bei beiden die „Versachlichung der inneren Erlebnisse“ (248), jedoch mit dem grundlegenden Unterschied, dass bei Lenau die Versachlichung Entäußerung, für Rilke Verinnerlichung bedeute. Dem wäre noch weiter nachzuforschen. Das gilt auch für die zweite Fallstudie über „Rilke und Blok“, zwei aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Ausrichtungen scheinbar unvergleichliche Dichter. Ob für einen Vergleich ausreicht, dass beide auf „Harmonie“ (255) als utopischem Zustand zielen, sei dahingestellt. Szendi verweist auf einen größeren Kontext, wenn er u. a. den ungarischen Lyriker Endre Ady in den Vergleich miteinbezieht. Dieser Ansatz wäre weiterzuverfolgen.

Kurt Bartsch
5. März 2012

 


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