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Waltraud Seidlhofer: Singapur oder der Lauf der Dinge.

Klever Verlag 2012
152 S; broschiert; Euro 16,90.
ISBN 978-3-902665-44-7.

Link zur Leseprobe

„Singapur oder der Lauf der Dinge“ könnte vielleicht am besten als eine Entfaltung der Metapher vom „Erfahren“ beschrieben werden. Da wird einmal zu Fuß, auf Rolltreppen, in Liften ein Messegelände erschlossen. Da wird eine weite Strecke zwischen einem Flughafen und einem Hotel in einem Taxi zurückgelegt. Es kommt zu diesen beiden Bewegungen noch die der Betrachtung eines Hauses dazu, beziehungsweise – als eine Art Spiegel aller anderen Bewegungen – das Video „Der Lauf der Dinge“ von Peter Fischli und David Weiss (1987): eine Art Rube-Goldberg-Apparatur, also eine Maschine, welche die zu erledigende Aufgabe in unnötig bzw. möglichst viele Einzelschritte zerlegt.
Und ja, in gewisser Weise funktioniert Seidlhofers Text genau so: Die Autorin hält sich zurück, bremst sich ein, breitet die Räume in scheinbar übermäßig vielen Einzelschritten aus. Und diese Zerlegungen, wie immer sie auch instand gesetzt werden, ergeben erst den künstlerischen Sinn dieser „Wegbeschreibungen“. Die Räume der abgebildeten Welt eröffnen sich wie virtuell. Man fühlt sich, als werde man nicht in einer Figur, mit der man sich identifiziert, sondern über einen Avatar durch die simulierten Welten von – zum Beispiel – Second Life bewegt.
Und das liegt durchaus in der Absicht der Autorin, sie bemerkt: „wie auf spielzeugbahnen schiessen die autos nach links und nach rechts und geradeaus, wechseln die fahrstreifen, so dass beinahe bewegungssimulationen entstehen, denen der videospiele aehnlich, die in den flugzeugen auf kleinen schirmen vor jedem der sitze angeboten werden und die die passagiere nach eigenem gutduenken aussuchen koennen.“ Und man sieht: Sogar die Buchstaben unterstreichen die angesprochene Kleinteiligkeit noch, als wären sie Pixel. Denn durch die Seidlhofer'sche Schreibweise kann ja aus den „boegen“ der einzelne „bogen“ und die Zufälligkeit der Erscheinung im Alphabet noch hervorlugen.
In Enklaven wird im Text außerdem das Mögliche geübt, um auf die Simuliertheit noch deutlicher hinzuweisen. So können wir einmal wie in einer Zeitblase die geraffte Entwicklung eines Schattens durch die Jahreszeiten verfolgen. Oder es hängt an den Schlaglöchern wie eine Schleppe die Zeitstrecke des letzten Winters, der sie hervorgebracht hat. Und woanders wieder wird am Aussehen eines Baums wie im Zeitraffer der Einfall der Nacht offenbar.

Nie aber fragt man sich bei dieser Lektüre, was „das“ denn nun solle. Man ist in diesem Buch einfach da, wie man auf einer Reise da ist – ein Gast in einer Welt; und nach dem Sinn einer Landschaft lässt sich eben sinnvoll nicht fragen. Doch lassen sich andererseits – und das ist immer auch ein Nebeneffekt des Reisens – die eigenen Kriterien erfahren an der parallelen Bereitstellung von nur möglichen Räumen, von Alternativen. Stünde das Haus in einer gemäßigten Zone … Schon wissen wir, woran wir erkennen, dass es in den Tropen, für diese gebaut ist. Die Simulation lässt uns die Bedingungen unseres Erfassens spüren. Und der Text lässt diese eben nicht nur erfahren, er liefert auch viele kleine Beobachtungen zum Thema. So erfasst er im Vorbeigehen, wie die Wahrnehmung der Umgebung hinter einem Autofenster getäuscht wird, weil im Inneren die Klimaanlage läuft. Es werden kleine Verwirrspiele damit getrieben, was nun leuchtet, was nur angeleuchtet wird. Und wir geraten jetzt wie über jene Metapher zum Kernthema des Buches, zu dieser Frage der Gegenstände, Bauten, Landschaften, die eben „wie in einem Videospiel“ durch die Bewegung der Betrachtenden herangetrieben werden – zur Frage, ob die Autorin nun Welt an uns vorüberzieht oder ob wir Lesenden durch unsere Lesebewegung die Bewegung jener Welt erst simulieren.
Der Text ist die Antwort auf diese Frage dieses Lesens. Und in dieser Hinsicht ist Seidlhofers Buch auch eines übers Darstellen an sich – das jedoch in fast japanisch anmutiger Weise, richtiggehend zärtlich; gerade so, wie in all den normierten, abstrahierten, künstlichen Räumen, plötzlich ein Mensch sich in einem Auto umdreht, um ein architektonisches Detail neben sich verschwinden zu sehen; wie plötzlich eine Frucht in einer Schale zu liegen kommt, in einem ansonsten völlig leeren, sinnfreien und wie tonlosen Umfeld: eine kleine, belebte Kostbarkeit, als die im Rahmen all der simulierten Räume eine beglückend menschliche Geste, ihr Effekt, erscheint.

Lisa Spalt
5. März 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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