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Christoph W. Bauer: getaktet in herzstärkender fremde.

Gedichte.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2011.
20 Seiten; kartoniert; EUR 16,90.
ISBN 978-3-85218-724-2.

Link zur Leseprobe

Ein vorsichtiges Wort-für-Wort-Ertasten des noch Unbekannten, des noch zu Ergründenden beginnt bereits mit dem ersten der insgesamt vierzehn Gedichte, die der 1968 in Kärnten geborene, in Tirol aufgewachsene und heute in Innsbruck lebende Schriftsteller Christoph W. Bauer schlicht römisch durchnummeriert hat. Das lyrische Ich tut seine ersten, noch etwas unsicheren Schritte, „geschwarzwaldet jetzt und ausgehebelt / im alemannischen nicht firm“ (I, S.4) und fühlt sich aufgerufen, sich (und uns) mit den Mitteln der Sprache Landschaft und Menschen zu erschließen. Einen Verbündeten hat es dabei schon: den in Hausach im Schwarzwald geborenen, dort lebenden und überall in der Welt arbeitenden Dichter José F. A. Oliver, dessen Eltern 1960 aus Malaga einwanderten und der quasi in drei Kulturräumen aufwuchs: dem spanischen, dem deutschen und dem alemannischen.

Wie in früheren seiner Werke findet Christoph W. Bauer auch diesmal in einer von ihm ausgesuchten Dichterpersönlichkeit ein lyrisches Gegenüber, auf das er über den gesamten Text hinweg immer wieder Bezug nimmt, mit dem er im vorliegenden Fall sogar diskutiert und Weltsichten erweitert. Impuls für die Wahl Olivers war dessen 50. Geburtstag im vergangenen Jahr, zu dem der Haymon Verlag nun ein vom Autor handsigniertes bibliophiles Bändchen in – wie könnte es dem Anlass entsprechend auch anders sein – nur 50 Exemplaren herausgebracht hat.

Eine Festschrift im engerene Sinne ist „getaktet in herzstärkender fremde“ natürlich nicht geworden, auch wenn sie mit einem fast markigen „also hoch jetzt das / glas auf den compañero de viaje josé oliver“ endet (XIV, S.17). Die Gedichte beschäftigen sich vielmehr – aber eben auch immer wieder am exemplarischen Beispiel des Kollegen Oliver – mit der allgemeinen Frage nach Heimat und Diaspora, nach Ankommen und Aufnehmen, nach dem Aufgenommenwerden: „mein erster schwarzwälder ein spanier“ (III, S.6), „provincia universalis könnte ich finden hier“ (VII, S.10).

Dabei webt Christoph W. Bauer handwerklich geschickt Klischeefetzen über die Region ein, um sich diese literarisch anzueignen, und schneidet dabei gleich einmal den zunächst kryptisch anmutenden Titel seiner Gedichtsammlung an: „hol der kuckuck die kirschen vom hut / und die bollen von der torte die uhren / sind getaktet in herzstärkender fremde“ (III, S.6). Herzstärkend mag die Fremde wirken, wenn man sich freundlich und verständnisvoll aufgenommen weiß. Das lyrische Ich wird aber immer wieder auch zurückgeworfen, nicht zuletzt durch die Sprödigkeit der Landschaft: „seh abnoba an sie schweigt / so laut dass es mich friert“ (IV, S.7). Abnoba, die keltische Göttin, eine Entsprechung der römischen Diana, gilt als Personifikation des Schwarzwaldes.

Überhaupt geizt Bauer nicht mit Anspielungen und Parallelen aus der Antike und verknüpft diese auf sehr persönliche Weise mit weitgehend auf das Regionale begrenztem Wissensschatz: „nichts weiss ich von gerwig“, wiederholt das lyrische Ich fast schon gebetsmühlenhaft (VI, S.9). Gehört es zur Allgemeinbildung auch über die Grenzen des Badischen hinaus zu wissen, dass Robert Gerwig, politischer Förderer des lokalen Uhrenmanufakturenwesens im ausgehenden 19. Jahrhundert, vor allem auch der Erbauer der kurvenreichen Schwarzwaldbahn war? „nichts weiss ich von gerwig / nichts sie von acteon“ (ebd.) – der wiederum war ein sagenhafter Jäger und allenfalls dadurch bekannt, dass er Diana nackt beim Baden erwischt haben soll, was er mit dem Leben bezahlte.

Es lohnt sich jedoch, Unbekanntes oder Vergessenes nachzulesen, auch wenn Bauer sich beispielshalber auf das maurische Erbe Spaniens und die „convivencia“ bezieht, die friedliche Koexistenz mehrerer Völker und Religionen zur Zeit der arabischen Besetzung im Mittelalter und auf die Aussage politischer Kreise, dass das Projekt Multikulti in Deutschland endgültig gescheitert sei, wenn er Analogien zwischen „der burg husen“ und „qal' at' ayy?b“, also dem Lebensraum José Olivers und dem Geburtsort des römischen Dichters Martial sucht und auf diese Weise unterschiedlichen Epochen, Regionen und deren soziokulturellen Wirkungsweisen aufeinander nachspürt.

Daneben setzt sich der Autor auch mit der „Fasent“, der Hausacher Spielart der alemannischen Fasnet und ihrer integrativen Funktion auseinander, „über fünfzig nationalitäten seien hier / zuhause“ (XII, S.15), „aneinander gewachsen in jahrzehnten“ (ebd.), „das schaffe einsheit auch abseits / der fasent“ (ebd.). Diese Einlassung Christoph W. Bauers liegt nahe, ist doch José Oliver selbst im Vorstand der Freien Narrenzunft Hausach e.V. und damit quasi lebender Beweis, dass man auch als „Fremdstämmiger“ in örtliche Traditionen hineinwachsen kann.

Und immer wieder spielt natürlich auch die Landschaft des Schwarzwaldes eine tragende Rolle in diesem Gedichtband und wird von Bauer sprachlich anspruchsvoll verarbeitet: „in der architektur der sträucher / hat der wind landungsstege angelegt“ heißt es z.B. in Gedicht VIII, S.11, oder „seh ich im kleinen den wald / und vor bäumen das große nicht mehr“ in Gedicht X, S.13.

So verwebt der Dichter Menschen, Mythen, Politik und Landschaften zu einem kulturgeschichtsträchtigen Stoff, der in die vierzehn Gedichte geteilt ein wiederum Ganzes von nicht selten verschlüsselter, mitunter aber auch anrührend direkter sprachlicher Schönheit entstehen lässt, vor allem dann, wenn sich das lyrische Ich auf sich selbst bezieht: „...und nun / zur wandlung ist der schwarzwald / gebetslang mein kindheitstirol“ (V, S.8).

Christoph W. Bauer ist mit „getaktet in herstärkender fremde“ ein vom Umfang her schmales, von seinem sprachlich-ideellen Gehalt her jedoch fast schon opulent zu nennendes Werk gelungen, dessen freilich nur scheinbare Hermetik zu einer lohnenden lyrischen Entdeckungsreise einlädt.

Marcus Neuert
5. März 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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