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Bodo Plachta: Dichterhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2011.
(= Reclam Taschenbuch 20239).
352 S.; brosch.; EUR (A) 13,40.
ISBN 978-3-15-020239-5.

Orte sind Teil unserer Erinnerungskultur. Alte Städte, Schlachtfelder und Kirchen, aber auch Häuser, in denen berühmte Menschen – Schriftsteller, Komponisten, Maler, Wissenschaftler und Politiker – geboren wurden, gelebt und gearbeitet haben oder gestorben sind, sind solche Orte der Erinnerung, die über ein Gedächtnis verfügen, das über ein Menschenleben hinausreicht und über Generationen gespeichert wird. Die Erinnerungsspuren sind oft komplex und bedürfen der Erklärung und Erläuterung. Oft werden diese Orte mit besonderen Markierungen versehen, zum schützenswerten nationalen Kulturgut erhoben oder sogar als Teil des Weltkulturerbes betrachtet. Bereits seit der Antike wurden die Häuser von Künstlern als besondere Orte betrachtet, weil sich hier die künstlerische Leistung an einem Punkt, dem ,genius loci‘, festmachen ließ. Das Haus des griechischen Lyrikers Pindar in Theben blieb auch hundert Jahre nach dem Tod des Dichters (nach 446 v. Chr.) von Zerstörung verschont. Es stand unter einem besonderen Schutz und hatte damit in der öffentlichen Wahrnehmung einen ähnlichen Stellenwert wie ein Tempel oder ein Palast. Diese Entwicklung setzte sich fort, wenngleich sich die Motive änderten. In der Frühen Neuzeit galt das Haus des italienischen Dichters Francesco Petrarca in Arquà bei Padua bereits 150 Jahre nach seinem Tod (1374) als touristische Attraktion und gehörte zum festen Bestandteil der traditionellen Bildungsreise junger Adeliger durch Europa. Immer häufiger rückten auch materielle Zeugnisse der Dichterbiographie in den Mittelpunkt – vom Schreibtisch bis zur Brille, von der Haarlocke bis zum Nachttopf. In Deutschland setzte der Kult um Dichterhäuser 1847 mit der Einrichtung von Schillers Weimarer Wohnhaus als nationale Gedenkstätte ein. Schon Mitte des 17. Jahrhunderts galt Luthers Wohnhaus in Wittenberg ausdrücklich als Museum. Ab dem 18. Jahrhundert wurden auch Dichtern Denkmäler errichtet. Die Dichterverehrung wurde damit fester Bestandteil im öffentlichen Raum.

Der Germanist und Editionsphilologe Bodo Plachta stellt in seinem neuen Buch 51 Dichterhäuser in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz vor. In seiner kenntnisreichen Einleitung zeichnet er die Entwicklung der literarischen Gedenkstätten in Deutschland nach, von der Musealisierung der Schiller-Häuser in Leipzig-Gohlis (1848) und Marbach (1859), des Gleim-Hauses in Halberstadt (1862), des Goethe-Geburtshauses in Frankfurt (1863) sowie des Lotte-Hauses in Wetzlar (1863) bis hin zur Eröffnung des Goethe-Nationalmuseums (1885/86) und des Goethe- und Schiller-Archivs (1889) in Weimar. Allein im deutschen Sprachraum wurden seitdem über 200 Häuser oder Wohnungen von Schriftstellern durch private oder öffentliche Initiativen als Gedenkstätte oder Museum erhalten. Die Zahl steigt jährlich. Viele Häuser erfüllen – gerade in kleineren Städten oder Regionen, die abseits vom großen Kulturbetrieb liegen – eine wichtige kulturelle und literarische Funktion. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch dadurch, dass viele dieser Dichterhäuser um Museen, Archive, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen ergänzt worden sind. Damit dienen diese Orte auf vielfältige Weise der Literaturvermittlung, indem sie eine Verbindung zwischen der Persönlichkeit des Autors und seinem literarischen Schaffen herstellen. Biographische Umstände, aber auch fehlendes Interesse sind es auch, wenn räumliche Spuren von Dichtern verloren gehen. Bodo Plachta zeigt dies eindrücklich am Beispiel des Flüchtlings Georg Büchner, dessen Wohnungen heute in der Mehrzahl nicht mehr existieren, aber auch am Beispiel vieler schreibender Frauen. Die Häuser, in denen Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Anna Seghers oder Marieluise Fleißer gelebt und gearbeitet haben, sind Ausnahmen. Die Biographien schreibender Frauen und ihre Lebensumstände wurden vielfach marginalisiert.

Dichterhäuser faszinieren nicht nur der Räume und Dinge wegen, die einen Hauch von Authentizität zu vermitteln vermögen, sie sind in manchen Fällen auch eigenständige Kunstwerke. Ihre Bewohner haben hier nicht selten ihr Leben und ihre Lebensweise inszeniert. Dies gilt etwa für das Gleim-Haus in Halberstadt, das sein Bewohner im Geist der Empfindsamkeit als „Freundschaftstempel“ gestaltet hat, aber auch für Goethes Weimarer Wohnung, wo sich Goethe als „öffentliche“ Person inmitten seiner reichhaltigen Sammlungen ein repräsentatives Umfeld schuf. Karl May nutzte die „Villa Shatterhand“ zur Legendenbildung, und Thomas Bernhard bewohnte seinen Ohlsdorfer Bauernhof wie ein Museum zu Lebzeiten. Das Buch versteht das Dichterhaus – so der Autor – als „Eingangsportal“ in die Literatur. Von Achim und Bettina von Arnims Schloß Wiepersdorf bis zum Wolfram von Eschenbach-Museum in Wolframs-Eschenbach reicht die Palette. Die biographischen Essays nehmen die Topographie der Wohnräume und Landschaften auf und verweisen auf literarische Zusammenhänge. Besonders sinnfällig geschieht dies etwa bei Annette von Droste-Hülshoff, die zwischen der Landschaft des Münsterlandes und des Bodensees pendelt. Den sorgfältig gemachten Band komplettieren ein Anmerkungsverzeichnis, Informationen und Anschriften, Literaturhinweise und Abbildungsnachweise sowie ein Register. Insgesamt also eine wichtige und nützliche Publikation, für Forscher/innen wie für Literaturinteressierte.

Ein Postskriptum aus österreichischer Perspektive sei dennoch gestattet: Die Frage der Auswahl der Gedenkstätten ist selbstredend schwierig. Sie gibt immer Anlass für weitere Vorschläge, aber auch für kritische Anmerkungen. Was Österreich betrifft, so finden sich Beiträge zum Bernhard-Hof in Ohlsdorf, zum Stifterhaus in Linz und zur Trakl-Gedenkstätte in Salzburg. Das ist wenig, aber sehr viel mehr als in der 1999 erschienenen Broschüre Literarische Gesellschaften, Literaturmuseen und Literarische Gedenkstätten, herausgegeben im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V. Dort finden sich zu Österreich einzig Hinweise auf die Internationale Lenau-Gesellschaft, die Internationale Robert-Musil-Gesellschaft und die Internationale Nestroy-Gesellschaft. Anmerkungen zu literarischen Gedenkstätten in Österreich fehlen.1 Zu nennen wären hier etwa das Grillparzer-Zimmer im Wien Museum, die Raimund-Gedenkstätte in Gutenstein, das Franz-Michael-Felder-Museum in Schoppernau, das Hofmannsthal-Schlössl in Rodaun, das Musil-Haus in Klagenfurt oder das kürzlich eröffnete Stefan-Zweig-Centre in Salzburg. Die Lektüre beider Bücher macht aber auch deutlich, dass die Pflege literarischer Gedenkstätten in Österreich ein Stiefkind der Kulturpolitik ist. Dies beginnt bei fehlenden Gedenktafeln und endet bei veralteten Ausstellungskonzepten. Viele Initiativen sind auf die (ehrenamtliche) Arbeit literarischer Gesellschaften und engagierter Bürger/innen zurückzuführen. Zu nennen wäre hier etwa das Literaturmuseum Altaussee. Die Errichtung eines österreichischen Literaturmuseums – wie vor Jahren vom Germanisten und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs Wendelin Schmidt-Dengler angeregt - ist ein Desiderat, aber nicht die Lösung aller Probleme. Ein österreichweites Konzept fehlt. Vertreter/innen nicht nur der Politik, sondern auch der Wissenschaft, Kultur und der Wirtschaft wären gefordert.

Ulrike Tanzer
8. März 2012

1 Literarische Gesellschaften, Literaturmuseen und Literarische Gedenkstätten. Namen, Zahlen, Hinweise zu 350 Einrichtungen. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V. hrsg. und bearb. von Christiane Kussin und Alexandra Seitz. Berlin 1999.

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