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Günther Anders: die Zerstörung unserer Zukunft. Ein Lesebuch.

Herausgegeben von Bernhard Lassahn.
Zürich: Diogenes, 2011.
352 Seiten; Broschur; EUR 11,30.
ISBN: 978-3-257-24166-2

Um Günther Anders (1902–1992) wird es – pünktlich zum Doppeljubiläumsjahr – gerade wieder lauter, und man fragt sich, ob man sich darüber freuen soll. Nicht nur ist bei C. H. Beck soeben der Roman Die molussische Katakombe in erweiterter Neuauflage erschienen. Bereits zu Jahresbeginn hat der Verlag die (wie obige) von Gerhard Oberschlick besorgte Ausgabe der sogenannten „Hannah-Dialoge“ veröffentlicht (Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt). Dazu passt nun auch, dass Diogenes das erstmals 1984 erschienene Günther Anders Lesebuch unter dem Titel Die Zerstörung unserer Zukunft neu aufgelegt hat.

Lesebücher mit Querschnitten aus dem Gesamtwerk eines Autors waren gerade in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts besonders en vogue (siehe etwa
Das Doderer-Buch 1976, Albert-Schweitzer-Lesebuch 1984, Das Friedell-Lesebuch 1988) und bargen von ihrer Natur her immer zugleich Chancen und Gefahren in sich: Zum einen bieten solche Bücher die Möglichkeit, einen Autor einem breiteren Publikum vorzustellen oder Lesern den Einstieg in bislang übersehene Œuvre-Teile zu erleichtern. Andererseits aber besteht die Gefahr von Verdeckungen, indem eine schlechte Textauswahl getroffen wird, oder von Verstümmelungen, wenn Textpassagen aus ihren angestammten Gefügen gerissen und diesen entfremdet werden – oder aber unversehens in eine Stellvertreter-Position treten müssen, wo die ausgewählten Werkteile, anstatt eine erweiterte Lektüre anzustoßen, gezielt zur Leseverkürzung herangezogen und im „Reader’s Digest“-Modus konsumiert werden. Die Herausgabe einer Ein-Autor-Anthologie bedeutet also per se eine Gratwanderung, bei der nie sicher sein kann, wieweit dem jeweiligen Schriftsteller mit ihr gedient oder wieweit ihm geschadet wird.

Auch das vorliegende Lesebuch, herausgegeben von Bernhard Lassahn, wandert auf diesem Grat. Es gliedert sich in fünf Kapitel. Mangels einer Einführung in Form eines Vor- oder Nachwortes (schade!) sei empfohlen, mit dem fünften Kapitel, „Gespräch mit Günther Anders“, zu beginnen. Das wiederabgedruckte Interview von Matthias Greffrath aus dem Jahr 1979 bietet sowohl einen soliden Einstieg in die Gedankenwelt von Anders, als auch einen ganz brauchbaren Überblick über dessen Werk und Leben – und ist darüber hinaus gut zu lesen (von manchem etwas behäbigen Satzungetüm aus Interviewer-Munde abgesehen). Deutlich und ebenso erklärlich wird darin die lebenslange Zwitterstellung Anders
zwischen Philosophie und Literatur, aber auch die biographisch begründete Gliederung seines Schaffens in thematisch bestimmte Phasen, namentlich die Beschäftigung mit dem Krieg und dem Nationalsozialismus ab den frühen 1930er Jahren und später die beharrliche kritische Auseinandersetzung mit der atomaren Bedrohung und der technisierten Welt.

Die Textauswahl des Bandes bestätigt zunächst sowohl diese inhaltliche Breite als auch das formale Changieren; sie zeigt jedoch einen deutlichen Überhang zur Technikphilosophie und damit zu jenem Bereich, der in der öffentlichen Wahrnehmung des Autors (vielleicht mit Recht) vorherrschend geworden ist. Diese Gewichtung hat die Neuauflage mit der Ausgabe von 1984 gemein, zumal sie vom Textbestand her mit dieser vollkommen identisch ist – einzig die im Anhang zu findende Auswahlbibliographie wurde für den Neudruck erweitert. Die Schwerpunktsetzung wird aber in der Aufmachung des Buches noch unterstrichen: durch den geänderten Titel, das apokalyptische Coverfoto (Atompilz) wie den Umschlagtext, in den auch das Weltgeschehen des vergangenen Jahres noch hineinreklamiert wurde: „Die Ereignisse von Tschernobyl und Fukushima, die Risiken maroder atomarer Anlagen auf der ganzen Welt zeigen auf erschreckende Weise, daß seine [=Anders
] Worte aktueller denn je sind, daß wir im Begriff sind, die Gewalt über unsere eigenen Werkzeuge zu verlieren – die Maschine den Menschen beherrscht.“ Damit sind wir bei der eingangs aufgeworfenen Frage nach der Freude um die zu beobachtende Anders-Renaissance angelangt: Es wäre erfreulich, wenn dieser Autor keineswegs mehr aktuell wäre. Es ist aber dringend zu begrüßen, wenn die Texte dieses vielleicht schärfsten, vielleicht unbequemsten Kritikers des Atom-Zeitalters Verbreitung finden, solange die Verhältnisse gegeben sind, denen er die zweite Hälfte seines Lebens geopfert hat. Und diese Verhältnisse dürften wohl noch länger gegeben sein (und wir müssen selbst darüber schon froh sein – würde Anders hier vielleicht hinzugefügt haben –, da es immerhin die Noch-Existenz der Welt voraussetzt).

Das erste Kapitel ist ausschließlich dieser zweiten Lebensphase zugewendet und schöpft aus dem philosophischen Hauptwerk,
Die Antiquiertheit des Menschen (1956, zweiter Band 1980), sowie aus Die atomare Drohung (1981), aus denen insgesamt sechs Textabschnitte vorgestellt werden. Womit des Rezensenten Bedenken gegen Lesebücher schlagend werden: Die Kompilation könnte glücklicher sein. Der Text „Über prometheische Scham“, der den Band eröffnet, ist nicht gerade Anders plausibelster, und „Das Phantom“ gibt einen nur recht dürren Eindruck von seiner beachtlichen (und bemerkenswert frühen) Kritik am Fernsehen. Dafür bieten die übrigen vier Texte ein einigermaßen breites Bild von der Luzidität seiner philosophischen Beschäftigung mit Technik und Atombombe. Müßig wäre es, hier einmal mehr den sicheren Stil und die hohe Verständlichkeit zu loben. Hingegen ist die Irreführung durch die Kapitelüberschrift „Gelegenheitsphilosophie“ festzustellen, die ein merkwürdiges Bild von Unverbindlichkeit weckt, das der Bedingungslosigkeit dieses Denkers diametral entgegensteht. Sie widerspricht im Wortsinn auch Anders eigener Erfahrung, wonach die zeithistorischen Umstände ihm gar keine Wahl gelassen hätten, als sich philosophierend seiner Hauptthemen anzunehmen, auch wenn er lieber anderes getan hätte: „Wenn atomare Sprengköpfe lagern, kann man sich nicht damit aufhalten, die Nikomachische Ethik zu deuten.“ (S. 319) Richtiger als „Gelegenheitsphilosophie“ wäre also eigentlich „Zwangsphilosophie“. Freilich, der Begriff ist vom Autor selbst gewählt und wird in der Einleitung zur Antiquiertheit des Menschen diskutiert. Gemeint ist damit, dass konkrete Phänomene der aktuellen Wirklichkeit zum Ausgang des Philosophierens genommen werden (und nicht etwa Werke der Philosophiegeschichte).
Die Ruhelosigkeit, die den streitbaren Moralisten Anders beim Verfolgen der Pulsstörungen der Zeit antrieb, zeigt das recht heterogene, chronologisch geordnete vierte Kapitel, „Tagebücher, Briefe“, das thematisch gemischt ist. Versammelt sind hier Dokumente aus dem Exil („Leichenwäscher der Geschichte, Los Angeles 1941“, „Lieben gestern, New York 1948“) und aus der Zeit der Rückkehr nach Europa („Wiedersehen und Vergessen, Wien 1950“), Tagebucheintragungen aus Hiroshima und Nagasaki (1958), Teile des aufsehenerregenden Briefwechsels mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly (1959), schließlich Passagen aus der Kampfschrift
Visit beautiful Vietnam (1968), die Reflexion „Mein Judentum“ (1978) sowie Texte aus den 1982 erschienenen Ketzereien, die eine Art praktische Schule des Nonkonformismus vorstellen könnten.
Das zweite und dritte Kapitel schließlich bieten im engsten Sinne Literarisches: zwölf Fabeln aus dem Buch
Der Blick vom Turm (1968), die teilweise auch in Anthologien reüssierten, bzw. die in der Emigration entstandene und preisgekrönte Geschichte „Der Hungermarsch“ (erst 1978 bei Suhrkamp erschienen).

Aus der Publikationsgeschichte des Autors und dem Umstand, dass die vorliegende Neuauflage deckungsgleich die Erstausgabe wiedergibt, resultiert der eigentliche Mangel des Buches: Der große Roman
Die molussische Katakombe, der sich mit den psychologischen Bedingungen des Nationalsozialismus auseinandersetzt, konnte erst – sechzig Jahre nach seiner Entstehung – im Todesjahr des Autors veröffentlicht werden. Nach Textproben daraus sucht man in diesem Anders-Lesebuch vergebens.

Stefan Winterstein
12. März 2012

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