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Lisa Spalt: Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand.

Wien: Czernin Verlag, 2010.
166 S.; geb.; Euro 19,80.
ISBN 978-3-7076-0327-9.

Leseprobe

Florilegium für Fortgeschrittene

Was nah liegt, erkennt man eher von fern, oder, mit einem Jandl/Mayröcker-Titel: Aus der Fremde. Erkennen fußt auf irritierter Wahrnehmung und hieraus resultierenden Fragen – kein freier Geist, der das Prinzip nicht nutzt. Trotzdem versuchen nur mehr wenige Prosa-AutorInnen, die Fremde, die die Gegenwart ist, auch formal – in der Art, wie sie ihre „Schrift“ in oder gegen „die Welt“ (bzw. die diese vertretende „Umgangssprache“) stellen – zum Thema zu machen, d.h. sogenannt „sperrige“ Bücher zu schreiben, die sich raschem Konsum widersetzen und als ästhetisches Erlebnis rundum beglücken. In diesem Sinn hartnäckige Literaturliebhaber können da nur auf Ausnahmen hoffen – wie Lisa Spalts „Blüten“: Sprachkunst, der es gelingt, den brachliegenden Raum unter unseren Schädeldecken blitzartig zu erleuchten. Unter wahrscheinlich einer Bedingung: langsam lesen! Ja, am besten, wie Nietzsche es forderte: „rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken und offengelassenen Türen“, ähnlich umfassend, wie ein solches Werk erdacht, recherchiert, geschrieben, montiert und illustriert worden sein mag.

Dass hier der pastellfarbne Titel „Blüten“ ein Leichtgewicht allenfalls vorgaukelt, weiß, wer die Arbeit der 1970 in Vorarlberg geborenen, für ihre Originalität und Stringenz bekannten Autorin kennt. Verfasst im typisch Spalt’schen Tonfall – eindringlich, witzig-spöttisch, ein wenig verschroben, hochintelligent, sprach- wie selbstrefexiv, in poetischer Dichte – lässt sich hier erfahren, was herauskommt, wenn eine passionierte Wort- und Satzsammlerin ausschweift und Texte verschiedenster Sparten, Pseudo- und Nicht-Sparten, wie Geistes- und Populärwissenschaft, Popkultur, Werbung, Journalismus, Zoologie, Botanik, Trash ... durchstreift, um ihre Fundstücke bzw. mots trouvés spielerisch, neu und überraschend zusammenzusetzen, bis sich so noch nie Gelesenes ergibt.
Das Spannende ist, dass man meint, ihr bei diesem Prozess zuzusehen – d.h. beim konzentrierten Denken und Formulieren, beim Versuch „wahre Sätze“ zu finden (inklusive der Tücken, Schrägen und Brechungen des sogenannt „Wahren“). Und dass man die auch in der Literatur recht selten gesäte Lust am Denken spürt, die diese Autorin antreibt:
So sind die duftigen „Blüten“ nicht nur unterhaltsam, sondern auch ein harter Brocken philosophietauglicher Literatur, die, by the way, in der Sprache nichts weniger aushebeln will als das Tatsächliche, nichts Geringeres bloßstellen als die Unzulänglichkeit der Kategorien, mit deren Hilfe wir „Welt“ definieren: Natur, Kultur, Kunst, Technik, Tier, Mensch, Leben, Tod usw. ... – grundlegende Begriffe, ja, fundamental, wo der Mensch (abendländischer Prägung) sein Dasein denkend und sprechend ordnet und legitimiert. Aber auch ambivalente, oft dubiose „Oberbegriffe“, die als Instrumente des Erkennens zwar unerlässlich sind, doch anderseits verallgemeinern, Unerkanntes, Tabuisiertes kaschieren. Naturgemäß (sic!) nimmt ihre Unschärfe zu, je schneller die Welt sich dreht, in Fachsprachen wie in feinmaschige Netze sich einspinnt, komplexer wird, komplizierter, und, ja, fremd. Dass unsre Rede über sie alt aussieht, kann kein Neologismus verbergen; empfundene Diagnose: Antiquiertheit des Menschen hoch zehn, Auseinanderklaffen von Sprache und Welt. Wie dem anders beikommen als auf dem freien Feld der Literatur?

Lisa Spalts „Blüten“-Prosa denkt im Grunde über den aktuellen Gebrauch von Sprache nach und operiert mit allem, was nottut – Metapher, Anagramm, Assonanz, Kalauer, Zitat, Oxymoron, Stereotyp usw. –, um einer verrückten, d.h. zunehmend artifiziellen, technikkontrollierten und zugleich außer Rand und Band geratenden Gegenwart Paroli zu bieten. Da „sprachreflexiv“ auch „selbstreflexiv“ bedeutet, wird der Text selbst etwas Verrücktes (lexicophagus sapiens sapiens?), eine Art babylonischer Turm, der, spiegelbehängt, zugleich Perpetuum mobile wäre, mit Autorinnen-Ich im Cockpit. – Und das Ganze fährt los im Zeichen der Tulpe:
Denn das Motiv der oder die oder des, wie man im Barock sagte: „tulipan“, d.h. der Tulpe, durchzieht – samt Zwiebel, Blüte, Stengel und Stempel – als roter Faden, mal deutlich sichtbar, mal verdeckt oder absichtlich zerfasert, auswurzelnd quasi, das Buch – es bündelt und bricht die umfassende Thematik. Zugleich ist es selbst aus vielfältigsten Perspektiven betrachtet und verwandelt (was auch für das Wort gilt, das Lisa Spalt mal zur Lupe changiert, mal zur Nulpe etc., oder andern zum „Tulpenorakel“, zu „Jesus von den Tulpen“ etc. verbindet). Und ehe jemand fragen könnte, warum gerade die schlichte Blume aus dem Hollandmarkt, ist die Fährte aufgenommen:
Gleich im Anfangskapitel bzw. -artikel, Thema „Relevanz“, fasst eine Fußnote die, wie es dort heißt, von „Verkehrungen und Verwechslungen“ geprägte Historie der Tulpe zusammen – und erklärt damit, warum besonders sie sich eignet, Kategorien zu sprengen. Wir erfahren u.a. von der „Tulpenmanie“ im 17. Jahrhundert, als die beliebte Blume in Holland zum Gegenstand von Spekulationen wurde; 1635 nahm fast die gesamte Bevölkerung am Handel mit Tulpenzwiebeln teil, jeder hoffte, sein Glück zu machen, mancher überschrieb sein Haus für drei Tulpenzwiebeln ... zwei Jahre später blieben nach Platzen der Spekulationsblase eine Menge ruinierter Bürger, Handwerker, Tagelöhner zurück; Armut, Ernüchterung, Katzenjammer. Und die Tulpe – eine Pflanze – ist seither auch ein Symbol für die destruktive Seite des Kapitalismus, u.a. für ökonomische Krisen, hervorgerufen durch einen überhitzten, realitätsfernen Börsenmarkt, um nicht zu sagen eine überbordende, die Sinne vernebelnde Geldgier.

Die spektakuläre Tulpenmanie ist ein Aspekt, weshalb Lisa Spalt – wie bereits vor ihr in einem kurzen, gänzlich anders gearteten Text („Die Tulpenfresserin“) Petra Coronato (alias tongue tongue Hongkong) als ein/e Autor/in unter anderen – gerade das Tulpenmotiv in ein Buch integriert, wie es aktueller kaum vorstellbar ist. Das Phänomen Tulpe – übrigens auch optisch in Form elf feiner Zeichnungen der Autorin im Text präsent und zwitterhaft in andere „Begriffsfelder“ verxierend (Oktopus, Frisur, Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ u.a.) – kann, je nach Lesart, für die kapitalistische Optik stehen, die (parallel zur Auflösung jedes Bildes in Pixel) alles Existierende nach Geldwert taxiert. Und für eine „künstliche“ Ästhetik: wenn das Mosaikvirus zur Sprache kommt – eine Krankheit, durch die die Tulpenblüten sich ungewöhnlich verfärben (die Autorin nennt es: Stottern der Farbe), was im 17. Jahrhundert ihren Handelspreis in die Höhe trieb. Und für die „Verwechslungen und Verkehrungen“ des Lebens, der Begriffe. Etwa in der Liebe (S. 127): „Jene Frau, rückhaltlos der TULPE DES MANNES zuneigend, würde diesen inspirieren, ihr Erregungsvermögen in direkter Proportionalität zur Schönheit der Tulpen sehen. Bekanntlich würde bereits in der herbstlich ruhenden Zwiebel der Embryo der Frühlingstulpe von einem Bein aufs andere hüpfen. Der Mann schlösse derart logisch auf die prophetische Kraft der Zwiebeln in Bezug auf seine potentiellen erotischen Zukünfte. (...) Das Los fiele auf ... (Guillotine).“ Oder im Tod, S. 44: „Der Knochenmann, der aus dem Lebewesen herausträte, erwiese sich an den Krustentieren als Popanz. Man müsste Dalís Beobachtung aufgreifen, dass diese ihre Skelette klugerweise außen zu tragen pflegten. Der Tod träte als Hohlheit in deren Skelett hinein; oder aber er fräße bei uns das Fleisch heraus aus dem Bratspießchensystem seiner selbst; eine Knochenflöte, die sich mit dem Wind vereinigen dürfte.“ Den Bogen zur Tulpe schafft die Autorin übrigens elegant mit dem nächsten Hinweis auf Erde, bzw. Humus, zu dem man werde, um gleich die Vision einer „verbeamteten“ Hölle ins Spiel zu bringen …

Im stupenden Tulpenkaleidoskop Lisa Spalts ist Platz für ein ganzes, erstaunliches Panorama, zwischen Himmel und Hölle, Trivialem und Erhabenem, Mensch und Avatar, um nur einige Orientierungspunkte zu nennen. Schräge Parallelen, wie die zwischen „Michael-Jackson-Trauerhysterie“ und Tulpenmanie eröffnen darin ungeahnte Horizonte. Kaum eine Instanz in der „Realität“, die im Spalt’schen Blüten-Universum nicht aufträte: Gott, Jeanne Moreau oder „Second life“, die Umweltverschmutzung ... – Und wie passt das auf 160 Seiten?
In Miniaturen, klar konzipiert: 71 Artikel zu einzelnen Stichwörtern, samt Anmerkungen und Querverweisen – was an ein Lexikon erinnert. Dem widerspricht allerdings nicht nur der vorherrschende Konjunktiv (s.u.) und das immer wiederkehrende „Ich“, das sein Wort an Leser richtet; es gibt auch keine transparente, systematische Ordnung. Alphabetisch gelistet findet man die Stichwörter nur im Register, von „Arbeit des szientistischen Schlitzers“ über „Den gedanklichen Gummi“, „Streng-Überich und Funky-Es“ bis hin zu „Zukunft“ und „Zunge“. Was dieses, als quasi abschließende Aussichtsplattform von A-Z, bei der Lektüre fast unentbehrlich macht:
Die „Blüten“ lösen ihren Untertitel „Ein Gebrauchsgegenstand“ völlig ein, entpuppen sich als veritables Nachschlag- bzw. Blätterwerk: Querverweise, oft mehrere in einem Kapitel (bzw. dessen angehängten, nummerierten Anmerkungen), werden zu Wegweisern durch ein potentiell endloses Textlabyrinth, animieren zum Vor- und Zurückblättern. Veranlassen also, aktiv zu werden und die (Lese-)Gewohnheit, beständig im Zeilenfluss weiterzuschwimmen, von der ersten bis zur letzten Seite, aufzugeben – man muss sozusagen aus dem Wasser steigen, am Ufer ein paar Schritte gehen, das Wasser von oben betrachten, den Himmel, wie er gespiegelt würde, und, wo man will, erneut hineinspringen ... Und das ohne Ende: Der letzte Artikel, Stichwort „Glossar“, schließt mit den Worten: „Gehen Sie zum Artikel -> Tausch der definierenden Glieder“ – worauf man auf Seite 82 f. landet und fünf neue Tipps fürs Weiterlesen findet: „-> Streng-Überich und Funky-Es“, „-> Die Absicht“, „-> Orkus“, „-> in Form einer epischen Rotation“, „-> Talisman“.

Assoziieren kann, wer will, jetzt das Internet, wo das Anklicken von links den Text unterbricht und man hin und her springt, beim Lesen zappt.
Neu scheint, dass eine Autorin ihr Buch dieser Angewohnheit nicht passiv ausliefert, sondern den Spieß umkehrt. Zur Tradition in Buchform: Ein berühmtes Beispiel „interaktiver“ Literatur wäre Julio Cortazars Roman „Rayuela“ oder, in Österreich, Andreas Okopenkos „Lexikonroman“. Auch hier konstruieren Leser den Ablauf einer Geschichte aus angebotenen „Text-Bauelementen“ oder -modulen teils selbst; der Autor legt quasi verschiedene Stücke seines roten Fadens aus, zusammenzusetzen ad libitum ...
Lisa Spalt, die nicht „erzählt“, gäbe uns, um bei der Metapher zu bleiben, dagegen eine Schaltfläche in die Hand, mit optischem Zugang zu einer Vielzahl möglicher Fäden. Man könnte die Reihenfolge der durch Verweise fein verästelten/vernetzten „Blüten“-Artikel stets variieren. Bildlich: als immer wieder anderes Muster lesen, das multiperspektivisch, palimpsestisch erscheint. Oder sollte man sagen „erschiene“? Immerhin ist der Konjunktiv hier ein grammatischer Hauptdarsteller – und wird, entsprechend der ausgeprägten Selbstreflexivität des Textes, in einer Fußnote wunderbar definiert: „Der Konjunktiv: Zeitform, welche die Bühne des kindlichen Spiels absteckte: Sagen wir, du wärst ... ich wäre ... Man würde ETWAS behaupten, indem man auf den Knopf zeigte, auf den man drücken müsste, um es auszulöschen.“
Der Konjunktiv, als „Irrealis“ und grammatischer Modus des Indirekten ist, Pardon, wäre, quasi das Idiom für utopische Entwürfe und Hypothesen. Und eine Utopie – auf Deutsch: ein Nirgendwo-Ort – wäre auch die Gegenwart in unserem Sprechen von ihr; strenggenommen bleibt jede Aussage, jedes Wissen über unsere Welt wohl Annahme. Indem Lisa Spalt die vorgespiegelten Tatsachen in den Konjunktiv versetzt, rückt sie also nicht wenig zurecht. Und das wäre, falls man bewerten wollte, ein weiteres kluges Detail, welches dafür spräche, dieses Buch unbedingt zu lesen, sei es etappenweise, um auf tulpengesäumten Zeilen einer Auorin zu folgen, die im Netz ihrer Sätze die Gegenwart einfinge und sie zerlegte – falls es die gäbe. Wär die Vokabel nicht längst abgegriffen, würde ich, zwischen zwei Bravorufen, „radikal“ sagen, applaudieren und nicken. Liebe Selbstdenker: Gehen Sie zur nächsten Buchhandlung -> kaufen Sie den Gebrauchsgegenstand! Garantiere: Das Ablaufdatum liegt in ferner Zukunft, gewiss, d.h. quasi ein Dauerblüher…

Birgit Schwaner
13. März 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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