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Vladimir Vertlib: Schimons Schweigen.

Roman.
Wien: Deuticke, 2012.
272 Seiten; Euro 20,50
ISBN: 978-3-552-06184-2.

Link zur Leseprobe

Der Roman leistet eine originelle Verschmelzung von Fiktion und Fakten, da der Erzähler in der Rahmenhandlung ein Autor auf Lesereise durch Israel ist, der aus seinem eben in Entstehung begriffenen Manuskript „Schimons Schweigen“ liest, das wiederum markante Verweise auf Vertlibs Biografie beinhaltet. In ihrer Intention ist diese Konstruktion fast mit jener des großen Magiers Vladimir, dem Namensvetter Vertlibs, vergleichbar, der im „Wahren Leben des Sebastian Knight“ einen gewitzten Schabernack mit jenen Kritikern treibt, die meinen, sie müssten von jeder Zeile die Maske des schreibenden Menschen dahinter herunterreißen; leider müssen Vladimir Vertlibs alter ego und vielleicht auch Vladimir Vertlib selbst Nabokov noch entdecken, der an einer Stelle eher geringschätzend erwähnt wird.
Aber ich lasse die verletzte Stelle des Nabokovianers bluten mit all meiner Gewissheit, dass sie rasch verheilt, und kümmere mich wieder um Schimon und sein Schweigen: Es handelt sich also um mehr als eine Fact & Fiction-Angelegenheit, es ist wie eine Fact-in-Fiction-in-Fiction-Konstruktion oder eine Geschichte über die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Das Schweigen Schimons wird am Ende des Romans zu Grabe getragen. Mit der Aufklärung enthüllt sich eine dreißigjährige Kommunikationslosigkeit zwischen den einstigen Seelenverwandten Schimon und dem Vater des erzählenden Autors. Dieser erzählt in einer Art Annäherung an dieses Geheimnis die Geschichte seiner Familie als fortwährende Emigration, die schließlich in Österreich ihr (vorläufiges) Ende gefunden hat. Vor dem heutigen Israel tauchen die ersten Lebensstationen Vertlibs von seiner Geburtsstadt Leningrad, dem Israel der frühen bis zu den USA der späten 70er Jahre auf. Der Grund des Schweigens sei hier nicht enträtselt, allein dass es mit den politischen Bedingungen der Sowjetunion zu tun hat, sei erwähnt.

Es ist leicht den Text als vergebliche Heimatsuche zu lesen, deren Protagonisten, allen voran der Ich-Erzähler, an keinem Ort eine tiefgehende Verbundenheit zu entwickeln verstehen. Manchmal sind es kränkende Schulerlebnisse, die der Erzähler nicht zu verwinden scheint, dann die Erfahrung, aufgrund von Versicherungslosigkeit Bauchschmerzen kaschieren zu müssen, um den Eltern keine zusätzlichen Sorgen zu bereiten. Latenter oder offener Antisemitismus tun das ihre. Spannender noch ist vielleicht die Perspektive, dass dies vor allem ein Text von Söhnen und Vätern ist, ein Generationsroman, der per definitionem nur Verständnislosigkeit beinhalten kann. Geradezu versöhnlich ist da die dramaturgische Entscheidung am Schluss, zumindest ein Geheimnis dem Schweigen zu entreißen und den verstorbenen Vater, der zuweilen überaus starrköpfig ist, und dem der erzählende Autor gewissermaßen hilflos hinterher lebt, zwar vielleicht nicht besser zu verstehen, aber immerhin näher kennen zu lernen – ein Brückenschlag am Ende und über den Tod hinaus. Schimons Schweigen ist gebrochen, zumindest das Schweigen in Bezug auf seinen Vater; Schimon hat zuvor schon einige Male sein besonderes Talent für schlechte Witze bewiesen, die zu erzählen ihm offenbar umso mehr Freude bereitet, je mehr die Zuhörenden sich über deren Humorlosigkeit beklagen. Aber schließlich hatte er selbst oft nichts zu lachen, dann taugen auch blöde Witze für eine kurze Erhebung des Gemüts.

Eine Schwäche des Textes sind die zuweilen langatmig geratenen Passagen, denen es an ironischen Spitzen mangelt und in denen ein selbstgefälliger Ton den Erzählduktus dominiert. Das betrifft beispielsweise die Schilderung einer Studentenberatung, oder wenn der Erzähler larmoyant über seine Passivität und verpasste Gelegenheiten zur Zivilcourage klagt.
Dass der Text jedoch auch recht ironisch ist, beweist etwa diese Stelle: „Auf keinen Fall wollte ich unter Vollnarkose operiert werden. Man hörte immer wieder von Menschen, die aus der Narkose nicht mehr erwacht waren. Sie haben ihren eigenen Tod verschlafen.“ (S. 69) Besonders reizvoll nicht nur für Eingeweihte ist die Schilderung einer Lesung im Rahmen des österreichischen Kulturforums in Tel Aviv, wo ein launiger Moderator den Autor interviewt.
Andere Passagen wiederum in Zusammenhang mit Erinnerung und Schreiben veranschaulichen gekonnt tägliche Aufgabestellungen für Schreibende: „Wenn ich aus meiner Erinnerung schöpfe wie Wasser aus einem Brunnen, muss ich auf festem Grund stehen, auf dass ich nicht ausrutsche und vom schweren Eimer in die Tiefe gezogen werde“, verrät der Schriftsteller, nachdem er bekennt, dass keine der Szenen, die in seinen Büchern in Wien spielen, jemals in Wien geschrieben wurde. (S. 212)
Etliche Spannungspunkte des Romans, die im Rahmen dieser Lesereise zutage treten, können als politische Dokumentation des Nahostkonflikts stehen und verständlich machen, dass das heutige Israel leider nur eine mangelhafte Realisierung der einst euphorisch verfolgten Idee eines jüdischen Staates ist.

Alexander Peer
27. März 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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