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Franzobel: Der Schwalbenkönig.

oder Die kleine Kunst der Fußball-Exerzitien.
Klagenfurt, Wien: Ritter Verlag, 2006.
165 S.; geb.; Eur 19,90.
ISBN 3-85415-386-4.

Link zur Leseprobe

Der seit seiner Jugendzeit vom Fußball geprägte Hobbyfußballer und Rapid- und FC Kaiserslautern-Anhänger Franzobel versammelt in diesem Bändchen Kurzprosa, Zitate und Lyrik zum momentan alles überrollenden Thema Fußball.

Aber was ist Fußball eigentlich? Ein Nichts, eine Religion, Meditation, Kriegsersatz, eine Vorbereitung auf den Tod? Der Autor verwendet, wie er selbst in einem Falter-Interview erläuterte, den Fußball als "Katalysator und Metaphernreservoir" (S. 163), um eine Alltagsphilosophie zu entwickeln, die über das Sportliche hinausgeht.

Er erklärt die Anfänge des Fußballs, welcher angeblich aus einem Spiel der Mayas entstanden ist, bei dem ein Baumharzball durch einen Ring geschossen werden musste und die Sieger im Anschluss an das Spiel den Göttern geopfert wurden. (Zumindest hätten die österreichischen Spieler damals die besten Überlebenschancen gehabt!)
Eine "Knödeltheorie" versucht den Zusammenhang zwischen Ernährung und sportlicher Orientierung herzustellen, welche an der Form des jeweiligen Gerichts festgemacht wird.
Derartige absurde Einfälle, Wortspiele, bildliche Vergleiche und Namensklamauk regen auch oder gerade Fußballlaien zum Schmunzeln an.

Unermüdlich werden Alternativstrategien für die von Niederlagen gebeutelte österreichische Nationalelf präsentiert. Heiratspolitik, Schafsmasken, Verwirrtaktiken oder das Bilden eines Kreises um den ballführenden Spieler scheinen die einzigen Mittel zu sein um einen Sieg der Österreicher herbeiführen zu können. Möglich wäre natürlich auch, wie der Autor anregt, Mücken zum Blutdoping zu dressieren, welche das frische Blut brasilianischer Spieler in die Adern lahmarschiger Austro-Fußballer spritzen sollen. Die aberwitzigsten Ideen präsentiert Franzobel den LeserInnen in einem wahren Gag-Feuerwerk.

Auch auf die Dopingkontrolleure und das schwere Los der Dienst habenden Polizisten vergisst der Autor nicht. Schwer ist das Schicksal dieser Wachorgane, welche stets mit dem Rücken zum Spielgeschehen "durch die Hölle gehen müssen". Die Hölle ist in diesem Fall der Umstand, bei einem Fußballmatch anwesend sein, es aber nicht mitverfolgen zu dürfen. Zwischendurch macht Franzobel immer wieder gedankliche Abstecher nach Südamerika, dem Kontinent der unbegrenzten Fußballeuphorie, erzählt Erlebnisse aus Argentinien, dem Heimatland seiner Frau, welches aufgrund seiner guten Luft ("Buenos Aires") die besten Fußballer hervorbringt, was Österreich trotz "Vindo bona" nicht glücken will.

Franzobel versucht zu erläutern, warum Fußballerinnen auf ihrer "burlesken Kleidung" bestehen und Rapid für ihn wie Van Gogh und Wurstbrot ist, warum die Mexikaner Stromstöße verkaufen und die Bayern so unsympathisch sind.

Trotz des humoristischen Grundtenors wird es manchmal auch ernst. Hinter der Verarschung steckt handfeste Kritik an den Millionenpreisen für einzelne Spieler, welche mit dem Armutsschicksal vieler (nicht nur südamerikanischer) Fußball-Fans kontrastiert werden. Viele Texte gehen von ernsthaften Themen wie dem Irak-Krieg aus, um schließlich wieder zum Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen zurückzukehren.

Franzobels Buch ist ein buntes Sammelsurium an Anekdoten, ausgeschmückten, übertriebenen und ins absurde gesteigerten Geschichten, Pseudo- und echten Zitaten, Schüttelreimen, haarsträubenden Vergleichen und Theorien, welche allesamt um das Phänomen Fußball kreisen.
Fragt sich nur, wer das alles lesen soll und wozu?
Haben Fans im Trubel einer WM überhaupt die Muße, sich lesenderweise mit Fußball zu beschäftigen? Kann das Buch zur Nachbereitung dramatischer Fußballerlebnisse dienen?

"Der Schwalbenkönig" ist wohl eher Lektüre für weniger Begeisterte und "Fußballwitwen", deren Männer sich während der WM in grölende, unansprechbare Nervenbündel verwandeln. Für diese Zielgruppe ist das Büchlein bestens geeignet, um dem Ballsport eine humoristische Seite abzugewinnen und nebenbei auch einiges über die männliche Sportbegeisterung zu erfahren. Franzobels "Fußball-Märchenbuch" spart zum Glück mit Fachchinesisch, Tabellen und Insiderwissen und gibt auch FernsehsportverweigerInnen das Gefühl mitreden und mitlachen zu können.
Allseits bekannte Fußballikonen wie Beckenbauer, Beckham, Krankl und Prohaska werden von ihrem Sockel gehoben, müssen kindische Wortwitze über sich ergehen lassen und finden ihre Namen in skurrilen Balladen wieder.

Und warum interessieren sich Schriftsteller für die Literarisierung von Fußball? "Weil das etwas ist worüber man sich echauffieren darf, ohne sich gleich wirklich zu entäußern, weil man bei Fußball über etwas reden kann, auch wenn man nichts zu sagen hat." (S. 118)

 

Astrid Reupichler
20. Juni 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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