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Walter Fanta, Bernadette Sonnenbichler: Ulrich und Agathe im Kino.

Update Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften".
Drehbuchversion in radikaler Kurzfassung.
Wien: Sonderzahl, 2005.
160 S. ; brosch.; Eur 16,-.
ISBN 3-85449-231-6.

Link zur Leseprobe

Bei der Lektüre der wesentlichen Neuerscheinungen fällt ein spezielles Interesse für Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" auf. Die junge hochgelobte Autorin Juli Zeh etwa integriert ihn in ihren Roman "Spieltriebe" und Walter Fanta hat nun eigens eine Drehbuchvorlage geliefert.

Fanta ist Literaturwissenschaftler und gilt als der Musil-Kenner schlechthin. Seit 1987 arbeitet er am Nachlass, ist Mitherausgeber der kommentierten digitalen Musil-Gesamtausgabe und kennt die über 6.000 Manuskriptseiten, die der Nachlass beherbergt, wie kein anderer.
Dieses Wissen hat er nun in eine dramatische Version eines der gewaltigsten Romane der Weltliteratur einfließen lassen. Gemeinsam mit der jungen Regisseurin Bernadette Sonnenbichler hat er ein "Update" entwickelt, das ca. ein Zehntel seiner Vorlage fasst.
Durch diese radikale Reduzierung entwickelt sich ein unglaubliches Tempo; Hunderte an Einzelszenen schieben sich ineinander und nehmen filmische Schnitte vorweg. Leider erschweren sie auch das Verständnis, und ohne vorherige Lektüre des Romans sind die Zusammenhänge nicht immer nachvollziehbar.

35. Sie tun es (sehr schnelle Bilderfolge)
35.1. Straße. Nacht. Die Fenster der Villa Tuzzi von draußen. Lautstarker Walzer. Im Salon zitternde Kronleuchter.
35.2. Gang. Halberleuchtet. Walzer im Hintergrund. Rachel und Soliman laufen.
35.3. Salon. Walzer laut. Diotima auf den General zu. Dieser erhebt sich.
35.4. Diotimas Schlafzimmer. Walzer leise. Rachel und Soliman atemlos.
35.5. Salon. Walzer laut. Diotima tanzt mit Stumm.
35.6. Fischel im Lehnstuhl vor dem TV. Dunkles Zimmer.
35.7. Salon. Walzer laut. Gäste applaudieren.
35.8. Fischels TV.
Meseritscher: ... Eine genau vom Kehlkopf bis zum Genick reichende Halswunde, zwei Stichwunden in der Brust, zwei Stiche in der linken Seite des Rückens, abgeschnittene Brüste, die man fast abheben konnte. Am Hals Würgspuren...
35.9. Schlafzimmer. Walzer leise. Soliman wirft Rachel aufs Bett.
35.10. Salon. Stille. Arnheim und Diotima. Diotima setzt an, etwas zu sagen, das Wort bleibt ihr im Mund stecken. Arnheim wendet die Augen von Diotima, ein Zucken geht durch ihn. (S. 55)

Der Verlag hat die Bearbeitung nicht umsonst als Spielfilm-Thriller angekündigt, extrem schnelle Bilderfolgen und die Konzentration des Blicks auf die Beziehungen (vor allem auch die politischen Machenschaften) gelingen. Überraschend gut funktioniert auch der Transfer ins Heute: Aus Arnheim etwa - bei Musil stand der deutsche Politiker und Schriftsteller Walter Rathenau dafür Vorbild - haben die AutorInnen einen amerikanischen Rüstungsmanager gemacht, aus General Stumm einen europäischen Friedensfanatiker oder aus dem wahnsinnigen Prostituiertenmörder Moosbrugger den Serienmörder Moo aus Tschutschuschien, den die Abschiebung ins Heimatland erwartet. Musils Kakanienbewohner mit ihrer Diktion der Macht sind bei Fanta/Sonnenbichler moderne EU-Bürger mit den heutigen Phrasen einer globalisierten Wirtschaftspolitik.

Überraschend ist die Wahl der dramatischen Form für dieses Update. Durch die Entkoppelung der Romanordnung wird die behauptete Handlung keineswegs besser sichtbar. Auch verliert die Bearbeitung die Atmosphäre, vor allem rund um die Titelfigur, den Mathematiker Ulrich. Ebenso werden die Gesetze des Drehbuchs ignoriert, etwa fehlen die Aufteilung in Bilder sowie Angaben zu Schauplätzen.
Unklar bleibt, was der Transfer in die Drehbuch-Form bezwecken soll. Wie will das Medium Film (und hier haben wir es erst mit seiner Ausgangsbasis zu tun) Musils am Ende des dritten Teils beschworenen "anderen Zustand" vermitteln? An welches Publikum richtet sich das "Spielfilm-Thriller-Buch", das ein Drehbuch-Experiment bleiben muss, da es die grundlegenden Regeln der Film- und Fernsehdramaturgie nicht berücksichtigt?

Der verdienstvolle Versuch funktioniert in der inhaltlichen Aktualisierung sehr gut, formal aber bleibt er unentschieden, irgendwo in der dramatischen Weite zwischen Theaterstück und Hörspiel.

Julia Danielczyk
20. Juli 2006

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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