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Hannelore Valencak: Die Höhlen Noahs.

Roman.
Residenz Verlag: St. Pölten und Salzburg 2012.
256 S.; geb.; EUR (A) 21,90.
ISBN: 978-3-7017-1582-4.

Link zur Leseprobe

Unerbittlich ist dieses Buch. Mitleidlos. Harsch. Und hart. So verwundert es kaum, dass der Debütroman der 1929 im steirischen Donawitz geborenen Hannelore Valencak bei seinem Ersterscheinen im Jahr 1961 nur in überschaubarem Maße reüssierte. Damals arbeitete die Autorin noch als Metallurgin in einem Stahlwerk; im folgenden Jahr, mit der Übersiedlung nach Wien, war sie als Patentsachbearbeiterin tätig. Erst 1975 entschied sich Hannelore Valencak ganz für die Existenz als freie Schriftstellerin. Bis zu ihrem Tod 2004 erschienen dann vor allem Jugendbücher, Gedichte – etwa zusammen mit der ebenfalls in Vergessenheit geratenen Doris Mühringer der Band „Mein Tag – mein Jahr“ im Zsolnay Verlag – und, abgesehen vom späten Roman „Das magische Tagebuch“, kürzere Prosa. Als zweiten Band der Neu-Edition der Werke dieser hoch interessanten Autorin legt nun nach dem Zeitsprungroman „Das Fenster zum Sommer“, der Valencaks zweite Publikation war, der Residenz Verlag etwas Apokalyptisches, Semi-Kriegerisches, Düsteres, anthropologisch mitleidlos Abgründiges vor: „Die Höhlen Noahs“.

Die bekannte Welt ist zerstört und ausgelöscht worden, nach Krieg, Chaos, Flucht, Vertreibung hat nur eine winzige Gruppe überlebt, irgendwo im abweisenden Gebirge; und nach einer zweiten Weile besteht das Grüppchen nur mehr aus fünf Personen: einem Alten, der, wie sich herausstellt, vormals Lehrer war, Stefan, einem Soldaten, dem Geschwisterpaar Martina und dem viel jüngeren Georg, die Stefan gerettet hatte, und Luise, der in der ersten Zeit in den Berghöhlen geborenen Enkelin des Alten (seine Tochter, also die Mutter der Kleinen, starb infolge der Geburt), dazu noch eine Magd. Sie leben in einer Zwangs-, weil reinen Notgemeinschaft. Am Anfang sehen wir Martina, die sich jenseits aller Moral stellt und die Essensvorräte der anderen erbarmungslos plündert – Moral ist von gestern, und das Gestern ist in einer weltumspannenden Katastrophe untergegangen. Die Folgen merken sie, sie bestehen aus einer Rückschleuderung in Zeiten, die der Steinzeit erstaunlich ähneln, ohne Technologie, Instrumente, Gerätschaften, Möbel, Kleidung, ohne Planung über den unmittelbaren Tag hinaus. Und aus einer grundlegenden klimatischen Änderung: Es regnet Staub, der sich in allem verfängt, der alles bedeckt.

Fragil, mehr als fragil sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Martina steht in Opposition zum sich tyrannisch gerierenden Alten, dessen Grundüberzeugung darauf abzielt, auch noch diese offensichtlich letzte Runde von Menschen aussterben zu lassen. Jegliche Reproduktion, ja selbst der Gedanke daran soll unterbunden werden. Im Wege steht der praktisch veranlagte Stephan, der anfangs dafür sorgt, dass vieles funktioniert und so manches gebaut wird. Als er jedoch aufbricht, zurück geht, um die alte Welt zu erkunden und so einen Ausweg aus der Höhlenbehausungsexistenz zu finden, verunglückt er tödlich. Der Alte schleppt die Leiche zurück, zieht sich den tödlichen Hass Martinas zu, die angesichts der Schädelwunde schlussfolgert, der Greis habe ihren Geliebten ermordet, und in einen Stupor fällt. Der Alte stellt dies nie in Abrede, um dergestalt seine Macht- und Grausamkeitsposition zu festigen. Georg hingegen, am Beginn der Pubertät stehend, verschaut sich linkisch in die nur wenig jüngere Luise. Im Zeitrahmen des Buches, in etwa zu schätzen auf zwei bis vier Jahre, verändert sich die Konstellation. Luise steht währenddessen noch immer in der diktatorisch-unmenschlichen Aura ihres hinfälliger werdenden Großvaters, Konflikte spitzen sich zu; der Alte will unbedingt verhindern, dass es zu einer Fortpflanzung des Menschengeschlechts kommt, das den gesamten Planeten verheert hat. Martina dagegen verführt ihren Bruder und zeugt mit ihm ein Kind. Sie zieht sich zur Entbindung in eine weiter entfernte Höhle zurück. Dann überstürzen sich die Ereignisse: Der Alte versucht, seine letzten Kräfte bündelnd, sie zu erschlagen, verwechselt sie jedoch mit der Magd, die anstelle Martinas dem Alten in die Arme läuft. Georg erwürgt den Alten. Am Ende bleiben er, die ihm mittlerweile entfremdete Luise und Martinas einjähriger Sohn übrig, der keinerlei emotionale Bindungen zu den Erwachsenen zeigt. Die Welt ist nicht nur in einer physischen Post-Apokalypse angekommen, sondern in einer alles durchdringenden emotionalen Zeit, die das Ende aller Zeiten ist.

Nun gibt es postapokalyptische Romane mehr als nur eine Handvoll. Abgesehen von Cormac MacCarthys „Die Straße“, die Evelyne Polt-Heinzl im klugen, zu kurz ausgefallenen Nachwort anführt, zum Beispiel Robert Merles „Malevil“ (1972, in deutscher Übersetzung pikanterweise im Ost-Berliner Aufbau-Verlag 1975 erschienen), Russell Hobans „Riddley Walker“ von 1980 oder Nevil Shutes „On the Beach“. Eine Subvariante stellen die dystopischen Romane „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago, Margaret Atwoods „Onyx und Crake“ oder Richard Mathesons „I am Legend“ dar, letzterer wurde insgesamt dreimal verfilmt, zuletzt neben dem entvölkerten New York mit Will Smith in der zweiten Hauptrolle. In der deutschsprachigen Literatur nach 1945 steht allerdings Valencaks Roman, an dem sie nachweisbar seit dem Jahr 1953 arbeitete, recht singulär da – verglichen damit handelt es sich bei Arno Schmidts „Leviathan“, erst recht bei Hans Magnus Enzensbergers „Untergang der Titanic“ oder Christa Wolfs „Störfall“ um endzeitlich heimelige Intellektuellenkataströphchen.

Evelyne Polt-Heinzls Überlegung, der überschaubare Erfolg dieses Romans in den Sechziger Jahre habe, abgesehen von der psychisch-mentalen Ablehnung der Motive Krieg, Zerstörung und nacktes Elend durch die ersten Wohlstand genießende Leserschaft, auch am düsteren Umschlagmotiv gelegen, das der Wiener Wollzeilen-Verlag (der auch Bücher Hans Weigels im Programm hatte) seinerzeit kreierte, mag zutreffen. Die gleiche Diagnose visuellen Scheiterns trifft allerdings bedauerlicherweise auch auf den Schutzumschlag zu, den der Residenz Verlag für die Neuausgabe erarbeiten ließ: Aus einer Distanz von kaum mehr als einem halben Meter ist nur noch der chamois-rosafarbene Titel zu lesen, die feinen Details der Felsenklippen verschwimmen völlig. Und dass der Autorenname klein und schwarz auf dunkelgrau gesetzt wurde, das hat Hannelore Valencak, diese starke, ganz und gar antitheatralische Erzählerin, nun wahrlich nicht verdient.

Alexander Kluy
16. April 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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