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Stefan Großmann: Ich war begeistert.

Autobiografie.
Mit einem Vorwort von Hermann Schlösser.
Herausgegeben von Alexander Kluy.
Wien: edition atelier, 2012.
304 Seiten; gebunden; Euro 21,90.
ISBN 978-3-902498-53-3.

Link zur Leseprobe

Der Münchner Literaturkritiker Alexander Kluy richtet mit seiner Herausgabe der „Wiener Literaturen“ in der Edition Atelier seinen Blick von außen auf „Literatur aus Wien, über Wien, von Wiener Autorinnen und Autoren“. Die Eröffnung macht eine Autobiografie des einst höchst erfolgreichen und heute beinahe vergessenen Journalisten und Theaterimpresarios Stefan Großmann. Hier seine biografischen Eckdaten: geboren 1875 in Wien, seit 1897 Mitarbeiter der Arbeiter Zeitung, 1906 Gründung der Freien Volksbühne, Theater-und Buchautor, ab 1913 in Berlin Redakteur der Vossischen Zeitung, Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse und des Prager Tageblatts. 1918 Gründung des Deutsch-Österreichischen Volksbundes und 1920 Gründung der Zeitschrift „Tage-Buch“ (mit Autoren wie Alfred Polgar, Thomas Mann, Roda Roda, Robert Musil, Egon Erwin Kisch). 1927 Rückzug ins Privatleben aufgrund schwerer Krankheit. Dramatisch die letzten Jahre: 1933 von der SA aus Berlin ausgewiesen, stirbt er 1935 beinahe mittellos in Wien.

Bevor man sich aber seinen Memoiren widmet, tut man gut daran, das zeitgeschichtlich informative Vorwort von Hermann Schlösser und die von Alexander Kluy gesammelten Zitate (S. 302f.) zu studieren: „Großmann macht sich die Polemik nicht leicht. Er vereinfacht nicht, er kompliziert.“ (Carl von Ossietzky) oder: „Stefan Großmann lobt nicht sich, aber er lobt die Güte des Herrn, die ihn geschaffen…“ (Robert Musil). Mit diesen Bemerkungen im Hinterkopf erklärt sich das „aufschäumende Temperament“ (Alfred Polgar) des Theater-und „Zeitungsmenschen“ (Großmann über Großmann) bei seiner Beurteilung der Welt.

Die Begeisterung für das Leben hat Stefan Großmann erst als Erwachsener entwickelt, dafür aber nachhaltig, wie es seine Autobiografie belegt. „Ich habe die Strindberg-Naturen nie verstanden, die ihr Glück von gestern in schmählichen Höllenfarben verleumdeten.“ (S. 187) Und wenn es kein Glück war, das es zu betrachten gab, dann wandte er den Ausspruch eines unbekannten Kaffeehausphilosophen an: „Das Leben ist eine Gelegenheit, sich die Welt anzuschauen.“ ( S. 14). Den Ausgangspunkt für diese Weltanschauung bildete der Schnapsladen seiner verarmten jüdischen Eltern, wo er als dreizehnjähriger Realschüler um vier Uhr morgens den kalten Ofen für „arme halb erfrorene Frauenzimmer“ und Fabrikarbeiter in Gang bringen musste und ihnen mit einem Schnaps in den Tag half. Diese Atmosphäre legte den ersten Keim zur späteren Entwicklung für sein lebenslanges sozial liberales Engagement - und auch für seine Theaterleidenschaft, da aus der Nachbarschaft die leichte Theaterluft herüberwehte. Früh löste er sich dann von seiner Familie, lebte in Paris und Berlin (wo er sich mit dem Anarchisten Gustav Landauer anfreundetete) und erwachte nur langsam aus dem düsteren Traum seiner Jugend.

Eine der prägendsten Begegnungen bei seiner Rückkehr nach Wien war Viktor Adler. Er war es, der ihm riet, seinen „kleinen Stimmungsbilder(n), die halb Dichtung, halb Polemik sind“ (S. 95), durch das Studium der Verhältnisse der Arbeiterschaft einen wahrhaften Hintergrund zu geben. Daraus resultierten neben anekdotisch angelegten Portraits politisch oder künstlerisch bedeutender Persönlichkeiten (etwa von Theodor Herzl, Peter Altenberg, Karl Lueger) auch atmosphärische Stimmungsbilder. In Österreich, Frankreich und Deutschland war er ein genauer Beobachter des Zeitgeschehens, immer auch mit Sinn für Situationskomik. In Berlin sah er „gutmütige Rebellen“, die sich trotz Revolution scheuten, den kaiserlichen Rasen zu zertrampeln, und in seiner Zeitungsredaktion wurden die wenigen vom Krieg verschonten Männer von der „Wedekindwelle“ überschwappt (denn „jedes gerade gewachsene Schreibmaschinenfräulein übte sich in Verruchtheit“ , S. 231).

Frauen treten bei Großmann nur in untergeordneter Rolle auf, vorzugsweise als reizende Schauspielerinnen oder als vorbildhafte aber anpassungsfähige Damen. Großmanns Ehefrau, eine Schwedin, die in Wien und später in Berlin eigene Turnschulen gründete, wird nur mit wenigen Worten, wenn auch höchst respektvoll erwähnt. Stattdessen widmet er dem Lob des skandinavischen Menschen („Die Schweden sind die einzigen Erben griechischer Gymnastik, das einzige Volk in Europa, das systematisch am schönen Körper jedes einzelnen Kindes arbeitet.“, S. 189), der ihm so viel reiner erscheint als der deutsche („Wissen wir heute noch, wie unfömig das deutsche Bürgertum von 1913 ausgesehen hat?“, S. 188), ein ganzes begeistertes Kapitel und ein weiteres den Freuden des modernen Vaters als Freund und Ratgeber seiner beiden Töchter. Die kritische Lektüre der Beobachtungen Stefan Großmanns zeigt Zusammenhänge und geistige Tendenzen, die später in den Geschichtsbüchern nachzulesen waren. Der Körperkult um den nordischen Menschen hat im Ansatz bereits bestanden, bevor Hitler daraus seine perfide Rassentheorie entwickelte. Großmann selbst trat zum Protestantismus über und war dem Antisemitismus nicht abgeneigt. Und die Parole, die später in der von ihm initiierten Bewegung des Deutsch-Österreichischen Volksbundes ausgegeben wurde, lautete: „Heim ins Reich!“ (S. 266)

Inspiriert von Stefan Großmann („Zeitlebens las ich in Gesichtern…“, S. 90) wüsste man gerne, wie er selbst ausgesehen hat, und da das Internet diesbzüglich nichts schuldig bleibt, findet sich schnell ein Halbporträt, auf dem der berühmte Theater-und Zeitungsmensch mit verschränkten Armen und von unten auf den Betrachter gerichtetem Blick sich selbstbewusst abgrenzend zeigt. Sein weicher Bart erinnert an das verehrte Vorbild Viktor Adler und konnte als Gegenhaltung zum manieristisch nach oben gezwirbelten Bart dieser Epoche verstanden worden sein („Franz Ferdinand habe ich in meinem Leben zwei-oder dreimal aus der Nähe gesehen… Ein blöde hinaufgestrichener Schnurrbart hatte wilhelminische Tendenzen, ohne direkt den Es-ist-erreicht-Schnurrbart Wilhelms zu kopieren.“ S.177f). Bleibt man bei der Betrachtung der Physiognomien, fällt auf, dass Adolf Hitlers kurz geschorener Bart den Anbruch eines neues Zeitalters signalisieren musste und diesem damit ein „modernes“ Gesicht gab.

So kritisch Großmann seine frühe Zeit analysiert, so eng wird sein Blick am Ende seiner Memoiren, die mit den Ereignissen um 1920 abbrechen. Nur wenige Berliner Zeitgenossen wie die Verleger-Freunde Franz Ullstein und Ernst Rowohlt verdienen seine ehrliche Aufmerksamtkeit. Hindenburg und Ludendorff nimmt er nicht ernst und Hitler erwähnt er mit keinem Wort, obwohl er 1924 in einer prophetischen Rezension von „Mein Kampf“ vor ihm warnte. In seiner Position als mächtiger Zeitungsmensch tendiert er zu Jovialität und bezeichnet die rechtsradikalen Mörder von Walther Rathenau und Matthias Erzberger als „dumme Jungen“ (S. 276 und 281). Trotz Verurteilung der Morde an Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Gustav Landauer wirkt er dennoch überheblich („Er hatte kurz vor dem Münchner Revolutionsgschnas seine Frau und damit seine innere Balance verloren.“, S. 262).

Was diese Autobiografie aber so wertvoll macht, ist die Intensität der persönlichen Eindrücke Stefan Großmanns, sein selbstbewusster Charme, seine unbeugsame Lebensbegeisterung und vitale Energie. Immer am Puls der Zeit lebte er in den Zentren politischer Umwälzungen, reiste er unermüdlich an die Orte des Geschehens. Vor allem aber erhellen seine pointierten Anekdoten den Zusammenhang zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Die Idee, das nach dem Krieg übrig gebliebene „Zwergösterreich“ durch den „Anschluss“ an das sozialdemokratische Deutschland zu retten, übernahm Großmann von Viktor Adler. Dessen Wort zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges: „Jetzt sind wir nur passives Material der Weltgeschichte.“ (S. 216) galt in seiner ganzen Tragweite später für Stefan Großmann selbst.

Beatrice Simonsen
23. April 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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