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Mieze Medusa: Mia Messer.

Roman.
Wien: Milena, 2012.
218 S.; gebunden; Euro 19,00.
ISBN: 978-3-85286-218-7.

Link zur Leseprobe

Prekarisierung junger Kreativer, bankrotte Ich-AGs und die Rache der ausgebeuteten Einzelnen am Kapitalismus: In ihrem ersten Roman „Freischnorcheln“ hatte die Wiener Poetry Slammerin und Literaturperformerin Mieze Medusa starke Themen auf ironisch-freche, aber literarisch relativ unkomplizierte Weise zu einem amüsanten Debüt verarbeitet. In „Mia Messer“ nun, Medusas zweitem Prosagroßprojekt, ist der Gestus ähnlich, die Romantechnik ausgefeilter, das Thema jedoch weniger greifbar.

Erzählt wird die Geschichte von Mia – das „Messer“ ist symbolisch, kommt als Nachname im Roman nicht vor und ist auch als Anspielung auf Brechts Mackie Messer lesbar –, die in den Diensten der Ganovenfamilie Barozzi steht. Ausgestattet mit einer bemerkenswerten Stimme singt Mia in der „Susibar“, stiehlt aber auch im Auftrag von Louise Barozzi Werke weiblicher Künstlerinnen aus Museen in Deutschland oder Italien.

Mias Position innerhalb der Familie Barozzi ist zwiespältig. Mia, die eigentlich Maria Bauernfeind heißt, flüchtet aus ihrer ländlichen Klosterschule und vor den scheinheilig-ungerechten Klosterschwestern und landet „zufällig“ – das heißt von Medusa gut inszeniert – in Wien beim Barozzi-Clan, wo sie auf ihren Vater Matthias stößt, den zweiten Mann von Louise Barozzi. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wird Maria aus dem Dorf, in dem sie es als uneheliches Kind immer schwer hatte, in die Stadt geholt und in der Barozzi’schen Kriminellenschule ausgebildet.

Medusa erzählt die Entwicklung vom unschuldigen Kind zum Gangster Girl, von Maria Bauernfeind zu „Mia Messer“ über Rückblenden, die geschickt mit der Haupthandlung in der Gegenwart – den Kunstdiebstählen und Vorgängen bei den Barozzis – verschränkt sind. Der Stoff des Romans ist also gut erfunden und dargestellt, die nicht wenigen Figuren werden von Medusa strategisch geschickt auf dem narrativen Schachbrett verteilt. Der romantechnisch im Vergleich zum Debüt „Freischnorcheln“ deutlich avancierteren Konstruktion, die im bewährt frech-witzigen Ton daherkommt und zwischendurch auch immer wieder Medusas sprachliches Talent zeigt, steht allerdings das Fehlen eines überzeugenden Themas gegenüber.

Der Barozzi-Clan selbst mit seinen mafiösen Machenschaften bildet wie alle weiteren Beschreibungen des internationalen und regionalen Verbrechens nur eine Folie für die Handlung. Sicherlich geht es Medusa nicht um eine Saviano-artige Aufklärungsliteratur, nicht einmal um eine Form der Wirklichkeitsnähe, wie sie beispielweise die amerikanische TV-Serie „The Sopranos“ aufweist. Die Barozzis sind keine Wiener Sopranos, sondern stehen einfach für bestimmte, vielleicht auch ein wenig klischeehafte Typen innerhalb eines bestimmten Milieus: „Leider fehlt für einen Wiener Strizzi die Hollywoodvorlage.“ (92)

Ebensowenig ist aber auch der Kunstdiebstahl als Thema zentral. Kunst selbst spielt für den Roman fast keine Rolle, dient mehr der Illustration, von jener späten und vielleicht in seiner Verbindung aus Kunstzitat und Figurencharakterisierung gelungensten Szene im Roman abgesehen, in der sich Mia von einem Bild Maria (man denke an die Namensgleichheit) Lassnigs so getroffen fühlt, als handelte es sich um ein Seelenbildnis in der Art von Oscar Wildes „Picture of Dorian Gray“. Ansonsten aber gilt, dass die potentiell spannende Idee, den Diebstahl auf Bilder von Frauen zu konzentrieren und auf diese Weise den Kunstmarkt zu persiflieren, zu wenig ausgearbeitet wird.

Als bestimmendes Thema des Romans bleibt demnach nur die Hauptfigur Mia selbst übrig. Diese kaum über ihre kriminellen Handlungen – und wem sie damit schadet – reflektierende Mia hat zwar einige „Leichen in ihrem Herzkeller“ (41), öffnet aber die Tür zu diesem immer nur kurz für einen Spalt: „Was tut man nicht alles für ein Gefühl von Schutz, für die Worthülse ,Liebe‘, für Freiheit und Unabhängigkeit, aber ganz selten für die eigene Freiheit und die eigene Unabhängigkeit. Der Gedanke ist halb formuliert, unausgegoren und wird gleich wieder weggeschoben. Mia hat Angst vor den Konsequenzen, die sie ziehen müsste, wenn sie hier weiterdenkt.“ (152)

In der Persönlichkeitsstruktur Mias liegt das aporetische Moment des Romans. Mia kann nur so sein, wie sie ist, indem sie alle Emotionen unterdrückt. Indem sie aber alle Emotionen unterdrückt, erfährt man nie etwas über ihre tieferen Beweggründe, über ihre tiefsten Gedanken und Gefühle. Gerade die Erforschung dieses, wie es einmal heißt, „zubetontierte[n] Sumpfgebiet[s]“ (102), das Mias Gefühlsleben ist, wäre aber besonders spannend gewesen.

Milan Kundera benennt in seiner „Kunst des Romans“ als zentrale Aufgabe des in der cervantistischen Tradition stehenden Romans die tiefgehende Erforschung der menschlichen Existenz. Das ist aber bei der von Medusa gewählten Konstellation nur schwer möglich, außer man begnügt sich mit eher einfachen, vagen und am Ende noch ironisierten Feststellungen wie dieser: „Mia will etwas sein. Sie will etwas haben. Nicht unbedingt Geld, das liegt auf der Straße, wenn man nicht zu faul ist, sich zu bücken. Die Währung, die Mia interessiert, ist Status. Ein Platz in der Familie, den ihr niemand mehr streitig machen kann. Oder ein Platz weit weg, wo sie niemand kennt. Same same but different.“ (18)

Mit „Mia Messer“ zeigt Mieze Medusa, dass sie ihre Fähigkeiten als Romanschriftstellerin deutlich erweitert hat. Dennoch kann der Roman insofern nicht überzeugen, als er zwar hohen Unterhaltungswert hat, eine Existenzerforschung im Sinne Kunderas aber nicht vornimmt, den Weg in jene Gefühlsgegenden und Themenbereiche, wo es wirklich um etwas – man braucht nicht unbedingt das große Wort „Erkenntnis“ zu bemühen – geht, nicht findet. Bei einem Grundthema wie dem Kampf ums wirtschaftliche Überleben Tausender gut ausgebildeter junger Kreativer, der in „Freischnorcheln“ exemplarisch aufgegriffen wurde, hätte das vielleicht weniger ausgemacht. Da aber die Hauptfigur als zentrales Thema identifiziert werden kann, fällt dieser Aspekt stärker ins Gewicht. Jedenfalls bleibt zu hoffen, dass Medusa für ihren nächsten Roman ein Thema findet, das ihren beachtlichen Fähigkeiten in der Romankonstruktion gerecht wird, und sich auf eine existentielle Ergründung ihrer Hauptfiguren einlässt. Denn dann ist von dieser mit viel Phantasie und Sprachvirtuosität ausgestatteten Autorin einiges zu erwarten.

Gerald Lind
23. April 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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