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Liesl Ujvary: Das Wort Ich.

Wien: Klever Verlag 2011.
101 S.; brosch.; Euro 15, 90.
ISBN 978-3-902665-36-2.

Link zur Leseprobe

Ich ist sonderbar: Als Pronomen bezeichnet es die erste Person Singular: einen einzelnen Menschen, der auf sich selbst verweist. Hierzu bedarf es jedoch nicht in allen Sprachen, und nicht einmal unbedingt im Deutschen, eines eigenen Wortes. So gebrauchte man das „Ich“ in seiner Frühzeit zunächst nur dazu, der eigenen Position Nachdruck zu verleihen, sich rhetorisch zu behaupten und eine deutliche Grenze zu anderen zu ziehen. Zumindest im Alltag war das Ich also eine Spur entbehrlicher als die anderen Personalpronomen. Ein Missverhältnis, das nachwirken, sich in der Empfindung einer kleinen, semantischen Leerstelle bemerkbar machen könnte. (Vielleicht sollte man es mehr als Silbe behandeln, etwas Unfertiges, Fragmentarisches?)
Als Vokabel des auf sich selbst verweisenden Individuums steht das „Ich“, an der Schnittstelle zwischen dem Blick nach „innen“ und der Repräsentation nach „außen“. Jedem, der „ich“ sagt, bleibt es zum Teil eine Unbekannte, ein Notbehelf. Absolute Selbsterkenntnis ist dem Menschen nicht gegeben, wissen nicht bloß Philosophen seit jeher. Dies liegt unter anderem am – so flexiblen wie eigendynamischen – Erkenntnis-Instrument Sprache, an den Begriffen und Sätzen, die chamäleongleich, je nach Verwendung, andersfarbig schillern ... und daran, dass kein Subjekt sich selbst zugleich, mit gebotener, neutraler Distanz, als Objekt erforschen kann.
Dennoch: „Erkenne dich selbst“ – das apollinische Diktum bleibt existenziell, und der letztlich zum Scheitern verdammte Versuch der Selbsterkenntnis für jeden und jede unerlässlich. Für ihn steht u. a. das Wort „Introspektion“, also Innenschau (übrigens ein zentraler Begriff in der Arbeit Oswald Wieners). Introspektion gilt in der Psychologie landläufig als (wissenschaftlich nicht beweisbare) Möglichkeit, mittels Selbstbeobachtung Einblick in die eigene Psyche zu erhalten. Zudem spielt der Begriff auch in der Informatik eine Rolle; hier bedeutet er, dass ein Programm seine eigene Struktur kennt und diese, wenn nötig, modifizieren kann.
Ein Kombination aus beidem mag gemeint sein, wenn Liesl Ujvary im Vorwort zu „Das Wort Ich“ deponiert, dass ihr Text um die Frage kreise, ob Introspektion möglich sei, und den ersten Abschnitt (von acht) betitelt: „Ist es Introspektion?“ Eine abschlägige Antwort bleibt da, strenggenommen und angesichts der abendländischen Geistesgeschichte, wohl vorprogrammiert – interessant und innovativ ist jedoch, auf welch erhellende Weise Liesl Ujvarys Buch sie erteilt und wie wir darin mit wachen Sinnen im solipsistischen Nebel tappen, der sich umgekehrt Leben liest:

Ungewöhnliche Überzeugungskraft.
Ich spekuliere nicht nur, ich kann die Wirkung direkt spüren.
Niemand erfährt, was ich wirklich denke.
Ich bin nicht unbescheiden.
Was bin ich denn?
Ich habe den größten Teil meines Lebens in geschlossenen
Räumen verbracht, abgeschottet von der Kälte und dem
belebenden frischen Wind.
Was man eben so treibt, um zu überleben.


Ab diesen ersten Zeilen entsteht eine Sogwirkung, die bis zum Schluss anhält. Lakonisch, meist in ruhigen Aussagesätzen, verläuft der knappe innere Monolog – oder „Stream of Conciousness“ – eines Ich, das seine Aufmerksamkeit auf sich selbst gerichtet hält. In diesem Rahmen und Gefängnis registriert es die kleinste Gefühls-, d.h. Geistesregung, versucht Wahrnehmungen einzuordnen und zu deuten, Angst und Unsicherheit zu bannen, Entscheidungen zu treffen, Widersprüche zu klären, kurz: mit sich selbst, auch als Körper, zurande zu kommen und in einer als feindlich empfundenen Umwelt zu funktionieren; letzteres sowohl psychisch als technisch. Als Leser ist man immer wieder versucht, Ansatzpunkte zur Identifikation auszumachen, sich dieses Ich, sein Tun und Unterlassen oder den Ort, an dem es sich befindet, genauer vorzustellen, wird teils fündig, teils wieder zurückgestoßen. Unvermittelt wechselt es die Perspektive, spricht von sich plötzlich in der dritten Person als „sie“ (dies eine Lesart, man kann das „sie“ auch als weitere, stumme Person begreifen), redet zu einem Du, erwähnt andere. Von diesen scheint immer wieder eine Bedrohung auszugehen. Schuldgefühle, Ängste, Rechtfertigungen. Dunkelheit herrscht, das Wetter ist unwirtlich, Regen zumeist, oder eisiger Wind ... Lesend sammelt man Daten, folgt der Spirale sich wiederholender oder leicht varriierter Sätze (in deren Wechsel eine gleichmäßige Struktur entsteht; übrigens: Optisch unterstützt durch Flattersatz und häufige Absätze wirkt der Text oft wie ein langes Gedicht, fast meditativ), neugierig, wer oder was sich hinter ihnen nie ganz verbirgt, nie ganz zeigt:
Ein Ich, das sich selbst vor allem mit Metaphern aus der Welt künstlicher Systeme, naturwissenschaftlicher Modelle beschreibt. Beim Denken werden Programme hochgeladen oder die Person geht offline, klinkt sich aus dem Geschehen aus. Von „Logikschaltkreisen“ und „Selbsttests“ ist die Rede, auch von einem „Schaden im Gehirn“, der nicht mehr „repariert“ werden kann. Viele Formulierungen kennt man aus der Umgangssprache, die vielfach von „termini technici“ gekapert wurde, sei’s der Medizin, Informatik etc., als sollte Descartes mit seinem mechanistischen Entwurf des Menschen recht behalten. Liesl Ujvary – und das ist unbedingt beachtenswert – zieht die literarische Konsequenz, schreibt aus der Perspektive eines Bewusstseins, das sich weder als Mensch noch als Maschine erkennen, akzeptieren kann.
Kein Wunder, dass bei diesem Thema auch Militär ins Spiel kommt, mehrmals erwähnt wird; immerhin symbolisiert seit dem 18. Jahrhundert die Figur des „Soldaten“ sämtliche obertänigen/herrschaftlichen/staatlichen Anstrengungen, Menschen zu Maschinen zu machen. So nennt sich das redende Ich „Spartaversion“ und definiert:

Eine gewisse Stärke wird angestrebt. Wille, robuste Mentalität und ein Schuss Weisheit.
Ein Spartasoldat muss wissen, wofür er kämpft, er muss auch Entscheidungen treffen können.
Ich überlege, was das alles zu bedeuten hat.

Oder: Wir erhalten einige sehr komische Messwerte aus dem Inneren.

Das „Innere“ – etwa Erinnerungen, Empfindungen: das, was Mensch und Maschine noch voneinander trennt – ist entsprechend problematisch. Unfähig, sich an bestimmte (traumatische?) Erfahrungen zu erinnern, so sehr es sich bemühe, erwähnt ‚das Sprechende’ eine Anstalt, Albträume ... Einmal heißt es:

Auch meine Gefühlsschichten habe ich aktiviert und mit entsprechenden Diagnoseprogrammen überprüft.
Hier ist alles heil geblieben.
Ich kann mich als Mensch unter Menschen bewegen.
Das beruhigt mich.


Sätze wie diese könnten, so oder ähnlich, aber auch den Bewusstseinszustand eines prototypischen „Ich“ der Gegenwart bezeichnen. Banal gesagt: Wer vor allem „funktionieren“ – d.h. hauptsächlich reagieren – soll, empfindet sich zunehmend als Objekt bzw. Automat; Überforderung schlägt sich u.a. im Gefühl einer unbestimmbaren Bedrohung, eines Kontrollverlusts nieder:

Alles, was ich denken kann, ist: Jetzt, jetzt, jetzt. / Es stürmt einfach zu viel auf mich ein“, „Irgendetwas passiert wegen mir“, „Die Zivilisation hat dich auf eine bestimmte Weise programmiert.
Oder der Ohnmacht:
Schließlich hat sie nicht einmal mehr genug Kraft, um in Panik zu geraten.
Ich kann hier nicht bleiben.
Zumindest gereicht mir die Dunkelheit zum Vorteil.
Mein Körper repariert sich schnell.
Gewebe wächst zusammen und bildet sich neu.
Weiß sie denn nicht, dass sie bereits tot ist?


Mit anderen Worten, als erstes Fazit: Was hier oberflächlich zunächst ein düsteres „Science-Fiction“-Szenario assoziieren lässt – Stichwort: Innenschau eines Androiden in einer militärisch kontrollierten Welt im Ausnahmezustand – offenbart sich als klarsichtiges, zugespitztes Porträt eines fremdbestimmten Individuums.
Aber natürlich – und das spricht sehr für diesen kompakten Text – gibt es andere Lesarten, und auch diese lässt sich noch differenzieren. „Das ist ein neuronales Netz, ein Turing Programm“, heißt es einmal, und im Sinn dieser Gleichsetzung, kann man „Das Wort Ich“ als Turingtest begreifen, dem Protagonist(in) wie Leser ausgesetzt werden.
Für den Test des Mathematikers Turing, 1950 entwickelt, tippt ein Teilnehmer am Computer Fragen in die Tastatur, die entweder von einem anderen Menschen oder einem Computerprogramm beantwortet werden. Turings These zufolge sollte man anhand der am Monitor aufscheinenden Antworten nicht erkennen können, von wem sie stammten. Was sich nicht bewahrheitete; noch immer wurde der Turingtest von keiner Maschine bestanden. Inzwischen – angesichts einerseits der Fortschritte in der Neurologie und Informatik, anderseits der zunehmenden „Kommunikation“ mit Computern, Automaten, Robotern etc. – scheint es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Sprachverhalten von Mensch und „intelligenter Maschine“ einander auch en detail gleichen ...
Die Frage, ob menschliches oder maschinelles Gehirn, mündet beim Turingtest also in der Analyse des Sprachgebrauchs. Anhand Liesl Ujvarys Buch ließe sie sich varriieren: Was aber, wenn das Ich – im Spiegel einer möglichen technokratischen Umwelt – sich selbst als Automat verstünde, weil die ihm verfügbaren Vokabeln dies suggerierten, in letzter Konsequenz: es dazu machten? Sprache wird von Ujvary als etwas Eigendynamisches, Unkontrollierbares betrachtet. Von „Sprachmyzelien“ ist die Rede, die einen Organismus beherrschen, d.h. sich in ihm unbemerkt, unbewusst fortpflanzen (s. Leseprobe). Und vom Bild eines idiomatischen Wurzelgeflechts führt nur ein kleiner, assoziativer Hüpfer (struktur-analoger Art) zu dem der Synapsenverästelungen im Kopf des Homo sapien sapiens, oder zum verkabelten, verdrahteten „Computerhirn“.

Wer Liesl Ujvarys künstlerische Arbeit kennt, weiß, dass sie neben Texten auch Fotografien, Videos und Soundscapes produziert. „Das Wort Ich“ ist Teil ihres multimedialen Projekts „Interessante Produktionen“. „Betrachtet werden“, so die Autorin, „Metaphernfelder aus Phylogenese und Ontogenese, Konstruktion und Evolution.“ Im Klever-Verlag sind dankenswerterweise 2011 auch „11 Videos“ der Autorin auf CD erschienen, darunter sechs zu „Interessante Produktionen“. Mit „Das Wort Ich“ haben sie gemeinsam, dass sie uns auf unaufgeregte, austarierte Weise eine besondere Perspektive anbieten – einen unhierarchischen, von den Konzentration auf Strukturen geprägten Blickwinkel, abseits eines Anthropozentrismus, der die Wahrnehmung verstellen kann. (In diesem Zusammenhang wäre das „Ich“ eine untergehende Spezies.) Mein Rat: unbedingt nutzen! Ehe eintritt, was Ujvary am Ende ihres Buches beschreibt:

Ab sofort herrscht Funkstille.
Eine Symphonie aus sich verbiegendem Metall.
Ein Chor aus durcheinander schreienden Stimmen.
Alle auf sichere Entfernung gehen.
Es wurde kein Alarm ausgelöst.
Das Bild ist unscharf, es ist nicht viel zu erkennen.


Birgit Schwaner
24. April 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


 




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