Elisabeth R. Hager: Kometen.

Roman.
Wien: Milena, 2012.
183 S.; Euro 19,90.
ISBN: 978-3-85286-220-0.

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Elisabeth R. Hagers Debütroman „Kometen“ wirkt wie die Phantasie einer sehr langen Sekunde, die ein ganzes Leben und seine entscheidende Wende in sich birgt, oder auch wie ein kometenhaft vorbeiziehender Traum, der die Hauptfigur, die Mittzwanzigerin Bubi Bergerer, auf die richtige Lebensbahn (zurück)wirft. Wir haben es hier also mit einem Buch zu tun, dem es ums Ganze geht, um die letzten Dinge des Lebens wie der Literatur: der Welt ihre (materielle) Schwere und Enge zu nehmen, dem Unmöglichen eine Möglichkeit abzugewinnen, einen Blick hinter die scheinbar starren Kulissen des Kosmos zu wagen und dabei zu entdecken, dass alles ganz anders aussieht, als man sein ganzes Leben lang geglaubt hat, dass alles veränderbar und in Bewegung ist.

Auf dieser Entdeckungsreise in die Grau- und Grenzzonen der menschlichen Existenz folgen wir als Leserinnen und Leser Bubi, die eigentlich Klara heißt, von Berlin, wo sie studiert hat und nun in prekären Verhältnissen lebt, „[b]ack to the roots“ (31) zu ihrem Tiroler Herkunftsort. Der Begriff Quarterlife Crisis mag banalisieren, aber er gibt einen gewissen Grundrahmen vor, in dem Bubis Identitätssuche gedacht werden kann. Der eingeschlagene Weg, die Abkehr von Elternhaus und Elternsprache, wird plötzlich, durch einen Drogentrip, in seiner Fragilität und Kontingenz sichtbar. Die Berliner Freunde, der Berliner Geliebte, das Berliner Leben, die Berliner Gegenwart – alles erscheint Bubi nun nur als Staffage, als matt glänzende Oberfläche, unter der die beunruhigende Frage sichtbar wird: Wer bin ich eigentlich?

Zurück in Tirol erkennt Bubi ihr Anderssein ebenso sehr wie die Parallelen, die ihr Leben mit jenem ihrer Mutter aufweist. Zwischen Entfremdungs- und Zugehörigkeitsgefühlen aufgerieben, flüchtet sie auf die Berghütte ihrer Eltern. Die dort spielenden Szenen gehören zu den gelungensten des Romans. Ohne je die verwickelten Gefühls- und Erfahrungslagen Bubis aus dem Auge zu verlieren, entwickelt Hager ein semiotisches System aus Raum-, Natur- und Vergangenheitsbezügen, das vielschichtige Deutungsmöglichkeiten eröffnet.

Die Idee, den auf der Hütte erlebten Drogentrip erst als „Hidden Track“ nach dem offiziellen Ende des Romans zu berichten, schließt erzähltechnisch den Bogen zum leitmotivisch den Roman durchziehenden Moment des „ozeanische[n] Gefühl[s] der Entgrenzung“ (67), das auf Sigmund Freuds Romain-Rolland-Zitat zu Beginn von „Das Unbehagen in der Kultur“ verweist. Das Unbehagen in Freuds Titel entsteht aus kulturell gefordertem Triebverzicht, also letztlich aus dem Gefühl des Eingesperrtseins im Kulturgehäuse. Hager geht es in „Kometen“ auch um Möglichkeiten, mit literarischen Mitteln durch die Fenster des Kulturgehäuses in einen unbegrenzten Kopf- und Gefühlsozean zu entkommen.

Bubi Bergerers Befreiung wird so zu einer Befreiung vom Realismusgebot. Der Text kippt bisweilen ins Surreale, kann Traum, Phantasie, Drogenerlebnis sein, kann aber ebenso in seinem scheinbaren Wirklichkeitsverlust auf hyperrealistische Weise nicht an Natur- oder Moralgesetze gebundene Innenwelten abbilden. So ist auch das Romanende in Ostia bei Rom als Metapher zu lesen, die auf brillante Weise das Bild des Kometen mit jenem des Ozeans zu einer alles offen lassenden Lösung verbindet.

Mit „Kometen“ ist Elisabeth R. Hager ein beeindruckendes Debüt gelungen. Nichts an diesem Buch ist gefällig, Bubi Bergerer reflektiert schonungslos und tiefsinnig, geht unter ihre eigene Haut und das wird oft auch unter die Haut der Leserin, des Lesers gehen. Zwar wissen wir spätestens seit Thomas Bernhards „Alte Meister“, dass auch die großen Werke der abendländischen Kultur nicht frei von Makel sind, und natürlich ist auch „Kometen“ nicht in jederlei Hinsicht gelungen. So wirken die Reden des New-Age-Messias Hans, der nicht nur als Drogenlieferant für Bubi eine Existenz verändernde Rolle spielt, eher unfreiwillig pseudointellektuell als satirisch intellektuell. Schlussendlich sind das aber lässliche Mängel, die den ungemein positiven Gesamteindruck nicht trüben können. „Kometen“ ist authentisch, aufrichtig, sprachgewandt, manchmal sarkastisch, immer nachdenklich, stets suchend und ehrlicherweise nie findend. Keine fröhlich dahinplätschernde Lektüre für den Strand, sondern eine Erkundungsfahrt auf dem stürmischen Ozean des Ich.

Gerald Lind
3. Mai 2012

Originalbeitrag

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