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Ingo Springenschmied: Zu Fall und Stelle.

Wien: Klever Verlag, 2012.
128 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-902665-45-4.

Link zur Leseprobe

Ingo Springenschmid hat im Laufe der Jahrzehnte sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Literatur ein Werk von eminenter Bedeutung geschaffen. Es lohnt sich auch immer, beim Betrachten seiner Bilder die Literatur mitzudenken, die Bilder gleichsam zu lesen (vgl. dazu den Titel seiner 2002 erschienenen Sammlung von kunsttheoretischen und -praktischen Schriften, Reden und Artikeln „Kunst zu Lesen“) und bei der Lektüre seiner literarischen Texte bildnerische Aspekte einzubeziehen, wie etwa Proportionen, Symmetrien und Perspektiven. Diese intermediale Verbindung und Verschränkung, die ganz grundlegend von einer wechselseitigen Sprach-, Farb-, Form-, Material- und Kontextreflexion getragen ist, bei der die Konstituenten für Bilder und Texte einer genauen Erforschung unterzogen werden und kein Element als selbstverständlich hingenommen wird, verweist auf das Koordinatensystem der Kunstrichtungen, von denen ausgehend Springenschmid – als bildender Künstler mit allen Techniken vertraut, die diesem Metier inhärent sind ­– seinen eigenen originären Weg entwickelte und beschreitet. Genannt sei in diesem Zusammenhang exemplarisch die begriffsorientierte und intermedial ausgerichtete Conceptual Art, seit den 1960er-Jahren ein Leitparadigma im bildnerischen Bereich, mit Rückwirkungen auf neue Wege wagendes literarisches Schreiben. Darüber hinaus ist er stets an Auseinandersetzungen mit allen Epochen und Kulturen interessiert, auch in der Literatur kennt sein Bezugsrahmen keine Grenzen, solange die Schreibrichtung Sprachkritik und -kreativität erkennen lässt. So stellt für ihn der große Fabulierer, Sprachkaskadeur und Wortkreateur Jean Paul, der zwischen Romantik und Klassik einen ganz eigenständigen farbenprächtigen literarischen Garten bestellte, eine besondere Wegmarke dar.

Vor dem Hintergrund dieser Prämissen ist es dem Klever-Verlag und den Förderstellen hoch anzurechnen, dass „Zu Fall und Stelle“, das laut Verlagsprogramm „sein poetisches Werk seit den 1960er-Jahren dokumentiert“, authentisch als Faksimile der Typoskripte und Bilder im A4-Format gedruckt werden konnte. Das gerippte, in dezentem Blau gehaltene Hardcover verleiht dem Buch die Charakteristik einer Kunstmappe, angefüllt mit dichtester Poesie, die der Leserin, dem Leser ständig neue Perspektiven auf die Sprache und somit die Welt eröffnet. Auf höchst beeindruckende Weise lotet Springenschmid die Bedeutungsebenen und Verwendungsnuancen der Wörter aus und arrangiert sie zu kontextsensitiven Text-Bild-Inseln, bei denen auch die musikalische Ebene bedeutsam ist, der Klang, der Rhythmus sowie die Serialität. So beginnt „sieben schnitte zu den jeweilig sieben schnitten“ mit kritischem Blick auf oberflächliches Text-Mode-Gestrick mit dem Satz: „nichts befindet sich zwischen den seiten trend / und set (...)“ (6). In der Text-Spiegelung „den fang / end fang an“ werden die Wörter durch Verschiebungen sozusagen filmisch animiert: das Wort „Reel“, durchaus in beiden Bedeutungen – „schottischer Paartanz“ und „Filmrolle“ – scheint geeignet, die beiden parallel gesetzten Textstreifen zu beschreiben, in denen die Präpositionen „auf“ und „ab“ dramaturgisch durchgestaltet und verbver- und entbunden gesetzt werden, um das Anfangen und Aufhören und das gesamte Spektrum dazwischen einschließlich der Koinzidenz poetisch zu durchdenken, bis zum „endfang“ (8).

An allen Texten beeindruckt, wie genau sie allein schon typographisch gesetzt sind und wie die Gestalten und Formen der Zeichen in den poetischen Prozess integriert werden, nicht zuletzt um dadurch poetische Räume zu öffnen, die als Denkräume aufgefasst werden können, die sprach- und damit gesellschaftskritisch auf die Arbitrarität und Virtualität der Zeichen hinweisen. Nicht von ungefähr zieht sich das Gleichheitszeichen geradezu leitmotivisch durch viele Texte, nota bene in Klammern gesetzt, so in: (=) GLEICH JETZT (9). In Texten wie „(=) ist gleich gleich (=) (Textgraphik)“ (26) fungiert „(=)“ gleichsam als Satzzeichen, das Punkte, Kommata und alle weiteren Interpunktionszeichen ersetzt, und es gerät vor dem Hintergrund der Überschreibungen der Satzteile, zwischen denen dieses Zeichen steht, zu einer Art Aufhebungszeichen. Wo sonst Titel und Überschriften prangen, kann bei Springenschmid lapidar „block“ stehen, „lapidar“ durchaus konkret begriffen als das Hauen des poetischen Textes aus dem Sprachmonolith, „block“ auch als poetisches Neuprogrammieren des sprachlichen Speicherblocks. In diesem 4 Teile umfassenden Textzyklus taucht gehäuft das Wort „tisch“ auf, als Tisch, der die Sprache verdrängt, als kantige bloße Form und Pseudo-Funktionalität und damit als ein Symbol für die Warenwelt, in der die Sprache von den hohen Kanten und tiefen Platten der Gesellschaft verdrängt und der Bedeutung enthoben wird, in der schließlich das „Wort an sich“ zum bloßen Tisch verkommt, der mit fragwürdigen Botschaften beladen wird, bis er bricht: „das stellen der tische vor worte“ (11). In den „block“-Texten finden sich auch die buchtitelgebenden Nomen oder Imperative „fall“ und „stelle“, was den Gedanken nahelegt, dass Schriftsteller Fallensteller sind, im Sinne von: sich der Schrift und den Fallen der Welt stellen – „mind the gap“, wenn sich „Zufall“ trennt in „zu“ und „fall“.

Und solchen „gaps“, Lücken in der Lückenlosigkeit suggerierenden Sprache, mit der ständig Sperren und Blockaden aufgebaut werden, die die eigentlichen Lücken sind, ist Springenschmid immer auf der Spur, nicht zuletzt deshalb, um das Potential der Sprache zu retten, auf die Möglichkeiten der Sprache hinzuweisen und dabei zu einer gewissen Brüchigkeit zu stehen, frag-mental im Sinne von: frag verständig. Manchmal genügt ein ganz minimales Tischerücken, eine Feinadjustierung wie an einem sensiblen Gerät, wenn bei den Versallettern SATZ gleich einem Zug des Springers beim Schach aus dem T ein L gemacht wird, wodurch SALZ entsteht (79). Springenschmid findet die Schiebetüren, um die Sprache und die Wahrnehmung zu öffnen: „tür-auf-zu g“ (106) – und in diesem Zusammenhang sei auch auf seine beeindruckende Handschrift verwiesen, die überwiegend aus ca. 45 Grad geneigten Schrägstrichen besteht, aber klar und deutlich zu lesen ist. Wörter wie „anfangen“, „aufhören“, „fallen“ und „stellen“ tauchen in vielen Texten des Bandes immer wieder auf und werden somit zu Schlüsselwörtern für die Schiebetüren, wobei geschickt Konversionen zwischen den Wortarten zum Entriegeln eingesetzt werden: „fallen ein klammern“ (block 3, s. Leseprobe). Sämtliche Texte des Bandes sind von tief gehenden Überlegungen zur Wahrnehmung getragen, die zum philosophischen Mitdenken anregen, wie die folgende, fast wie eine Art „platonisches Gegenstandsgleichnis“ wirkende Passage zeigt: „glüht der gegenstand wird man es an seinem schatten nicht ansehen. brennt / der gegenstand wird man es an seinem schatten erkennen. erlischt der / gegenstand erlischt sein schatten. ist der schatten also werbung oder / ausrede, ist er blatt vom gegenstand, sein werkstück laubwerk, abfall, / ein gleichzeitig sich gegenseitiges an und abhören, als sanfte raktion / auf-zu-hören, hör auf – ab? (...)“ (93). Oft vermittelt die Dichte der Gedichte, die Auslotung möglichst aller Böden der Semantik sowie der Wände und Decken der Zeichen den Eindruck, dass es gelte, im literarischen Schreibprozess möglichst viele momentane und simultane Eindrücke im und um das Subjekt zu berücksichtigen und einzukalkulieren: „währte vor der seite an seite steckte tasche nicht in weste (...)“ (47). Auch aus Text-Bild-Fundstücken, beispielsweise einer Straßenkarte („c street“, 66) oder Abbildungen von Brücken in Portland/Oregon („portland (or.) “ 68), lässt Springenschmid poetische Dimensionen zutage treten.

Mit „Zu Fall und Stelle“ liegt die längst fällige gesammelte Dokumentation der bisherigen poetischen Arbeiten von Ingo Springenschmid vor, die auch seinen hohen Stellenwert als Dichter ausweist. Das bibliophil gestaltete Buch ist nicht nur eine Bereicherung, sondern ein Grundlagenwerk für jeden Lese-, Schreib- und Zeichentisch.

Günter Vallaster
8. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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