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Karin Schöffauer: Weiteres Ungemach.

Wien: Klever Verlag, 2012.
120 S.; brosch.; Euro 15,90.
ISBN 978-3-902665-42-3

Link zur Leseprobe

Karin Schöffauer verstarb, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte, Ende 2011 unmittelbar vor Drucklegung von „Weiteres Ungemach“. Das in solchen Situationen oft bemühte Wort „Vermächtnis“ für dieses Buch zu verwenden, liegt nahe angesichts der Fülle an Weltbedrohungen, die darin auf höchstem literarischen Niveau thematisiert werden, doch gilt es gerade in dieser Situation auf das gesamte Werk Karin Schöffauers hinzuweisen, dessen literarische Spannkraft ungebrochen ist. Unvergessen ihre Lesungen, wie sie etwa in der weinrebenverhangenen Wiener Amerlinghaus-Galerie auf knarrendem Riemenboden und unter 30-Watt-Birnen mit tiefer, sonorer Reibeisenstimme im geringelten Matrosenleiberl aus ihren kantigen Werken vortrug, darunter „1 silviroman“ (Das fröhliche Wohnzimmer-Edition 1997), der gekonnt und hintergründig das Genre des Heimatheftchenromans auf die Schaufel nimmt oder der hochkonzentrierte Kurzprosaband „des abends schräge bahn“ (Ritter-Verlag 2006). Gerne kooperierte sie auch intermedial mit MusikerInnen wie in der Gruppe „Scheinweg Factory“ (mit Michael Fischer, Stefan Krist, Hermann Stangassinger und Erich Wolfesberger) oder der Filmemacherin Moucle Blackout („Neue Wege bricht neue Welt aus“, 1996). Doch, um gleich aus ihrem vorliegenden letzten Buch zu zitieren: „(..) eines tages hört das auf. ferien in fichtenholz“ (106).

„ein fall und ein unfall. das geboren werden und leben“ (48) heißt es an einer anderen Stelle. Und was sich alles zwischen Fall und Un-Fall abspielt, wird in einem lyrisch dichten und prosaisch präzisen Duktus, der an „des abends schräge bahn“ anknüpft, festgehalten. Die Textstrecke wirkt, Seite für Seite betrachtet, wie eng beschriftete Notizzettel oder Post-its, auf denen sich die Wörter hastig aneinanderreihen oder ineinanderschieben. Dadurch entsteht ein collagenartiges Wort-Mosaik, in das sich immer wieder dialektale Zitat-Schnipsel mengen („dass ma alle wissn was a globalisierung is“, 94) und dem auch 30 Bild-Collagen und visuell-poetische Arbeiten entsprechen, die über das Buch verteilt sind, die erste und die letzte nehmen sich wie Mottos aus: „verpackung nicht zum verzehr geeignet“ (5) und „UEBung/sblätterPeRsöNL/IchERg/Es(ch)ICHte“ (123). Dazwischen wird nichts ausgelassen: Vom „lichtl“ (7), das sich als „überwachungssatellit“ (ebd.) erweist, über „blaue und braune spiegelfassaden“ (8), „einwegstreckenabschnittspartner“ (10), „verbotsschilderwald“ (49), „kinderabstellplätze“ (53), „wohnungsbehältnisse“ (93), „finanzbeben“ (101), „AlArmArmierung“ (112) bis zur „atomsprenguhr“ (96, 117) wird minutiös und schonungslos ein Protokoll der laufenden Schreckensereignisse, Missstände und Krisen gezeichnet, das auch jüngste, schon wieder aus der medialen Wahrnehmung verschwundene, aber noch lange spürbare Katastrophen einbezieht, wie die „orangen giftteppiche“ (121) in Kolontár oder der Super-GAU in Fukushima: „japan rutscht ins meer“ (117). Gepackt ist das Ganze in eine „reisebeschreibung“ (20), die die Menschen als Touristen auf diesem Planeten entlarvt, die nur auf Ballermann machen und sich in ihren polierten Fahrzeughülsen verschanzen. In einer demontierenden Montage hält Schöffauer seismografisch fest, was alles so und nicht so im Prospekt steht: „genau nach prospekt vorlage dann kommt ernüchterung auf“ (41).

Als Hauptschauplatz und Ausgangsfolie der literarischen Erkundungen dient ihre nähere Umgebung in Wien, der ganz normale Großstadtwahnsinn auf den Straßen und Plätzen, in „pulk strassenbahn ubahn rolltrepp rempelauf und ab“ (14), „sbahn“ (24) und „owagen“ (62), mit einem „café zur nachtmahr“ (30), später auch „cafe 9teufl“ (73) als abendlich-nächtlichem Zufluchtsort, „wo alle gehörig durchgerüttelt zusammensaßen und sich an zeitungsschnitzeln ergötzten“ (30). Das Blattgrün gibt es nur noch als „erbsengrüne telekommunikation“ (69) oder „eichenlaubgrüne bierreklame“ (ebd.) an den Straßenkreuzungen zur schönen neuen Welt: „nua ned filosofisch wean sagt der wachmann gemma! grüna wiads ned“ (33). Die bisweilen surreal anmutenden Szenen sind oft nichts anderes als genaueste Beschreibungen des Gegebenen, unter origineller Berücksichtigung mehrerer Bedeutungsebenen, Assoziationsfelder und der Wortwörtlichkeit: „im vierzigsten stock wird ein fenster gekippt ein stück himmel mit wolke fällt in die gegenüber-jalousie“ (8). Auf diese Weise erscheint auch die Hühnermast als „handymasten“ (33), die Wissenschaften verschieben sich zu „wiesenschafen“ (88), das Öl tropft aus lecken Wort-Gallonen und rauft sich mit Gold und Geld: „öl rauf dollar runter / gold rauf. öl runter dollar runter gold rauf. öl rauf dollar runter runter gold rauf rauf rauf“ (92).

Karin Schöffauer ergänzt in „Weiteres Ungemach“ das Galilei’sche „Und sie bewegt sich doch“ mit wachem Blick auf die Gesellschaft durch ein ausdrucksstarkes Da-steht-doch-was: „muss wohl wahr sein hier stehts doch“ (37) und „war hoffentlich doch nur die sonne die hier unterging“ (45). Dabei setzt sie die Wörter in einer derartigen Intensität und Vielschichtigkeit, dass sie wie lyrische Lamellen wirken, durch die sie ihre Prosaflüsse steuert und damit permanent neue Blickwinkel eröffnet, durchaus mit Widerhaken, aber gerade dadurch äußerst widerständig. Ein radikales, kompromissloses Buch von einer Autorin, die nicht vergessen werden darf.

Günter Vallaster

9. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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