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Julian Schutting: Theatralisches.

Salzburg und Wien: Otto Müller, 2012.
68 S.; geb.; Eur[A] 18,00.
ISBN 978-3-7013-1191-0.

Link zur Leseprobe

Julian Schutting zählt zu den wenigen deutschsprachigen Gegenwartsautoren, die sich von der antiken Literatur und Philosophie inspirieren lassen und dabei auf originelle Weise bekannte Prätexte nachdichten. Bereits 2001 griff er mit dem Lyrikband Dem Erinnern entrissen auf lateinisches Bildungsgut zurück, nun legt er mit dem Theatralisches betitelten Bändchen eine neue Probe seines Könnens vor, die ihn zugleich als intimen Kenner der römisch-griechischen Klassik ausweist.

Ausgehend von Vergils berühmtem Versepos versucht sich Schutting zunächst an der tragischen Liebesgeschichte von Dido und Aeneas und erzählt in zehn Gesängen die kurze, leidenschaftliche Liaison zwischen der karthagischen Königin und dem seefahrenden Helden, der den Flammen von Troja entronnen ist.

Des antiken Stoffes ganz und gar mächtig, verwandelt der Autor die liebestrunkene Protagonistin in eine selbstbewusste Frau, die zielstrebig “ins zuletzt geteilte Gipfelglück” eilt und nach Aeneas’ Abschied ohne Wehklagen ihren Abgang in die Wege leitet. Dido bleibt also konsequent bis zum bitteren Ende, während ihr Liebhaber “sie nach wild-milder Liebesnacht im Liegen hat sitzenlassen ...”

Würde man nicht gelegentlich über Schuttings sehr heutige Kalauer stolpern, könnte man diese Vergil-Travestie als eine gelungene Übersetzung betrachten, die den stilus sublimus der lateinischen Vorlage gekonnt in einem modernen Deutsch wiedergibt. Stilistische Spielereien dieser Art stehen freilich nur dem versierten Dichter zu Gebote, dem es dann auch erlaubt sein muss, mit Anachronismen den Gang der abendländischen Geschichte zu unterlaufen. Als Didos Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird, gewahrt der zu Tode betrübte Aeneas vom Meer aus eine gewaltige Rauchwolke, die allzu sehr an jene Eruption erinnert, die im Mai 2011 den europäischen Flugverkehr einige Tage lahmgelegte: “O du kleingläubiges Schiffsvolk! das ist bloß/eine Aschewolke, wie nach einem Vulkanausbruch,/die Asche mir teuer gewesener Rosen!”

Der zweite Abschnitt dieser theatralischen Publikation enthält einen Kaiserin Irene konversiert mit Sohn Konstantin überschriebenen Dialog, in dem der Dichter anspielungsreich und munter Zeitsprünge machend einen Abstecher ins frühchristliche Byzanz unternimmt. Konstantin wird seiner Mutter, der verwiteten Kaiserin von Ostrom, vorgeführt, nachdem ruchbar geworden ist, dass er eine Verschwörung gegen sie geplant hat. Die ehrgeizige und alles andere als mütterliche Regentin lässt den inhaftierten Sohn daraufhin zur Strafe blenden.
Auch in diesem Text wird nach Belieben aus der Weltgeschichte zitiert, kommen das Salzkammergut und Kaiserin Elisabeth so selbstverständlich zur Sprache, als wären sie leibhaftige Zeitgenossen jener historischen Irene gewesen, zu deren außenpolitischen Partnern Harun al Raschid und Karl der Große zählten.

Dichterische Lizenz prägt ebenso Ein kleines Abendgastmahl, das den Band Theatralisches abschließt. Frei nach Platons gastlicher Runde versammeln sich auf Schuttings literarischer Bühne Sokrates, Platon, Aristoteles sowie der deutsche Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege, um launig-tiefgründig über wahre Sätze und falsche Schlüsse zu disputieren. Unter den Nebenfiguren kommen außerdem ein als “Ich” ausgewiesener Dichter und “Die Lyrik-Interpretin” zu Wort, welche die philosophischen Schlagabtäusche der “Herren Professoren” mit gewitzten Einwürfen des auktorialen Doubles würzen.
Freunde von Logeleien werden sich unversehens “in die namenlos chaotische Welt” von Scheinproblemen, in welcher der Repräsentationslogik sprachlicher Zeichen wortreich eine lange Nase gezeigt wird, versetzt fühlen.
Mit dieser schillernden intellektuellen Parodie auf Sinn, Hintersinn und Unsinn vollführt Schutting einen künstlerischen Hochseilakt, der niemals Langeweile aufkommen lässt und, was den Wiedererkennungswert angeht, der Eitelkeit des klassisch Gebildeten strategisch Vorschub leistet.

Walter Wagner, 9. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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