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Carina Nekolny: Fress-Schach.

Ein bulgarischer Winterkrimi.
Klagenfurt – Wien: Kitab Verlag 2011.
239 Seiten; broschiert; Euro 16,00.
ISBN 978-3-902585-75-2.

Link zur Leseprobe

Die meisten der insgesamt 51 Kapitel des „bulgarischen Winterkrimis“ von Carina Nekolny spielen in einem der bekanntesten Wintersportorte dieses Landes, wo auch schon der Alpine Schiweltcup Station gemacht hat, in Bansko am Fuße des Piringebirges. Schirennen findet allerdings keines statt, sondern ein Treffen bulgarischer und österreichischer Wissenschaftler zum Thema „Heros und Eros seit der Bulgarischen Renaissance“. Neben Seminar und Tagung gibt es Exkursionen und zahlreiche nächtliche Veranstaltungen. Die teilnehmende österreichische Delegation setzt sich aus Professoren und TeilzeitlektorInnen zusammen, die bulgarische Gruppe vorwiegend aus ProfessorInnen der Historischen Seminare Plagoevgrad und Plovdiv. Sie treffen sich allesamt nicht zum ersten Mal beim Wintermeeting, wo das wissenschaftliche „Brimborium“, wie einem schnell klar wird, Rahmen für ganz andere Dinge ist.

Obwohl man eigentlich annehmen müsste, das ständige Schulen des analytischen Verstandes und Denkens ließe einen „weise und klar“ werden – dieser Roman, den man als feministischen Krimi genauso lesen kann wie als Satire auf den Wissenschaftsbetrieb, beweist das Gegenteil. Die hier auftretenden Intellektuellen denken an Vergnügen und Geld und nutzen dieses Treffen daher zur Anbahnung von Geschäften sowie als günstige Gelegenheit, gut und viel zu essen und zu trinken, Leute kennen zu lernen und Sex zu haben.

Im Vordergrund steht natürlich auch die Absicht, sich auf der wissenschaftlichen Bühne gut zu präsentieren. Keiner, der nicht an sein akademisches Fortkommen denkt. Doch scheint dies weniger mit der fachlichen Kompetenz als mit der Geschlechtszugehörigkeit zusammenzuhängen. Denn wie man hier beinhart präsentiert bekommt, sind die Aufstiegschancen von Frauen begrenzt. Eine Wissenschaftlerin, die Karriere machen will, muss strukturelle und persönliche Hindernisse in Mühlsteingröße aus dem Weg räumen. Die logische Konsequenz ist der Verzicht auf Familie und Kinder. Aber selbst dann ist es nicht so, dass der hehre Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften frei von Machtgier und Ehrgeiz wäre. Um sich „einen Platz am Futtertrog“ zu sichern, verwandeln sich sogar weltfremde Wissenschaftler in Meister der Intrige.

Hinterrücks sind alle „mit ihren kleineren und größeren Schmutzigkeiten und deren erfolgreicher Vertuschung beschäftigt“. Nach außen jedoch soll nichts anderes dringen als das Bild vom „netten kultivierten Menschen“. So sieht es oberflächlich aus, als wäre alles in Ordnung. Immerhin geht es an den Abenden recht lustig zu. Es wird ausgiebig getanzt, und der Rakia fließt „in Strömen“. Und obwohl sich BulgarInnen und ÖsterreicherInnen dadurch schneller kennen lernen, gibt es allerlei Ressentiments und Antipathien. Dazu kommen fachliche Meinungsverschiedenheiten und ein Streit zwischen den beiden bulgarischen Universitäten. Und als dann im Abstand weniger Tage vier Menschen tot aufgefunden werden, drei davon namhafte Professoren um die Siebzig, jeder von ihnen nackt und mit einem erigierten Penis, liegen die Nerven blank. Denn niemand weiß etwas Konkretes. Dafür gibt es umso mehr Gerüchte. Verdächtigungen, Paranoia. Und Fragen über Fragen: Unfall? Zufall? Geht ein Serienmörder um? Oder handelt es sich um eine Mafiageschichte, um ein Politikum?

Fest steht zunächst nur, dass alle Toten einem „Herzgift“ zum Opfer gefallen sind. Und dass der ermittelnde Komissar Kolarov ziemlich im Dunkeln tappt. Als Tathintergrund ist eine erschlichene Habilitation genauso plausibel wie Benzinschmuggel, der illegale Handel mit Kunstgegenständen oder ganz einfach „die Quotenregelung“. Schließlich scheint der Typus des „Sesselklebers“ auch im Wissenschaftssektor eine nicht unbekannte Größe zu sein. Dass man sich seiner auf recht originelle Weise zu entledigen weiß, ist eines von mehreren Gütesiegeln dieses fein strukturierten, flüssig geschriebenen, die sexbesessenen Männer einigermaßen entlarvenden Romans, der nicht einfach linear darauf los erzählt, sondern einem abwechslungsreichen, verschachtelten, intelligenten System folgt.

Dabei gelingt es der Autorin, ungeniert zu schwadronieren und tragikomische Enthüllungen mitzuliefern: Etwa dass das Wasser im hoteleigenen Hallenbad in Bansko eine „Chemiebrühe“ ist. Dass man in Bulgarien leider gezwungen ist, sich etwas von dem, was der Allgemeinheit gehört, abzuzweigen, weil „Väterchen Staat so schlecht für seine Kinder“ sorgt. Dass eine vom österreichischen Staat finanzierte „geschäftliche Besprechung“ in Wahrheit ein „verschwiegenes Gelage mit Damenbegleitung“ ist und die Devisen bringenden österreichischen Gäste ziemlich „degenerierte Ansprüche“ haben. Es zeigt sich, dass jede(r) seine Schattenseiten hat und man nie jemanden unterschätzen sollte.
Ganz und gar nicht unterschätzen sollte man auch diesen abwechslungsreichen, das Wissenschaftsmilieu ironisch ausleuchtenden Roman mit zeitweilig kleiner Nebenwirkung: „Er geht aufs Herz“.

Andreas Tiefenbacher
4. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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