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Sina Tahayori: orientExtrem.

Erzählungen.
Wien: edition exil, 2011.
89 Seiten; brosch.; Euro 12,-.
ISBN: 978-3-901899-50-8.

Link zur Leseprobe

Mit solchen Titten wäre ich längst in Hollywood“

„Wenn ich meine Geschichten in einer Schreibwerkstatt präsentiere, dann wissen die anderen Teilnehmer nichts zu sagen“, so der Autor Sina Tahayori, dessen erster Sammelband „Orient Extrem“ in der Edition Exil aufgelegt wurde. Und tatsächlich ist es schwer, über die Form der Kurzgeschichte, derer sich der Autor mit Vorliebe bedient, ausführlich zu sprechen. Die Kurzgeschichte ist voll von Menschen, die Fenster öffnen, Zigaretten rauchen und Teller abwaschen. Das Drama spielt sich zumeist inmitten des Alltags ab, lauert zwischen den täglichen Ritualen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten.
Ein Meister dieser Kunst war Raymond Carver, mit seinen Erzählungen über Fast-Nichts, wobei sich dieses Fast-Nichts im weiteren Verlauf zumeist als schleichende Katastrophe entpuppt. Die Kurzgeschichte ist ein „menschenfreundlicher Akt“ im Sinne Wolf-Dietrich Schnurres, der sie, wie viele andere auch, im Nachkrieg nach 1945 in Deutschland revitalisierte und aus der englischen Tradition ins Deutsche herüberzuholen versuchte. Borcherts einsame Kriegsrückkehrer oder Bölls desillusionierte Einzelgänger dominierten lange Zeit die Literaturszene und trafen den Nerv einer Zeit, die sich vom destruktiven Pathos der Nachkriegsjahre abzuwenden versuchte.

Auch Sina Tahayoris Geschichten sind von Einzelgängern und Außenseitern bevölkert. Seine Vorliebe gilt den Schwulen und Lesben, den Transgender- und Transsexuellen und den zwischen den Kulturen lebenden Migranten im Österreich.
Die Protagonisten von „orientExtrem“ sind allesamt auf der Suche nach ihrer Identität, einem Platz in einer Welt, in der Geschlechtergrenzen gezogen werden wie die Straßenzüge moderner amerikanischer Städte. In der Geschichte „Wodka zum Frühstück“ finanziert die wunderbar ver-rückte Figur Pedram, ein/e Transsexuelle/r, sein/ihr Studium als Callboy(-girl) und bleibt dabei auf der Suche nach seiner/ihrer wahren Liebe. In „Angemessen vertraulich“ wird die schwierige Beziehung eines iranischen Migranten mit einem Tänzer schwarzer Hautfarbe geschildert und die Schwierigkeiten, die das Wiederauftauchen der eigenen Familie in das neu geschaffene Leben mit sich bringt. Der persische Vater in „Tischmanieren“ wiederum, ein Akademiker, der sich nun mit Taxifahren sein Leben verdienen muss, wird vom coming out des Sohnes und der plötzlichen Flucht der Mutter in eine Identitätskrise gestürzt. In „Die west-östliche Diva“ wird der Ton zunehmend surrealer, erheben sich Erzähler in die Lüfte und münden schließlich im Märchen „Sündenbock“, in dem die Thronübergabe an den legitimen Nachfolger an seiner Homosexualität scheitert.
Um aber die Falle zu vermeiden, diese Geschichten als Darstellung des „Lebens an sich“ zu verstehen, sei daran erinnert, dass selbst Edgar Allen Poe davon träumte, den „Bauplan“ eines jeden gelungenen literarischen Werkes enthüllen zu können. Einfach gesagt: Das Leben darf nicht mit der Druckerschwärze und dem Alphabet verwechselt werden, auch wenn unbedarfte Leser und Kreationisten anders denken mögen.

Es ist vor allem die formale Sicherheit, die an diesen Kurzgeschichten zu überzeugen vermag. Man nehme nur als Beispiel die Anfangssätze der Erzählung „Wodka zum Frühstück“: In ihnen offenbart sich die erzählökonomische Sicherheit, mit der es Tahayori versteht, seine Figuren einzuführen: „Ich ertappe Pedram im zerknitterten Fummel unter unserem Küchentisch, zusammengekauert, als hätte er Stunden dort gehockt. Die Flasche Notfallswodka in der Hand, eine Zigarette in der anderen.“
An diesem Beispiel kann man auch studieren, wie sehr viele Geschichten dieses Sammelbandes konstruiert sind: Nach dieser gelungenen Einführung folgen lange Dialogpassagen, die zumeist auch nicht weiter in Tonfall, Lautstärke oder Rhythmus differenziert werden. Tahayori überlässt es dem Leser, diese Notierungen für sich selbst zu ergänzen und der authentische Ton, den er für diese Wechselreden findet, hilft dabei ungemein.
Auch dort, wo Tahayori den knapp bemessenen Zeitrahmen der Kurzgeschichte sprengt, erweist er sich als souveräner Erzähler, der zwischen zwei Absätzen schon einmal Jahre vergehen lassen kann, ohne dass man als Leser in seinem Fluss unterbrochen wird. Besonders bemerkenswert ist das in der ersten Geschichte mit dem Titel „Angemessen vertraulich“, in der auf acht Seiten 12 Kapitel aufgefahren, zwei Jahre übersprungen und 26 Jahre erinnert werden. Das muss man erst einmal können. Hier wird nichts hinzugefügt, nichts kommentiert, außer dem Geschehen an sich, hinter dem der Erzähler souverän zurücktritt. Sina Tahayoris Verfahren mit seinen kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln erinnert an einen Diavortrag, bei dem scharf umrissene Szenen in kurzer Abfolge präsentiert werden – eine Tanzstunde, eine Verabschiedung am Flughafen, eine romantische Szene am Morgen – mit dem Unterschied, dass man dabei nicht einzuschlafen droht, sondern im Gegenteil einem Erzähler lauscht, der die großen Zeitsprünge raffiniert zu einer berührenden Geschichte zusammenzufügen vermag.
Nur die letzte Geschichte mit dem Titel „Der Sündenbock“ fällt etwas aus dem Rahmen. Das Märchen, das die Thronfolge im fiktiven Land „Tyrannien“ zur Handlung hat, die aufgrund der Homosexualität des Nachfolgers in Gefahr zu geraten droht, ist unschwer als maskierte Schilderung der Zustände im Iran zu erkennen. Obwohl der berichtende Ton durchaus jenen der ersten (deutschen) Märchen der Gebrüder Grimm trifft, ist hier die Ballung der Informationen auf kleinstem Raum zu anstrengend und das Sujet hätte eine ausführlichere Behandlung verdient.

Bis auf den kleinen Ausreißer am Ende ist „orientExtrem“ ein Buch geworden, das mit großer erzählerischer Sicherheit Schlaglichter auf eine Zeit wirft, in der „Identität“ scheinbar zum ersten Mal zum Problem einer ganzen Generation geworden ist. „Scheinbar“ deshalb, weil der homosexuelle Lebensentwurf immer schon mit einem Problem konfrontiert war, das traditionelle Rollenverteilungen und kulturelle Rituale nie ganz überdecken konnten: Die simple Frage danach, wer man eigentlich ist, wenn kulturelle und geschlechtsspezifische Einschränkungen nicht mehr gelten. Insofern ist das ein Buch, das uns alle angehen sollte.

Alexander Sprung
16. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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