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Leseprobe: Andreas Pittler - Zores.

„Wer sind Sie und was wollen Sie?“ Die Fragen kamen in rauem Kasernenhofton, wenngleich die Stimme des jungen Mannes dafür ein wenig zu unmilitärisch klang. Bronstein hob seine Kokarde hoch. „Polizeidirektion Wien. Ich hätt einige Fragen an den Herrn Minister.“
„Der ist nicht da“, kam es barsch zurück.
„So? Vor zehn Minuten hat’s geheißen, er hätte da eine Besprechung.“
Das Gesicht des Jünglings verfinsterte sich. „Ah Sie waren das mit dem Anruf. Für so etwas hat der Herr Minister scho überhaupt koa Zeit ned. Also schieben S’ ab mit ihrem Blechdings da.“
„Mein Herr, ein führendes Mitglied der Bewegung ist ermordet worden, wie wahrscheinlich schon bekannt sein dürfte, und da muss es ja wohl auch im Interesse des Herrn Ministers sein, dass dieser Fall rasch aufgeklärt und der Verantwortliche für diese Tat zur Rechenschaft gezogen wird.“
Der Pimpf kam ins Wanken. Nachdem seine Kiefer eine Weile krampfhaft vor sich hingemahlen hatten, rang er sich zu einer Entscheidung durch. „Gut, wen darf ich melden?“
„Oberst Bronstein von der Polizeidire ...“
„Des is ned dei Ernst, oder?“ Der Nazi starrte Bronstein ungläubig an.
„Äh, was?“
„Sag des no amoi, wia du haaßt!“
„Oberst Bron...“
„Ja bist du vollkommen narrisch worden, du Saujud, du elendiger?“ Der Mann sah gen Himmel. „I maan, I tram. A Itzig traut si da her. Des nenn i Chuzpe! Pass auf, du Moses: schleich di, aber gach aa no, sonst hast mehr als nur Zores. Hast mi!“
Die letzten Worte hatte der Mann in einer derartigen Lautstärke gebellt, dass Bronstein unwillkürlich zusammengezuckt war. Dennoch war er nicht willens, sich so davonjagen zu lassen. Als er eben zu einer Replik ansetzen wollte, ging am anderen Ende des Korridors eine Tür auf, und ein massiver Körper mit einem quadratischen Schädel erschien in Bronsteins Gesichtsfeld. Der Oberst kannte dieses Gesicht von zahlreichen Bildern. Es war der Minister höchstselbst.
„Schönberger, was ist da los?“, fragte Seyß-Inquart schneidend.
„A Itzig, Herr Doktor. Der traut si da her!“
Das Gesicht des Ministers verfinsterte sich augenblicklich. Er schickte Bronstein über seine randlose Brille hinweg einen vernichtenden Blick und erklärte seinem Adepten sodann, er möge den impertinenten Kerl an die frische Luft befördern. Tatsächlich griff der Jungnazi nach Bronsteins Mantel. Dieser riss sich los.
„Einen Augenblick, ja! So geht das nicht!“, rief Bronstein erregt, „das ist eine Mordermittlung, und da habe ich das Recht ...“
„A Jud hot ka Recht“, schnarrte der Junge.
Bronstein ignorierte ihn und versuchte, die Kanzlei zu betreten.
Wieso hatte er den Schwinger nicht kommen sehen? Der Nazi musste unterhalb seines Gesichtsfeldes ausgeholt haben. Jedenfalls war die Wucht, mit der dessen Faust in seiner Magengrube gelandet war, beachtlich. Bronstein musste sich am Türstock festhalten, um nicht umzufallen. Das Atmen fiel ihm schwer, und er konstatierte neben dem Schmerz ein eklatantes Schwindelgefühl. Er kam nicht dazu, weitere Gedanken anzustellen, denn Seyß-Inquarts Schläger verpasste ihm einen ordentlichen Rempler, sodass Bronstein zurückgerissen wurde. Seine Hand vermochte sich nicht mehr am Türstock festzukrallen. Dieser entglitt ihm schließlich völlig, und Bronstein fiel der Länge nach hin auf den Gang. Gerade schaffte er es noch, sich mit der anderen Hand ein wenig abzustützen, um den Fall zu dämpfen, doch er schlug dennoch hart auf den Fliesen auf. Der Nazi lachte nur höhnisch und schloss die Tür.
Bronstein schloss auch etwas. Seine Augen. Für einen Moment lag er einfach da und ließ sich gehen. So war das also. Da war er beinahe 55 Jahre alt, und jeder dahergelaufene Rotzlöffel konnte sich an ihm sein Mütchen kühlen. Er fühlte sich steinalt. Zu alt für diesen Beruf. Zu alt für diese Zeit, zu alt für dieses Leben. Eine Welle unendlicher Trauer durchflutete ihn, und er stellte fest, dass er mit den Tränen kämpfte. Mühsam setzte er sich auf, seufzte und wischte sich dann mit den Ärmeln seines Mantels über die Augen. Sein Bauch tat ihm weh, seine Schläfen pochten, und ein gewisses Maß an Übelkeit war nicht zu leugnen. Bronstein robbte sitzend zum Geländer, hielt sich daran fest und zog sich schließlich unter Schmerzen hoch. Er sah ein letztes Mal auf die Tür der Kanzlei und schlich dann die Treppe abwärts. Wie ein geprügelter Hund verließ er das Haus. [...]
Man hatte ihn eben aus einer Wohnung geworfen. Und das bei einer Ermittlung! So etwas war ihm noch nie passiert! Vielleicht sollte er den Dienst quittieren? Am besten, er wartete die Volksabstimmung noch ab, und wenn diese im Sinne Österreichs ausging, dann sprach er einmal ein Wort mit dem Skubl. Der hasste ihn so sehr, dass er jedes Pensionierungsgesuch von Bronstein mit Freuden befürworten würde. Für Cerny wäre dann endlich der Weg frei zur Leitung der Abteilung, das hatte er sich ohnehin schon lange verdient. [...] Das war sicher für alle Beteiligten das Beste. Jetzt umso mehr, da er sich mit dem Minister angelegt hatte. Aber gut, beruhigte sich Bronstein, das mochte egal sein, denn Seyß-Inquart war am Montag ohnehin Vergangenheit, denn wenn Schuschnigg die Abstimmung gewann, dann würden die Nazis sicher aus der Regierung ausscheiden, denn ein solches Ergebnis würde ihre Position unhaltbar werden lassen. [...]
Und was, wenn die Nazis doch gewannen?

(S. 142 - 146)

© 2012 Echomedia Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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