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Bettina Balàka: Kassiopeia.

Roman.
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2012.
344 S.; geb.; Euro 22,90.
ISBN 978-3-85218-693-1.

Link zur Leseprobe

Judit Kalman, eine attraktive Anfangvierzigerin aus Wien, hat ganz präzise Vorstellungen von der Zukunft: Sie will ihr Leben an der Seite von Markus Bachgraben verbringen. Dumm nur, dass der junge Schriftsteller von dieser Idee nichts weiß. Zwar hatte Judit in Österreich bereits eine Affäre mit dem Autor, auf dessen gefeierten Erstlingsroman noch kein zweiter Wurf folgte – aber daraus hatte sich nichts Weiteres ergeben. Also reist Judit ihrem Bachgraben nach Venedig hinterher, wo dieser eine offizielle Schriftstellerwohnung bezieht, während sie sich im schicken Ferien-Loft einer Freundin einquartiert. Im Folgenden versucht sie, dem angeblich eifrig Eindrücke notierenden Schriftsteller „zufällig“ zu begegnen. Damit nicht genug, kontrolliert und manipuliert sie seit längerer Zeit hinterrücks sein Leben – ohne zu ahnen, dass auch er sein Spiel mit ihr treibt.

Gegensätzlicher hätte die 1966 geborene Bettina Balàka, eine Autorin, die als Erzählerin, Lyrikerin, Dramatikerin und Essayistin ein vielseitiges Werk vorgelegt hat, die Milieus ihrer beiden Hauptpersonen gar nicht anlegen können. Judit Kalman ist die Tochter eines reichen Aufsteigers, hat ein paar abgebrochene Studiengänge hinter sich und kennt die Welt von zahllosen Reisen her so gut wie das Innere ihres teuren Lederhandtäschchens. Sie hat ein paar harmlose Spleens, die sie als Charakter durchaus amüsant und liebenswert machen: sie lebt seit pummeligen Jugendjahren auf Diät. Daher wurde die italienische Haushälterin im Feriendomizil angewiesen, nur rohes Obst und Gemüse, mageren Schinken, Mineralwasser und ein paar Alkoholika einzukaufen: „SONST NICHTS“ heißt es auf dem Einkaufszettel strikt. Außerdem führt Judit manisch Listen mit Vorsätzen und Vorlieben, die etwas von einer kindlichen Privatmystik haben, und ist bis zur Sentimentalität tierlieb.

Markus Bachgraben hingegen befindet sich in massiver Geldnot. Auf den Debütroman folgte offenbar eine anhaltende Schreibblockade. Seither tingelt er durch diverse Schriftstellerunterkünfte – was dem Roman ein paar wunderbar giftige Bemerkungen über „Kulturtanten“ sowie die Einsamkeit von Insel- und Turmschreibern beschert. Im Gegensatz zu Judit stammt Bachgraben aus kleinen Verhältnissen. Seine Mutter verdient ihr Geld mit den Eiern „unglücklicher Hühner“ aus einer stinkenden Hühnerfabrik, die sie als echte „Bio-Bauern-Eier“ verkauft. Im Gegensatz zur von der Familie emotional gepamperten und kulturell gepäppelten Judit ist Bachgrabens künstlerisches Talent in der Kindheit vollkommen unsichtbar gewesen. Auch entdeckt Mutter Bachgraben eines Tages zufällig den Roman ihres Sohnes, liest die pikanten Stellen mit ausgesprochenem Unbehagen und ärgert sich darüber, dass die Erklärung des Sternbilds der Kassiopeia im Roman dem fiktiven Vater und nicht der fiktiven Mutter in den Mund gelegt wird. Schließlich war sie es, die ihrem Sohn immer wieder die Kassiopeia gezeigt hatte.

Überhaupt, die Kassiopeia! „Kassiopeia“ ist sowohl der Titel von Balàkas Roman wie der von Bachgrabens fiktivem Debüt. (Auf dem Cover des fiktiven Romans prangt laut Text übrigens der gleiche undurchdringlich grüne Meeresausschnitt wie auf Balàkas Roman.) Und „Kassiopeia“ ist eines der Lieblingswörter von Judit Kalman – was diese nach der Lektüre des Bachgrabenschen Buches als Wink des Schicksals interpretiert, direkten Kurs auf den jungen Schriftsteller zu nehmen. Nicht wirklich weiter hilft der Hinweis, dass Kassiopeia eine mythische äthiopische Königin war, welche die Götter gegen sich aufbrachte, weil sie behauptete, schöner als die Nereiden, die Meeresnymphen, zu sein. In Balàkas Roman geht es wohl eher um Zufälle als um Schicksal und die spiegelbildliche Blindheit der beiden Hauptfiguren über die doppelbödigen Absichten des jeweils anderen – und um einige andere Illusionen und Manipulationen.

Das beginnt beim Vorleben des Judit-Vaters Franz, der nach dem Krieg mehrere Identitäten hatte, reicht über die Suche nach dem angeblich unbekannten, angeblich „italienischen“ Vater von Mutter Johanna bis zu Judits früheren Beziehungen. Getäuscht hat sie sich in ihrem so souverän wirkenden Ehemann Stephan, der eines Tages Selbstmord begeht. Dagegen wirkt die zehn Jahre zurückliegende Romanze mit dem gutverdienenden Manager Wolfgang, der sich ausgerechnet in Venedig als Geizhals entpuppte, wie eine leichtfüßige Caprice. Überhaupt ist dieses Buch außerordentlich reich an markanten Nebenfiguren. Da ist die fettleibige Ärztin, die wegen einer Schülerin von ihrem Mann verlassen wird, vor Kummer extrem abmagert und sich hinfort als Diätberaterin profiliert. Oder die Spitzenköchin „Frau Claudia“, eine Angestellte der Kalmans, die unbedingt eine Familie gründen will und dann voller Unzufriedenheit ihre Kinder tyrannisiert.

Es beruhigt, zu wissen, dass es Autorinnen wie Bettina Balàka gibt. Ihr ungewöhnlich großes Repertoire reicht von experimenteller Lyrik bis zu breit zugänglichen – fast möchte man sagen – Formaten. Mit diesem Buch hat sie jedenfalls Bestsellertauglichkeit auf höchstem Niveau bewiesen. Dabei hat „Kassiopeia“ seine Ecken und Kanten an genau den richtigen Stellen. Keine Ahnung, ob das auch auf die gertenschlanke Heldin zutrifft, die sich laut Liste Süßigkeiten nur unter bestimmten Voraussetzungen gönnt: „1. Vor einer großen Anstrengung, 2. Nach einer großen Anstrengung, 3. Am heißesten Tag (Eis), 4. Am kältesten Tag (Pralinen), 5. Wenn man das Gefühl hat, Luft zu werden und sich wieder verstofflichen möchte.“

Judith Leister
29. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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