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Geschichtsschreibung im Kleinen wie im Großen: Egon Christian Leitner und Karl Wiesinger.


Egon Christian Leitner:
Des Menschen Herz
.
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2011.
1210 Seiten; geb. in 3 Bänden; 39,90 Euro.
ISBN 978-3-99029-002-6.

 



Karl Wiesinger:
Standrecht
.
Achtunddreißig.
Der rosarote Straßenterror
.
Wien: Promedia Verlag, 2011.
796 Seiten; Gesamtpaket; 59,90 Euro.
ISBN 978-3-85371-337-2.

 

Was da mit einigem Gewicht daherkommt: Über 1.200 Seiten fassen die drei Bände des „Sozialstaatsromans“ von Egon Christian Leitner, im Schuber unter dem gemeinsamen Titel „Des Menschen Herz“ veröffentlicht. 796 Seiten die drei Bücher von Karl Wiesinger („Standrecht“, „Achtunddreißig“ und „Der rosarote Straßenterror“) die auch als Gesamtpaket erhältlich sind. Keine Trilogien, weder im klassischen noch im formalen Sinn, sondern Aufzeichnungen von zwei Österreichern am Rande der Geschichte – und dennoch Geschichtsschreibungen, im Kleinen (Leitner) sowie im Großen (Wiesinger).

Egon Christian Leitner ist Jahrgang 1961, hat Philosophie und Klassische Philologie studiert und dabei besonders Pierre Bourdieu, der im dritten und weitaus dicksten Band seines opus magnum, den „Tagebüchern 2004–2011“, immer wieder zur Sprache kommt. Die Tagebücher beeindrucken nicht nur ob ihres Umfangs, sie sind tatsächlich „Denktagebücher“, ohne konkretes Datum der Einträge (nur die Jahre sind angegeben), randvoll mit mal kurzweiligen Gedanken („Was sind Gefühle? Sind die alle noch auf der Dialyse?“), mal sehr langen geschichtlichen, politischen Einträgen. Man muss nicht wissen, dass Lenin über Jack London nur gelacht hat, oder dass Van Gogh am liebsten Menschenaugen malte. Aber es tut gut, die Tagebücher von jemandem zu lesen, der nicht nur seine Gedanken, sondern auch seine Alltagsbetrachtungen politisch meint, sich im Schreiben politisch engagiert. Die anderen beiden Bücher des „Sozialstaatsromans“ verdeutlichen dies. Sie enthalten Episoden aus dem Berufsalltags Leitners, der in der Kranken- und Altenpflege tätig ist. Und das mit einem geschärften, niemals teilnahmslosen Blick, und einer Sprache, die die täglichen Tragödien zu dem macht, was sie sind: Einblicke in die gesamtgesellschaftliche Verfassung. „Wie einem Flüchtling ein fremdes Kind in den Händen starb und er darüber ein anderer Mensch wurde“ titelt Leitner eine Geschichte, oder „Von einer Frau, die als Kind fast zu Tode gekommen wäre und für ihre Kinder lebte; und wie es ist, wenn es dann plötzlich in Wahrheit doch keine Schmerzmittel gibt, die helfen, und keinen Gott und die netten Hospizleute sich irren“. Eben darum folgen auf diese Berichte im dritten (Tagebuch-)Band die politischen Schlussfolgerungen Leitners aus seinem Leben und Berufsleben. Eine davon lautet: man solle lieber eine Sozialstaatspartei statt einer Piratenpartei gründen.

Die drei politischen Romane Wiesingers bezeugen eine Geschichte Österreichs vor jeder Sozialstaatsromantik. Sie sind dokumentarische Erzählungen des Bürgerkriegs 1934 („Standrecht“), des Anschluss an das Deutsche Reich 1938 („Achtunddreißig“) und des Oktoberstreiks 1950 („Der rosarote Straßenterror“). Wiesinger, 1923 geboren und 1991 gestorben, war Zeit seines Lebens Kommunist und Vertreter des kommunistischen Literatentums in Österreich, das außerhalb der Salons und Kulturinstitutionen seine Position einzunehmen hatte.

Umso radikaler, umso energischer ging es Wiesinger darum, die Geschichtsschreibung des offiziellen Österreich in Frage zu stellen. Und vor allem jene der Sozialdemokratie, deren ewiger Abwiegelei in den entscheidenden historischen Momenten er den Kampf der revolutionär gesinnten Arbeiter entgegenstellt. Besonders prägnant, und bewusst propagandistisch, gelingt ihm das bei seinem Roman „Standrecht“, in dem er anhand des Schicksals des unbeugsamen Arbeiters Martin die Kämpfe um die Gemeindebauten in Wien im Februar 1934 abbildet. Noch schärfer geht er in seinem Werk „Der rosarote Straßenterror“ mit all jenen ins Gericht, die 1950 den österreichweiten Streik gegen ein Lohn-Preis-Abkommen niederschlagen lassen. Zeitgeschichtlich dazwischen liegt „Achtunddreißig“, Wiesingers wohl literarischstes Buch, das nicht aus der Perspektive des Kommunisten, sondern des jüdischen Schneiders Isaak Schneidewind aus Linz erzählt und von den entscheidenden ersten drei Monaten im Jahr 1938, als Österreich noch zu retten war, aber alle zögerten – außer den Nazis.

Wiesingers Romane erschienen einst nur in der DDR, in Österreich fand sich damals kein Verlag dafür. Ebenso wie Leitners gesammelte Aufzeichnungen aus drei Jahrzehnten haben sie nun einen würdigen Rahmen erhalten. Die dreibändigen Gesamtpakete, so verschieden ihre beiden Verfasser auch sein mögen, stehen für einen Blick auf die Geschichte dieses Landes, die nur Autoren am Rande einzufangen vermögen.

Stefan Kainz
30. Mai 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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