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Leseprobe: Ines Birkhan - Angel Meat. Verwerfungen.

Da war dieses bleiche Mädchen mit den schwarzen Haaren aus Österreich, das mir wiederholt auffiel. Für tiefergehendes Interesse war ich zu fühllos. Irgendwie war sie aus dem Nichts aufgetaucht und sofort Teil der Black Metal-Riege. Bei den Saufgelagen in einem der schäbigen Keller erfasste ich heimlich ihr radikales Wesen, während sie keine Notiz von mir nahm. Nach meinem Tod aber, als ich endlich das Herumirren im Kosmos zwischen Sternmetamorphosen, Gamma-Ausbrüchen und schwarzen Löchern hinter mich gebracht und den Urzustand, wie ich meinte, wiedererlangt hatte, wurde mir klar, dass ich eine Rückkehr auf den blauen Planeten letztlich nur anstrebte, um in den Fortgang ihres Lebens eingebunden zu sein.
So beobachtete ich sie an dem Tag nach ihrer Initiation in den Wäldern Nähe Lillehammer. Jede ihrer Bewegungen, als sie vor Schmerz und Kälte aufwachte, als der elende Gasofen seinen Geist aufgegeben hatte, das Holzfeuer niedergebrannt war und sie in den Frost hinaustaumelte, um Holz zu holen, wurde von mir mitverfolgt. „Diese verdammten betrunkenen Arschlöcher, sie werden in ihrem ohnmächtigen Rausch erfrieren“, stöhnte sie. Das Gesicht brannte wie verrückt. [...] Er gefiel ihr, der Schmerz. [...] „Niemand wird mich jemals wieder für eine Jungfrau halten und Satan, Odin oder Hitler opfern wollen“. Mit ihren sechzehn Jahren war sie längst keine Jungfrau mehr. War sie denn nicht in der Kommune der freien Liebe aufgewachsen? Sie schüttete Benzin in den Ofen, um ein schnelles Feuer zu entfachen, hockte sich auf den Boden und versuchte, sich Øysteins Reaktion auf ihr verwüstetes Gesicht auszumalen. Dieser schmächtige Bursch, Menschenverächter, der mit seinem anwachsenden Hunger nach Macht rang. Wie er sie hassen und lieben wird müssen für diese Tat. Jetzt war sie Königin des Clans. Mit einem Schlag der christlichen Bürgerlichkeit für immer entkommen und zur unvergänglichen Ikone des Black Metal geworden. Sie war ohnehin nie eine von diesen Teenagerinnen gewesen, die auf Urlaub von Eltern und Schule nach Abwechslung suchten. Bei ihr hatten von vornherein andere Standards geherrscht. Ah, Otto wird sie anfeinden, das ahnte sie. Und wie sie ihn in die Tasche gesteckt hat, den alten Wiener Aktionisten! Hatte sie nicht alle im Alleingang in die Tasche gesteckt? Da konnte sie nicht einmal lachen, wegen der harten Blutkrusten um die Lippen. (8-10)

Aus der Ferne ist zunächst die Körperhaltung auffällig, die im taillierten Mantel sehr gerade aufgerichtete Gestalt. Und eine übergroße, tief in die Stirn gezogene Wollmütze. Als Yu die Frau mit den schweren Bikerboots hinten im Bus einsteigen sieht, bemerkt sie die dunklen Linien auf den Wangenknochen nur flüchtig.

Nach drei Stunden entlässt der Bus an einer Raststätte die Reisenden, die sich auf steifen Beinen in die Warteschlange des Buffets einreihen. Darunter auch die junge Frau.

Die Frontalansicht kommt unerwartet und hat eine außergewöhnliche Wirkung auf Yus gesamtes Körpersystem. Als ob neue Spannkraft in ihre Muskeln geschleust würde und die synoviale Schmiere in den Gelenken wie warme Butter zerginge, um uneingeschränkte Bewegungsfreiheit zu gewähren. Das herrliche Gefühl, sie sei fähig, aus dem Stand mit drei, vier Flickflacks die Restauranteinrichtung zu überqueren.

Die schwarze Zeichnung im Gesicht ihres Gegenübers ist von überlegener Eleganz und erschreckend dunkel auf der weißen Haut. Yu erhält schlagartig den Eindruck, deutlicher denn je zu sehen. Die Körperlichkeit der umstehenden Menschen hebt sich angenehm nah und greifbar gegen die unbelebten Objekte und Strukturen im Raum ab.

(S. 56)

© 2012 Neofelis Verlag, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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