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Daniela Egger: Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen.

Erzählung.
Dornbirn: unartproduktion, 2011.
165 Seiten; broschiert; Euro 15,-.
ISBN 978-3-901325-72-4.

Link zur Leseprobe

In Ulrich Gabriels kleiner, aber feiner unart produktion in Dornbirn ist unlängst ein ebensolcher Erzählband erschienen, der in der Flut der literarischen Debuts des Vorjahres untergegangen zu sein scheint - ganz zu Unrecht, denn die Vorarlbergerin Daniela Egger erweist sich als stilsichere und phantasievolle Autorin. Ihre 40 kurzen Geschichten unter dem Titel “Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen” basieren auf ihren eigenen Erlebnissen als Flight Attendant auf der DC-8 von Sheik Ahmed Zaki Yamani, dem Mitbegründer der OPEC und Minister für Öl und Mineralien in Saudi-Arabien; ihre Erzählweise geht jedoch inhaltlich und formal deutlich über den 'Erfahrungsbericht einer Stewardess' hinaus. Die Autorin schlüpft in die Figur der Flugbegleiterin Miriam, deren genauer Blick auf ihre Passagiere - afrikanische Herrscher und arabische Sheiks, zwischendurch eine russische Pornofilmcrew - immer auch die eigene Position als westliche Frau mit all ihren Ambivalenzen miteinschließt. Unermesslicher Reichtum, atemberaubende Dekadenz, die Angst eines alternden Diktators, die Nervosität von Militärs und Bodyguards, das private Leben verhüllter muslimischer Frauen, ein saudischer Nomadinnenstamm auf dem Flug nach Boston - Miriam sieht und protokolliert alles, innerlich äußerst präsent, äußerlich professionell-unbeteiligt. In ihrer Uniform gibt sie nicht nur einen Teil ihrer Identität auf, sondern verzichtet auf tiefgreifende Weise auf das Zugehörigsein. (18) Eine elegante Version von Flucht, die auch in ins Privatleben hineinwirkt. 

Gleich in der ersten Episode des Bandes versagen jedoch alle Fluchtmechanismen: Die Ankunft des Präsidenten Mobutu Sese Seko (übersetzt: der Hahn, der alle Hennen besteigt) im Kongo verursacht der Heldin Übelkeit. Ihr wird übel, wenn sie wütend ist. Und wütend macht sie nicht nur die Landung im Dschungel in Begleitung von Kampfjets, der Kinderchor für den Diktator, dessen väterliche Hand auf den kleinen geschmückten Köpfen, die Militärparade, die zerlumpte Menschenmenge hinter der Absperrung, die auf das übrig gebliebene Essen aus der Flugzeugküche wartet. Miriam bringt es üblicherweise hinaus, doch diesmal durchkreuzt der Steward ihren Plan. Er hat die Delikatessen aus Pariser Restaurants bereits in Müllsäcke gepackt und wirft diese lachend durch die Hintertür aufs Rollfeld, zehn Meter tief, wo sie vor der tobenden Menschenmenge aufplatzen. Während Miriam “sich selbst eine kleine Bewegung gegen den Körper des Mannes neben ihr ausführen” sieht, passiert gar nichts, erst später fällt der Steward ebenfalls durch besagte Tür und wird im gleichen Augenblick von einer Gewehrsalve der nervösen Wachsoldaten getroffen.

Die Autorin findet auf verschiedenen Erdteilen immer wieder Gelegenheit, Miriams  Kollegen unsanft aus dem Weg zu räumen, etwa bei einem missglückten Tauchgang an einem Korallenriff oder im arabischen Soukh, wo der Mann sich mit einer Bande von Strichjungen einlässt und darauf nie mehr aus dem Gassengewirr auftaucht. In China wird dem Steward die Baufälligkeit der berühmten Mauer zum Verhängnis, und einmal tötet ihn sogar ein böser Blick: Der Präsident von Gambia, im Besitz übernatürlicher Kräfte (er heilt Asthma an Sonntagen, Aids an Donnerstagen), ist Gast an Bord und fühlt sich vom Steward wiederholt in seiner Unterhaltung mit Miriam gestört. Das Ende der Geschichte ist ebenso mysteriös wie unausweichlich.
Die phantastischen Tode des Stewards haben Witz und Spannung, und sie schaffen jenen Raum, in dem die Heldin ihre Gefühle ausleben kann. Zwar wird sie nicht zur Mörderin, aber die Vorfälle kommen ihr durchaus gelegen und die Sympathie der Leser ist ihr sicher.

Auch dort, wo unmittelbar nichts 'passiert', ist Miriams Welt kein Ort der Ruhe, etwa in einem Hotel in Kinshasa mitten im Bürgerkrieg: “Eine Kette von Security-Männern umgibt das Hotel, sie ist nicht sichtbar. Wir liegen inzwischen am nach wie vor blauen Pool und trinken Whiskey. Wir sollen das Hotel nicht verlassen, wir wollen aber auch gar nicht.” (28) Dass auf dieser Insel der Behüteten kühle Getränke serviert werden, während draußen das Land in Flammen aufgeht, lässt Miriam gar nicht kalt, und ihr betont lässiger Ton bringt die Absurdität der Situation exakt auf den Punkt.
Ebenso die knappen Sätze im Mini-Kapitel “Diamanten”: Diesmal blickt die Erzählerin aus einem Wagen auf die Straße, neben der Ampel ein Geschäftslokal von Rolls Royce: “Das ausgestellte Prunkstück ist aus Gold (…) - die Zierleisten an der Seite glitzern. Vermutlich handelt es sich nicht um Swarovski-Steine. Die meisten Frauen tragen den Niqab, ein Tuch, das nur einen Sehschlitz für die Augen freilässt. Wer sein Gesicht zeigt, fällt auf. Wer eine Haarsträhne entblößt, will Männer provozieren. Wer mit einem goldenen Rolls Royce und diamantenbesetzten Zierleisten fährt, den hat Gott belohnt. Die Tugendpolizei hat nichts gegen Prunksucht.” (50)
Scheinbar beiläufig entsteht hier ein beklemmendes Bild der Verquickung von Macht, Geld und religiösem Fundamentalismus, das nicht nur europäischen Frauen unangenehm unter die Haut gehen dürfte.

Dagegen stehen überraschende und schöne Momente, in denen die Erzählerin ihre kritische Distanz über Bord werfen und unvoreingenommen staunen darf, etwa beim Anblick einer Gruppe Nomadenfrauen, die den Luxusflieger kurzerhand zum Wüstenzelt umfunktionieren: “Zwölf Frauen betreten die Kabine und mich umweht ein herber Wüstenhauch. Ihre Gesichter, ihr Auftreten und ihre ganze Erscheinung sprechen von einer anderen Welt. Sie sind selbstbewusst und stark, auf andere Art als die reichen und gebildeten Frauen, die wir sonst als Passagiere haben. (…) Gleichzeitig erscheint inmitten einer Heerschar von schwarz wallenden Gewändern die ältere Dame, um derentwillen dieser Flug stattfindet. Sie ist wunderschön. Nicht im landläufigen Sinn - sie ist eine strenge, alte Frau mit blitzenden schwarzen Augen. Was mich aber ehrfürchtig erstarren lässt, ist die Tätowierung in ihrem faltigen Gesicht, blaue Punkte unter den Augen und darunter eine aus Messing geschmiedete Halbmaske, die Wangen und Nase bedeckt. An der Maske befestigt hängt ein schwarzes Tuch, das bis über den Hals reicht. Eine Frau nach der anderen setzt sich auf den hellen Teppichboden, drapiert Kissen und bereitet sich auf einen längeren Aufenthalt vor.” (64)
Der Flug mit den Nomadinnen hebt sich von vielen anderen Episoden des Bandes deutlich ab - als Begegnung mit einer Art von Fremdheit, die der Beobachterin Respekt abverlangt, sogar Bewunderung. Ein Gefühl, zu dem der überwiegende Teil der Fluggäste wenig Anlass bietet - ausgenommen vielleicht Sheik Yamani, ein “kluger und fortschrittlicher Mann”, der allerdings in Saudi-Arabien mächtige Feinde hat.

Daniela Egger ist mit ihrer Erzählung mehr als nur eine Talentprobe gelungen. Die Autorin verbindet kritische Welterkundung mit literarischer Fiktion, ist dabei äußerst unterhaltsam und, wie bereits erwähnt, in ihrer knappen, lakonischen Sprache sehr stilsicher. Erfreulich sind auch die äußere Gestaltung des kleinen Bandes mit einer dezenten Coverzeichnung von Gottfried Bechtold und das offensichtlich sorgfältige Lektorat.

Die Autorin stammt aus Hohenems in Vorarlberg, schreibt Drehbücher, Theaterstücke, Hörspiele und Erzählungen und ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift miromente. 2010 veröffentlichte sie die Sagensammlung “Ein Samurai am Kriegerhorn”. “Der Steward hätte die Tür nicht öffnen dürfen” ist ihr erster Prosaband.

Sabine Schuster
6. Juni 2012

Originalbeitrag

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