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Susanne Ayoub: Das Mädchen von Ravensbrück.

Roman.
Wien: Braumüller Verlag, 2012.
258 Seiten; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-99200-007-4.

Link zur Leseprobe

Von gelebter Frauensolidarität

Es ist ein geradezu klassisches Subgenre der österreichischen Nachkriegsliteratur, das regelmäßig von den unterschiedlichsten Autorinnen und Autoren bearbeitet wird: der Roman, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Es ist vielleicht der prägendste Topos der österreichischen Literatur nach 1945, die Schrecken des NS-Regimes verstehbar zu machen, das Unbegreifliche begreifbar zu machen, sei es im Sachbuch, in zahlreichen Forschungsbänden über jüdisches Leben und den Holocaust – und eben in der literarischen Fiktionalisierung.
Ebenso wie die literarische Aufarbeitung und das generelle Erinnern zum gesellschaftlichen Konsens nach ’45 gehört, gehören Romane zum Thema zur literarischen Identität zahlreicher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Viel ist zum Thema bereits geschrieben worden, die unterschiedlichsten Blickwinkel und Protagonisten wurden beleuchtet und es scheint erstaunlich, dass immer noch weitere Facetten hinzukommen. Erstaunlich ist in dieser Hinsicht auch Susanne Ayoubs neuer Roman Das Mädchen aus Ravensbrück, der den Versuch unternimmt, vor allem die weibliche Sicht der Dinge in den Vordergrund zu stellen. Die Zeit des Nationalsozialismus in Biografien von Frauen also, exemplarisch der Schrecken durch Darstellung des größten Konzentrationslagers für weibliche KZ-Häftlinge: Ravensbrück.
Das Erstaunliche an Susanne Ayoubs Roman ist ja nun nicht die Wahl der weiblichen Perspektive – im Sinne der Frauenforschung und des gender mainstreaming ist dieser Ansatz innerhalb der Nische NS-Literatur naheliegend –, das Erstaunliche besteht darin, dass Ayoub sich nicht nur auf die Schrecken und die NS-Zeit selbst beschränkt, sondern – neben der Schilderung zahlloser Biografien, die den Text und plastisch und nachvollziehbar machen – das Danach ebenso wenig vergisst, das Österreich nach 1945. Es geht bei Ayoub um den Umgang mit dem Thema, um Verdrängung, Schuld, Gerechtigkeit, aber auch ganz privat um Hoffnung auf ein glückliches Leben, eine Arbeit, Ehe, vielleicht Kinder.
Dabei kommt Ayoubs Text vordergründig als authentischer, gut recherchierter Roman daher, ein klein wenig in der Tradition der Bücher von Erich Hackl, der spätestens seit seiner Familie Salzmann dem Thema Nationalsozialismus sein Konzept des dokumentarischen Romans auf den Leib geschrieben hat (Abschied von Sidonie und Die Hochzeit von Ausschwitz sind natürlich ebenso exemplarische Texte des Autors). Dennoch gelingt es Ayoub, einen ganz ihrem Schreiben eigenen Ton zu treffen, einfühlsamer, fast ein wenig herzlicher, denn trotz aller Recherche erzählt Ayoub nicht nüchtern-protokollarisch, sondern allein schon durch die vielen Dialoge lebendiger und wärmer. Das mag, wenn man dem Klischee verfallen will, den Biografien selbst geschuldet sein; immerhin handelt der Roman hauptsächlich von Frauen, denen man landläufig ja mehr Fähigkeit zu Empathie, zu Gefühlen und Solidarität als Männern zutraut. Das ist vielleicht zu kurz gedacht, denkt man da doch gleich in Stereotypen von männlich und weiblich, die eine neutrale Deutung der Geschehnisse, immerhin Verfolgung, Tod und Krieg, zumindest erschweren.

Aber zur Geschichte: Der Roman erzählt die Geschichte der Magdalena „Leni“ Tomi?, die durch ihre sozialistischen Eltern früh politisiert wird, etwa bei den Februarkämpfen 1934 in Wien als Sechsjährige von ihrer Mutter mit Verpflegung für die Kämpfer durch die Kampflinien geschickt wird. Später erbt sie die politische Arbeit ihrer Eltern und kommt zur Roten Hilfe, wegen der sie wenig später verhaftet wird. Sie wird verhört, gefoltert, in Wien unter anderem im Landesgericht inhaftiert, später ins KZ Ravensbrück interniert. Sie überlebt und marschiert zu Fuß nach Wien, hilft beim Wideraufbau mit, verliebt sich in den Widerstandskämpfer Viktor Lazar, dessen Schicksal sie in ihrer eigenen Haft bereits gestreift hat, und gemeinsam versuchen sie ein neues Leben zu beginnen. Immer wieder werden sie dabei von ihrer Vergangenheit eingeholt, sei es durch die Prozesse, die ehemaligen Nazis gemacht werden, sei es durch das schlechte Gewissen jener Mitläufer, die Hitler so einfach gefolgt sind.
Gerade die Schilderungen der ersten Haft, später die Zeit in Ravensbrück sind sehr eindrücklich; Ayoub zeichnet einen harten Alltag, in dem der Tod ständig nah ist, sie erzählt vom allgegenwärtigen Hunger, der schweren Arbeit, den Krankheiten, dem Sadismus der Aufseherinnen, aber vor allem schildert Ayoub den Zusammenhalt und die Solidarität unter den Frauen, ohne die sie das Lagerleben nicht überlebt hätten. Da liegt eventuell auch die Gefahr des literarischen Entwurfs, wenn man eben – wie oben beschrieben – von der generell höheren Fähigkeit zu Empathie und Solidarität von und unter Frauen ausgeht, da laufen literarische Texte Gefahr, ihre Figuren zu einseitig zu sehen. Eine Welt, in der die Opfer nur gut und nächstenliebend sind, die Täter aber reuelose Sadisten, wirkt ein wenig zu unrealistisch; das wird auch dem sehr komplexen Thema der NS-Zeit kaum gerecht, das ja von der zentralen Frage geleitet wird, wie man sich selbst verhalten hätte, wäre man in der Lage jener gewesen, die in dieser Zeit gelebt haben. Nicht jeder Mitläufer war ein wirklicher Nazi, über gut und böse zu urteilen, so scheint es, ist nicht immer so leicht.
Ayoub umschifft die Fährnisse, die der Literatur zum Thema zugrundeliegen, aber durchaus geschickt, gerade durch ihre Hauptfigur Leni Tomi?, die sehr sympathisch wirkt und mit der man sich als Leser/Leserin gut identifizieren kann. Rund um den „Backfisch“ Leni gruppiert Ayoub dann aber eine Reihe von hochinteressanten, teilweise historischen Persönlichkeiten, die den Roman auch so lebendig und spannend machen. Beispiele dafür sind etwa die später selig gesprochene und von der NS-Justiz ermordete Schwester Restituta, mehr noch aber die zahlreichen Biografien von engagierten Sozialistinnen, etwa Adelheid Popp, Paula Lazar oder Elisabeth Thury, die später bekannte „Doyenne“ des österreichischen Journalismus.

Susanne Ayoub ist trotz des schweren Themas ein kurzweiliger Roman gelungen, der die schwierigen Fragen rund um Gerechtigkeit, Schuld und Verantwortung in Anbetracht der Zeit des Nationalsozialismus zwar nicht lösen, wohl aber antippen kann. Mit ihrer konsequent weiblichen und teils biografisch sozialistischen Perspektive fügt Ayoub eine weitere Facette zum literarischen Genreroman der NS-Zeit hinzu.

Bernd Schuchter
20. Juni 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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