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Seher Cakir: ich bin das festland.

Erzählungen.
Wien: edition exil, 2012.
128 Seiten; broschiert; Euro 12,-.
ISBN: 978-3-901899-56-0.

Leseprobe

Autorin

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Neugierig stellt das kleine Mädchen Selda ihrer Nana, wie sie die Großmutter nennt, Fragen über Fragen zur Familiengeschichte, und Nana hat ebenso viele Lebensweisheiten als Antwort. Aber in ihrer neuen Heimat Wien kann Selda ihre türkische Großmutter dann nichts mehr fragen.
Die Immigrantin Selda ist die Heldin des Erzählbandes „ich bin das festland“ von Seher Cakir. Die Autorin, die in Istanbul geboren wurde und in Wien aufgewachsen ist, greift darin Migration nicht thematisch, sondern als Leitmotiv auf.
Eine Mischung aus Zucker und Zitrone, genannt „agda“, ist etwa das traditionelle Mittel zur Ganzkörperenthaarung – Seher Cakir erzählt von jenen Aspekten der türkischen Kultur, die nicht stereotyp verbreitet sind.
Dabei kämpfen die Frauenfiguren in „ich bin das festland“ um ihr Leben, in dem sie die Vergangenheit bewältigen, die Gegenwart ertragen oder ihre Zukunft retten müssen. Die Familie ist dabei der unumstößliche Bezugspunkt, sei es in den Großstädten Istanbul und Wien oder im Dorf. Zu Beginn begleiten wir die kleine Selda aus ihrer ehemaligen Heimat nach Wien und erleben dabei den Kulturwechsel mit den Augen eine Kindes. Umso mehr berührt uns an späterer Stelle der Selbstmordversuch von Selda als Teenager. Die Lektüre des Erzählbands hinterlässt zweifelsohne Spuren in unserer Gefühlswelt.
„Ein anderer Tag“ heißt eine weitere der 15 Kurzgeschichten, die schlichtweg ergreifend ist: Der Erzähler berichtet anonym von einer Frau, die abgetrieben hat, ohne dies ein einziges Mal direkt anzusprechen. Wir beobachten sie bei ihrem Kampf gegen innere Leere und quälende Schuldgefühle. Der Wechsel zwischen personaler Erzählperspektive und Monolog unterstreicht ihr Hin- und Hergerissensein.
Das Herzstück des Erzählbandes ist die Kurzgeschichte „Der Ruf des Muezzins“, mit einer Ich-Erzählerin, die ihre Böreks mit österreichischem statt mit türkischem Strudelteig bäckt. Ihr Umgang mit dem interkulturellem Leben zwischen Marmaris und Wien als geschiedene Frau eines Deutschen ist spielerisch. Ein moralisches Problem bekommt sie mit ihren Liebesabenteuern erst, als sie in die Türkei zu ihren Eltern zurückkehrt, denn die erwarten von ihrer Tochter traditionell einen türkischen Mann und keine beliebigen Bettgeschichten.
Erotisch, direkt, freizügig – dies sind die Schlagworte zur Kurzgeschichte „One-Night-Stand“. Diese Hotelnacht wird nicht bloß nacherzählt, sondern wir sind unmittelbar dabei, und zwar abwechselnd in den Gedanken des Mannes und der Frau. Liebe spielt hier keine Rolle, vielmehr die Sonnenbrille, damit frau mitten in der Nacht im Hotel Orient unerkannt bleibt.
Seher çakir erzählt sowohl vom Leben der Menschen zwischen türkischer und österreichischer Kultur als auch generell von starken und schwachen Frauen, ihren Männern und dem Leben an sich.

Der Erzählstil von Seher çakir ist entsprechend dem vielfältigen Inhalt variantenreich und wandelt sich von einer Kurzgeschichte zur nächsten. Die verschiedenen Perspektiven und Erzählzeiten mit zahlreichen Vor- und Rückblenden bewirken Lebhaftigkeit und Dynamik. Der Erzählton wechselt je nach Seelenlage der Figuren zwischen heiter, aufgeregt und melancholisch. So sucht die junge Selda Zuflucht in einem Gedicht von Khalil Gibran, während die Mutter des verstorbenen Sohnes Nelson den Selbstmord als letzten Ausweg wählt.
Seher Cakir beweist Kreativität in einer modernen, saloppen Sprache, die zuweilen mit türkischen Sprichwörtern, dem Wiener Dialekt oder amerikanischem Slang versetzt ist. In der Kurzgeschichte „One-Night-Stand“ werden auch intime Details beim Namen genannt. Dass nicht alles ganz so ernst zu nehmen ist, zeigen Redewendungen wie das „Blend-a-med-Lächeln“ oder ironische Anspielungen, z. B. auf die triviale TV- Talkshow von Britt Hagedorn. In der Kurzgeschichte „Mein Amerika“ wird aus dem „Land der Träume“ das „Land der guten Pizzas“.

„ich bin das festland“ ist ein schöner und facettenreicher Erzählband, mit dem Seher Cakir ihr erfolgreiches Prosadebüt „zitronenkuchen für die 56. frau“ (edition exil 2009) fortschreibt.

Monika Maria Slunsky
20. Juni 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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