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Hansjörg Zauner: die tafel schreibt.

gedichte.
Mit einem Essay von Franz Josef Czernin.
Klagenfurt: Ritter Verlag, 2012.
128 Seiten, brosch., Euro 13,90.
ISBN: 978-3-85415-482-2.

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„zwischen fleischlosbergen“ … nehmen wir dieses Partikel aus dem neuen Gedichtband von Hansjörg Zauner einmal als Zentrum eines Gedichtklümpchens an – dann haben wir da etwas, was eine Lücke schlägt: Etwas fehlt, und das gleich in montanem (monumentalem) Ausmaß; ein ganzes Fleischlosgebirge türmt sich, um auszuufern in „alle mauern aufgefaltet“, in gerade wie die „fleischlosberge“ kontradiktorische „schafsziegenmilch“ – da fällt also das Gefecht des Unvereinbaren in den Spiegel, und statt Hüttenkäse sticht uns ein „blütenkäse“ in die Nase, und das alles transformiert sich wiederum in jene Aktion, jenen besonderen Zustand: „exotisches duftöl gut ausgezwickt bereift“; eine Bereifung, die den Käse wieder anklingen lässt.

Und gleich darauf „krakelt kühlschrank geschirrtuchsauna“ gerade im selben Maß und in der selben Schrift, die für beide Vorgänge dieses selbe Schriftbild der „Bereifung“ kennt. Und die paragrammatische Deformation des Hüttenkäses in den „blütenkäse“ färbt ihrerseits ab, findet ihre Spiegelung: Ein „verliebtes sackerl“ lässt ein „vergilbtes“ anklingen, die Hitze der Sauna verlängert sich in ein „glimmraupenei“, dessen letzte Silbe sozusagen wieder in den Kühlschrank zurückkehrt etc.

Belassen wir es bei dieser kurzen und oberflächlichen Lesung des Anfangs eines der Gedichte in Hansjörg Zauners neuem Band „die tafel schreibt“, der dann also lautet: „auch schafsziegenmilch lockert / zwischen fleischlosbergen blütenkäse / so werden alle mauern aufgefaltet / exotisches duftöl gut ausgezwickt bereift / so krakelt kühlschrank geschirrtuchsauna / verliebtes sackerl tröstet glimmraupenei / […]“ – plötzlich drängt sich beim Wiederlesen flüchtig das Bild einer Zahnlücke auf, das Glimmraupenei erinnert vielleicht an eine Zigarette, rund und weiß und glühend, aber alles bleibt – und gerade aufgrund strengster Struktur – stets offen, und wir beginnen unsere Lesung wieder von vorne.
Denn schon das „auch“ des Anfangs lässt das Gedicht doch potenziell uferlos wirken. Und nicht von ungefähr endet es daher wohl auch auf „wollig hart ist säge flüssig papierhautschrei“: Das Wollig-Flüssige der Schafziegenmilch vom Beginn darf am Ende – ein Netz – wieder eingeholt werden, in der „säge“, diesem mit Zähnen Lücken reißenden, weißen Sagen. Was am Anfang so uferlos wirkt, ist es am Ende also genau deswegen, weil es potenziell eine Schleife, eine in sich geschlossene Luftmasche bildet.

„Da ein Gedicht alles bedeutet, besagen die Gesetze, denen es folgt, nicht, was es bedeuten und was es nicht bedeuten kann, sondern, auf welche Weise Gedichte alles sind oder bedeuten, und deshalb auch, auf welche Weise ein bestimmtes Gedicht alles ist und bedeutet.“ – Soweit Franz Josef Czernin in seinem Essay zu Zauners Titel gebendem Gedicht, den Zauner wiederum als Anregung für rund 1.400 andere Gedichte genommen hat. Von diesen sind nun letztlich 91 in den vorliegenden Band aufgenommen, der definitiv für besondere Lesende geschrieben ist, für nach Lesefrüchten Klaubende: Lesende, die fähig sind, Silbe um Silbe zusammenzurech(n)en, um sich selbst mit einer unendlichen Anzahl von Bezügen zu belohnen.

Lisa Spalt
26. Juni 2012


Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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