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Leseprobe: Marianne Gruber - Erinnerungen eines Narren.

Am Ende des ersten Tages war ich so müde, daß ich kaum stehen, kaum essen konnte. Der Löwendompteur verhöhnte mich, die Akrobaten, sogar der Liliputaner, den sie Rollo nannten, trieb seine Späße mit mir. Ich stand nur da und dachte nichts. Der Direktor beobachtete mich voll Verachtung, wie mir schien, und in mir nickte etwas. Viertelportion, sagte einer der Jongleure, und ich nickte. Mülltonnengeburt. Ich nickte. Schwächling. Ich nickte, schaute an mir hinunter. Die spindeldürren Beine, die zu langen Arme, meine ungeschickten Bewegungen, kaum Muskeln, keine Kraft. Der Liliputaner hielt mir einen Spiegel entgegen, während er ein Spottlied sang. Ich schloß die Augen, um mich in mir selbst zu verkriechen. Was hatte ich hier bloß gesucht, was erwartet? Der Ungeschickteste und Dümmste von allen hier taugte noch immer mehr als ich. Ich nahm meine Kappe, die letzte Erinnerung an … starrte sie an und wußte nicht mehr, woran mich ihr Geruch erinnerte. An Zuhause? An den Vater, an die Mutter? Zum Geruch des Todes, den ich kannte, war der des Lebens wie ein fernes Versprechen gekommen, zum Schweiß und Geruch der Hinterhöfe der Geruch der Züge und zum Geruch der Züge der Geruch des Landes und des Schweißes der Menschen dort, der Geruch von Fabrikschloten, frisch geschnittenem Gras, von Schnee auf den Bergen, salzigem Wasser, nun vermischt mit dem der Tiere, unter denen ich mich den ganzen langen Tag aufgehalten hatte. An all das erinnerte die Kappe, aber wie von fern, wie an fremde Geschichten, die einer ohne Anteilnahme nacherzählt. Ich roch, ich stank nach ihnen allen, bloß – was war mein Geruch? War man der Geruch der Dinge, der fremden Geschichten, der Abwesenden und der Gegenwärtigen, oder roch so das Fremdsein. War man dadurch fremd, daß sich all diese Gerüche nicht abschütteln ließen, zum Schicksal wurden, ohne je das eigene Schicksal gewesen zu sein?
(S. 36f.)

©2012 Haymon Verlag, Innsbruck.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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