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Richard Berczeller: Fahrt ins Blaue.

Wien: Czernin Verlag, 2012.
168 Seiten; geb.; Euro 19,80.
ISBN 978-3-7076-0397-2.
E-Book: Euro 14,99
ISBN: 978-3-7076-0418-4

Link zur Leseprobe

Richard Berczeller war ein Mann mit vielen Talenten: er war Schauspieler, Arzt, Autor und nicht zuletzt ein begnadeter Erzähler. „Mein Vater erzählte nicht bloß Geschichten, er erweckte sie zum Leben. Mit einer Stimme, die gleichzeitig heiser und melodisch klang, in einem ungarischen Akzent, der das romantische Wesen seiner Erzählungen nur noch verstärkte.“ (S.162), beschreibt ihn der Sohn Peter im Nachwort. Er zeichnet für die Herausgabe des Erzählbandes „Fahrt ins Blaue“ verantwortlich, der die ins Deutsche übertragenen „Short stories“ des Vaters aus den 1960er und -70er Jahren versammelt.

Richard Berczeller wurde 1902 zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Ödenburg/Sopron geboren. 1919 wurde seine Familie aus politischen Gründen vertrieben – der Vater war als engagierter Sozialdemokrat im Hórthy-Regime unerwünscht. Ab 1920 studierte Sohn Richard in Wien Medizin und verdiente sich zuerst als Komparse und dann mit größeren Rollen bei Michael Kertész (später Michael Curtiz, Regisseur von „Casablanca“) das notwendige Geld fürs Studium. Danach kehrte er zurück ins neu begründete Burgenland, das ihm als Heimatersatz diente. Bis 1938 lebte er hier als Landarzt in dem kleinen Städtchen Mattersburg. Dann wurde er als Jude und Sozialdemokrat verhaftet, seine Frau und sein Sohn wurden delogiert. Der Fluchtweg der kleinen Familie führte über Wien nach Frankreich, in die westafrikanischen Kolonien, wieder nach Frankreich und schließlich in die USA, wo Richard Berczeller in New York eine neue Existenz als Arzt aufbaute.

Über das leidenschaftliche Erzählen seiner Erinnerungen („Wie bei einem Lied, das man so oft gehört hat, dass man die Melodie vom ersten Ton an mitsingen kann, begrüßte das Langzeitpublikum meines Vaters den Beginn eines seiner Klassiker stets mit einem freudigen Murmeln.“, S.161) kam Richard Berczeller zum Schreiben. Wie es ihm gelungen ist, seine „Short stories“ im berühmten Intellektuellen-Magazin „New Yorker“ zu veröffentlichen, erfahren wir leider nicht – es wäre sicherlich auch eine interessante Geschichte. Aus den Erzählungen ergibt sich wie von selbst eine Autobiografie des Arztes, obwohl er eine solche schon 1964 unter dem Titel „Displaced Doctor“ (1965 in der Übersetzung: „Die sieben Leben des Doktor B.“) verfasst hatte.

Die Liebe zu den Menschen und die Neugierde auf die Geschichte, die in jedem von ihnen steckt, verbinden sich mit einer passionierten Erzählfreude, die Richard Berczellers Anekdoten so liebenswürdig machen. Es ist nicht eine romantisch-verbrämte, versunkene Welt, die hier wieder aufersteht. Zwar sehen wir mit den Augen des Kindes („Die Revanche“) die lebhafte Garnisonsstadt Ödenburg, in der die Offiziere auf den Boulevards promenieren und der Bub „sämtliche Ränge vom Korporal bis zum Oberleutnant“ (S.25) kennt, ehe er richtig schreiben kann. Wir erkennen auch schon die Leidenschaftlichkeit fürs Erzählen, das ihn die „Erzähler“ in der Familie, den Onkel Solomon und die Großmutter, den nüchternen Eltern vorziehen lässt. Aber es mischt sich aufkeimende Erkenntnis ins Bild des Heranwachsenden. Zwei Welten prallen in „Die Revanche“ aufeinander: hier der geliebte Onkel, der deutsch-nationale, traditionelle jüdische Bäcker Solomon, da der fortschrittliche und kritisch gesinnte Vater, der als Kriegsgegner und überzeugter Sozialist Visionen umsetzt.

In den 1920er Jahren in Wien begegnet uns Richard Berczeller als zwischen der Schauspielerei und der Medizin schwankender Student wieder. Er zeichnet das Selbstportrait eines temperamentvollen jungen Mannes, der keine Scheu zeigt anzuecken, wenn es darum geht, seine Meinung zu vertreten, und dem der ehrgeizige Regisseur Michael Kertész eine große Filmkarriere zutraut („Sodom und Gmorrha“). Allerdings entscheidet sich „der Sturschädel“ anders und man möchte meinen, zu Recht, denn die Leidenschaft für seinen Beruf als Arzt ist in allen Erzählungen spürbar. Als er zum ersten Mal die Verantwortung für ein Weihnachtswochenende an der Klinik trägt („Der Morphinist“), zeigt sich bereits die volle Einsatzbereitschaft und zugleich der Humor, mit dem er als Arzt zu einem Menschenkenner heranwächst („Vaterschaft“, „M. Zuckerbergs Herz“). Immer ist er kühler Diagnostiker und brennender Teilnehmender zugleich. Der Beruf des Mediziners ist prädestiniert, dem Menschen bis in die Eingeweide zu schauen und das nicht nur physisch.

Die humorvolle Note, mit der er die Nöte seiner Mitmenschen beschreibt, schlägt nie in Zynismus um. Die Leichtigkeit und der Charme der Erzählungen über den Alltag lässt die politischen Machenschaften der Faschisten umso brutaler erscheinen. Davon berichtet unter anderen die titelgebende Erzählung „Fahrt ins Blaue“. Hier trifft Richard Berczeller die „feschen“ Eisenstädter Brüder Otto und Bruno im Exil in Frankreich wieder und bettet deren Abtransport nach Ausschwitz in eine heitere Ausflugsfahrtsgeschichte ein, in einer für den Autor so typischen Verbindung von Komik und Tragik. Große Anerkennung muss man ihm dafür zollen, wie mühelos er seine Geschichten offenbar auf Englisch erzählt (in einer perfekten „Rück-Übersetzung“ ins Deutsche von Jacqueline Csuss), obwohl er erst im Alter von 39 Jahren nach New York kam. Es ist eine Kunst in einer fremden Sprache das Schwere so leicht zu erzählen. Bis ins hohe Alter blieb der charismatische Arzt eine Symbolfigur für die Überlebenden der aus dem Burgenland vertriebenen Juden. Richard Berczeller starb mit 92 Jahren in New York.

Beatrice Simonsen
24. Juli  2012

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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