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Leseprobe: Florian Gantner - Sternschnuppen der Menschheit.

Im Frühling des Jahres 1904 gastierte die Tänzerin Isadora Duncan im Wiener Carltheater. Die Künstlerin, deren Anliegen eine Wiederbelebung des Geistes der griechischen Tragödie war, tanzte als Finale ihrer Vorstellung „Die schöne blaue Donau“. Als sie endete und von der Schönheit des griechischen Chors zu sprechen beabsichtigte, wollte das Publikum mehr. Der Applaus schnitt die Worte der Isadora Duncan ab, einzelne Zwischenruf waren zu vernehmen: „Weitertanzen“, „Schöne blaue Donau!“
Nachdem sich der Vorhang gesenkt hatte, bewegte sich die Menge allmählich zu den Ausgängen. Sie schob sich durch die Schwingtüren, wälzte sich über die Treppen hinab zum Ausgang und hinaus auf die Jägerzeile. Da löste sich ein junger Mann aus dem Strom und eilte geschwinden Schrittes die Straße entlang. Nach kurzer Weile erreichte er die Kronprinz-Rudolf-Straße. Von dieser bog er rechts in die Radinger-Gasse ein, die schließlich in die Feuerbach-Gasse mündete, in welcher er das Wohnhaus Nr. 25 betrat und sich in eine kleine Stube im dritten Stock begab. Kaum angekommen, kritzelte er Zeilen auf ein Stück Papier, das der angehende Kritiker am nächsten Tag einem Zeitungsredakteur übergeben würde. Die ersten Zeilen glichen fast wortgetreu einem Text, den Hermann Bahr am 1.2.1902, also über zwei Jahre zuvor, im Neuen Wiener Tagblatt veröffentlicht hatte: „Sie erschien in einem einfachen, fließenden Gewande, mit gänzlich nackten Füßen, leicht wie ein Hauch, schnell wie eine Welle, nicht eigentlich tanzend, sondern gleitend, schwebend, fließend, einer sanften Melodie gleich, die zur Linie geworden wäre. Wir hatten alle das Gefühl, niemals dergleichen gesehen zu haben: unbedeckt waren die Füße, barfuß tanzte die Duncan!“
Barfuß konnte man im August noch über die Wiesen laufen. Auch im Mai, Juni und im Juli. Aber nicht mehr im September, so sagte ein Sprichwort. Denn der September hatte ein R im Namen.

Der Deutschlehrer Eugen Rübner hatte die Latte bewusst niedrig gelegt. Er wusste, die meisten seiner Schüler hatten keinerlei Interesse an Literatur, ihr Wissen darüber war nicht anders als beschämend zu nennen. Also ließ er den Test leicht ausfallen. Eine Aufgabe bestand etwa darin, die Namen fünf österreichischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts aufzuschreiben, die außerdem in Wien gelebt hatten.
Er hatte damit gerechnet, dass die Schülerin Mladenovic irgendwelche längst vergessenen Namen ausgraben würde. Und wirklich kamen fünf Schriftsteller fragwürdiger Provenienz inklusive ihrer Geburts- und Sterbedaten. Darunter etwa der kaum bekannte Reiseschriftsteller Ernst Alexander Zwilling, geboren am 25. September 1904. Das Geburtsdatum, so schlug Rübner nach, war korrekt. Insofern hielt sich die Überraschung Rübners noch in Grenzen. Warum die Schülerin Mladenovic aber den Geburtsmonat mit einem großen R am Ende geschrieben hatte, konnte sich Eugen Rübner beileibe nicht erklären. Auch in seinen Nachschlagewerken fand er keine plausible Begründung.

Der Psychiater Lothar Barth lag auf der bordeauxfarbenen Ottomane in seinem Therapiezimmer. Der Ohrensessel neben ihm war frei. Barth blickte zur Decke des Altbauzimmers, betrachtete den Luster, dessen Glasperlen seit unendlicher Zeit unbewegt schienen. Die Stille war fast vollkommen, der Straßenlärm nur bei genauem Hinhören vernehmbar. Frau Mayer hatte sich den Nachmittag freigenommen, es standen keine Sitzungen an.
Der Psychiater war in Gedanken. Er wunderte sich, weshalb ihn die Leute mieden, fragte sich, ob es an seinem Deutsch läge. Seine manchmal ungewöhnliche Wortwahl mochte den einen oder anderen befremden. Die norddeutsche Aussprache, deutete Kollege Nemec an, könnte für manch hiesigen Zuhörer als hart empfunden werden. Wodurch die Schaffung einer Vertrauensbasis mit dem Patienten erschwert würde.
Lothar Barth dachte über sein Leben nach, über das, was er bis zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte. Leise sprach er vor sich hin: „Und jetzt liege ich in der Stadt von Freud und warte auf einen Patienten.“ Er blickte auf seine Armbanduhr: Drei Uhr zehn Minuten, der Sekundenzeiger schien zu zögern. Ein Wisch des Augenlides vernichtet dieses Bild.

© 2012 edition laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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