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Leseprobe: Manfred Rumpl - Ein Echo jener Zeit.

Um die Unruhe zu besänftigen, die mich seit den letzten Ereignissen umtrieb, las ich jeden Tag ein paar Geschichten von Peter Altenberg. Dass ich damit meinem Vater nahe sein konnte, ohne ihn zu besuchen, war ein Nebeneffekt der Lektüre, bei der mir aber auch Arno Neuenfeld immer öfter in die Quere kam. Ich hatte seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht war es nun ja an mir, ihn anzurufen oder ihm zu schreiben, wenn ich ihn wiedersehen wollte. Ob ich das wirklich wollte, war mir nicht ganz klar; doch genau das sagte mir auch, dass ich es endlich tun sollte.
Ich las diese Geschichte über das Mädchen mit dem Ballon, von der er mir mit leuchtenden Augen erzählt hatte. Nachdem ich zu Ende gelesen hatte, schloss ich die Augen, und plötzlich war Oma ein Teil meiner Vorstellung. Ich erkannte, dass die Seele meiner Großmutter in einem solchen Ballon steckte, sah sie aber nicht - wie die Luftballons des reichen Mädchens - im Blau des Himmels verschwinden, sondern sich am Plafond eines Zimmers in der Ecke verfangen, wo, wie auch in der Geschichte, der Luftballon des armen Mädchens klebte... Bis er schrumpfte, schrumpfte und noch mehr schrumpfte, um erst nach Tagen „als ein schwarzes Säckchen“ herabzufallen.
Unverzüglich griff ich zum Handy und rief meinen Vater an, der mir versicherte, dass Großmutter am Leben war. Er kam gerade aus dem Spital in Feldbach und war unterwegs nach Graz, um Claudia vom Institut abzuholen. Die Ärztin habe gesagt, dass es Oma mittlerweile sogar erstaunlich gutgehe, wenn man ihr Alter in Rechnung stelle und das, was der Schlaganfall in ihrem Kopf angerichtet habe. Ich ließ mich gern beruhigen und versprach, bald wieder einmal aufs Land zu kommen. Nachher kam ich mir irgendwie blöd vor. Fiel ich etwa schon auf meine eigenen Tagträume herein? Die Sehnsucht, aus erster Hand doch noch etwas über die Hintergründe von Mamas Verzweiflung zu erfahren, ließ mich offenbar nicht los.

Jetzt oder nie, sagte ich mir, löste mich mit einem Ruck von meinen Gedanken, ging an den PC und schrieb an diesen Franzosen mit den rauen Manieren, der vielleicht gar nichts mehr von mir wissen wollte. Während ich nach Formulierungen suchte, die nichts mit meinen Gefühlen zu tun hatten, kam eine Nachricht herein. Ich brachte zügig zu Ende, was ich zögernd begonnen hatte, und las dann, was die Leute von data mir zu sagen hatten: Es sei gelungen, stand da, eine Nachricht mit dem Betreff Ragnarök zu kopieren, die zweifellos von Endsik an eine Brünnhild adressiert worden sei, hinter der wiederum eine gewisse Rita Winter stecke, wie man herausgefunden habe; wobei auch das ein Pseudonym sein könne.
Ich öffnete den Anhang und staunte nicht schlecht, als ich zu lesen begann. Was sollte ich mit einer Geschichte über die Suche nach einem Schatz anfangen, die ich keinem Kind zu lesen geben würde, weil sie mit Rechtschreibfehlern nur so gespickt war? Auf den zweiten Blick kam mir vor, dass es sich dabei um das Deutsch von jemanden handelte, der nicht in seiner Muttersprache schrieb. Als ich mir den Text rhythmisch durch den Kopf gehen ließ, erkannte ich die Sprachmelodie einer Praktikantin aus der Redaktion, die aus Ungarn kam. Die Story handelte von einem alten Helden in der Verbannung, der sich gegen alle Widerstände noch einmal aufmacht, um sich zu holen, was ihm und seinen Getreuen zusteht. Dieses Vermögen wird dann dazu benutzt, die Interessen des Volkes durchzusetzen, wobei der Zweck fast jedes Mittel heiligt, wenn ich das richtig interpretierte.
Was sollte ich davon halten? Entweder war das eine falsche Spur, ein inszeniertes Manöver, um neugierige Leute wie mich in die Irre zu führen; oder es war so etwas wie eine Parabel, also eine als Geschichte verkleidete Botschaft. Vielleicht war es ja sogar eine codierte Anleitung zum Handeln, die ich nur nicht richtig lesen konnte. Womöglich gab es da einen Text im Text. Die Geeks von data jedenfalls enthielten sich jeden Urteils, was diese auf den ersten Blick so naive Nachricht noch bedeuten könnte. Ich fragte mich, an wen ich mich damit wenden könnte. Herr Herbart in Fürstenfeld fiel mir ein, aber der hatte gar keinen Computer, sodass ich ihm die Geschichte nicht einmal per E-Mail schicken konnte. Meinen Vater wollte ich, soweit das möglich war, aus der ganzen Sache heraushalten; aber mein Chef, erinnerte ich mich, kannte doch jede Menge Leute, Gott und die Welt sozusagen: Experten für alles und nichts. Ich druckte die Geschichte aus, faltete sie und steckte sie in die Gesäßtasche meiner Jeans.

(S. 151- 153)


© 2012 Literaturverlag Droschl, Graz-Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





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