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Martin Horváth: Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten.

Roman.
München: DVA, 2012.
345 Seiten; gebunden; Euro 20,60 [A].
ISBN 978-3-421-04547-8.

Link zur Leseprobe

Der fünfzehnjährige Ali aus Westafrika kann alles, weiß alles und spricht jede Sprache, vor allem hervorragend Deutsch. Sprachspiele und Kalauer kommen ihm ebenso leicht über die Lippen wie klassisches Liedgut. Und er hat Humor, den er auch schlicht zum Überleben braucht, denn Ali ist nicht Teilnehmer einer Talente-Show, sondern unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in einem Wiener Asylantenheim. Durch dieses wandert er bei Tag und oft auch bei Nacht, um Geschichten zu sammeln, kein Schicksal bleibt vor ihm verborgen, nur seine eigene Erinnerung ist Tabuzone und soll es auch bleiben. Wer braucht schon Träume oder gar eine Trauma-Therapie? 

Martin Horváth verpackt die hochaktuelle Flüchtlingsthematik in die alte Form des Schelmenromans, seine Hauptfigur Ali Idaulambo ist ein moderner Hofnarr, der Sinn und Unsinn, Fakten und Fiktion, Tragödie und Komödie, reale und erfundene Identitäten bunt durcheinanderwirbelt und keinerlei Grenzen respektiert. Als allwissender Erzähler ist er komplett unglaubwürdig, und trotzdem oder gerade deswegen fasziniert er seine ZuhörerInnen. Wie Scheherazade in "Tausendundeine Nacht" erzählt Ali gegen sein Schicksal an, gegen die Träume, die ihn immer eindringlicher verfolgen, und gegen die drohende Abschiebung.

Ali und seine jugendlichen Mitbewohner sind schwer traumatisiert. Da ist Yaya - ein ehemaliger afrikanischer Kindersoldat - mit seinen Flashbacks, die ihn immer wieder schreiend aufwachen lassen. Junge Mädchen aus den verschiedensten Herkunftsländern wurden auf den Weg nach Europa geschickt, manche ganz offen verkauft. Der schlaflose Gjergi zieht sich in seine Tagträume zurück und stirbt schließlich exakt an jenem Tag, an dem er einen positiven Asylbescheid erhält.  Ali selbst gleitet mehr und mehr in eine surreale Welt ab, in der er die "Abschiebeministerin" kidnappt und Kollegen aus der Schubhaft befreit - alles jedoch "nur" in seiner lebhaften Phantasie.

Zu Beginn des Romans bewegt sich Ali noch weitgehend in der Realität, er erzählt vom Alltag der jugendlichen Flüchtlinge und und von seiner heißgeliebten Betreuerin Mira Obranovic, von Putzdiensten und vom multikulturellen Kochen, vom Deutschkurs und von den vielfältigen Herausforderungen eines Sommerauftenhaltes in Kärnten, dem "schönen Freistaat an den Gestaden des Wörthersees", wo die Familie des Flüchtlingsbetreuers Hans Pogatschnigg ein großes Forsthaus in einem stillen Seitental der Karawanken zur Verfügung stellt. Hier ist jede Menge Platz für Sprachwitz und skurrile Szenen - ein Haufen jugendlicher Georgier, Albaner, Tschetschenen, Afghanen, Afrikaner zieht widerspenstig in die Berge (der erste davon trägt den urgermanischen Namen Kosmatitza), intoniert am Lagerfeuer Kärntnerlieder und verirrt sich mit Schubert "in die tiefsten Felsengründe", um sich schließlich doch für einige Tage zu fühlen, "als wäre die Schwerkraft aufgehoben" (S. 140). Obwohl der Autor seinen Erzähler sehr übermütig anlegt, bleibt er seinen Figuren stets treu, die Fragilität ihrer Existenz ist in jedem Moment spürbar.

Mit fortschreitender Handlung kann der allzu souveräne Erzähler seiner eigenen verdrängten Geschichte nicht mehr entfliehen. Mutter und Schwestern, deren  Ermordung Ali als Bub mitansehen musste, verfolgen ihn nun auch tagsüber. Seine damalige Ohnmacht ist zur drückenden Schuld geworden - eine Ohnmacht, die er auch in seiner Rolle als Asylwerber täglich spürt. Ihm sind buchstäblich die Hände gebunden. Seine spektakulären Aktionen, mit denen er endlich aktiv werden und seinen Freunden helfen will, entpuppen sich als Delirien, aus denen er jeweils im Krankenhaus erwacht. Auch der Epilog des Romans dreht sich im Kreis wie ein Fiebertraum. Alle Insassen des Asylantenheims werden abgeholt, geknebelt, gefesselt und in einer Straßenbahn angekettet. "Wir biegen in die Ringstraße ein, wir fahren vorbei an Parlament und Rathaus und Burgtheater, Donaukanal und Stadtpark lassen wir links, Hofburg und Oper rechts liegen, bis wir wieder vor dem Parlament angelangt sind und die Runde von neuem beginnt." (S. 328)

Das Thema des Fremdseins beschäftigt Martin Horváth schon seit Langem: als Schriftsteller, als Musiker auf Reisen, aber auch als Österreicher, der fünf Jahre in New York verbrachte und im Zuge eines Forschungsprojektes zahlreiche jüdische ÖsterreicherInnen kennenlernte, die während der Nazizeit aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben wurden. Am Beginn der Recherche zu "Mohr im Hemd" standen Bücher und Zeitschriften, Gesetzestexte, Bescheidanalysen und Fachliteratur zur psychoanalytischen Arbeit mit traumatisierten Menschen. Am Wiener Integrationshaus absolvierte Horváth schließlich eine sogenannte Flüchtlingsbuddy-Ausbildung. Welthaltig und gegenwartsbezogen sollte sein erster Roman sein, und zu einem konstruktiveren Dialog zu den Themen Asyl und Zuwanderung beitragen.
Dies kann gelingen, wenn "Mohr im Hemd" nur gelesen wird.
Dazu möchte ich unbedingt raten, denn Martin Horváth präsentiert ein brisantes politisches Thema überzeugend aus der Sicht seiner jugendlichen Helden und lädt den Text mit aller - auch destruktiven - Energie auf, die in diesen Figuren steckt.

Sabine Schuster
5. September 2012

 

 

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